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Vertreter von Stadt- und Gemeindewerken verfassten in Penzberg einen Appell.

„Oberland Erklärung - Penzberg 2019“

Energiewende-Ziel wird verfehlt: Stadt- und Gemeindewerke fordern weniger Bürokratie und offensive Förderung

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Das Ziel, das Oberland bis 2035 komplett auf erneuerbare Energie umzustellen, wird nach aktuellem Stand verfehlt. Auf die ernüchternde Bilanz haben nun mehrere Stadt- und Gemeindewerke mit einer „Penzberger Erklärung“ reagiert. Sie fordern von Bund und Freistaat weniger Bürokratie und eine offensive Förderung.

Penzberg – Noch 16 Jahre lang Zeit hat das Oberland, um das Ziel zu erreichen, sich vollständig mit erneuerbarer Energie zu versorgen. Man werde es nicht schaffen, sagt Stefan Drexlmeier, Geschäftsführer der Energiewende Oberland (EWO) – zumindest „nicht unter den aktuellen Rahmenbedingungen“. Damit meint er bürokratische Hürden. Ein Beispiel: Das Atomkraftwerk Ohu bei Landshut dürfe 121 Meter von der Wohnbebauung entfernt liegen, bei einer Windkraftanlage müsse die Entfernung dagegen zehn Mal so groß sein, sagt Drexlmeier. Soll heißen: Die Abstandsregelungen verhindern in Bayern die Windkraftnutzung. „Erneuerbare Energien werden nicht als Umweltschutzmaßnahmen erkannt“, kritisiert Walter Huber, Geschäftsführer der Stadtwerke Bad Tölz, was zum Beispiel die Realisierung von Wasserkraftanlagen erschwert. „Das ist eklatantes Politikversagen.“ EWO-Energiemanager Andreas Scharli erzählt davon, dass eine kilometerweit von der Wieskirche entfernte Windkraftanlage verhindert wurde, weil der Kirche sonst der Titel „Weltkulturerbe“ entzogen worden wäre, wegen der „spirituelle Fernwirkung“. Bei Ausschreibungen von großen Kraftwerken, so eine weitere Kritik, zähle nur der Preis, nicht aber Ökologie oder Regionalität.

EWO: „Wir müssen uns mehr anstrengen“

„Wir müssen uns viel mehr anstrengen, um bis 2035 komplett auf erneuerbare Energien umzustellen“, so Drexlmeier. Wesentliche Akteure seien dabei die Stadt- und Gemeindewerke in der Region. Deren Vertreter versammelte die EWO jetzt in Penzberg, um sich auszutauschen und von der Expertise des jeweils anderen zu profitieren, sei es bei Windkraft, Geothermie, Wasserkraft, Fernwärme, Mieterstrommodellen oder Solarparks. Alle Stadt- und Gemeindewerke sind auf einem oder mehreren dieser Gebiete aktiv. „Wir müssen den Mix nutzen“, so Drexlmeier.

Gemeinsame „Penzberger Erklärung“ von Stadt- und Gemeindewerken

Ein Ergebnis des Treffens ist auch ein gemeinsamer Appell mit dem Namen „Oberland Erklärung – Penzberg 2019“, der über Gremien und Verbände Druck nach oben ausüben soll. „In Paris in die Kameras zu winken, ist zu wenig“, sagte Walter Huber von den Tölzer Stadtwerken über die Politiker beim Pariser Klimagipfel. Unterzeichnet wurde der Appell von neun Gemeinde- und Stadtwerken, dem Elektrizitätswerk Tegernsee, der „17er Oberlandenergie“ und der EWO. Darin erklären sie, zur Energiewende „aktiv und konkret“ beizutragen, zum Beispiel mit Erzeugungsanlagen für erneuerbare Energien, Ökostromangeboten und Forschungsvorhaben. Allerdings gelinge die Energiewende nur, wenn die Bevölkerung diese Angebote nutze, heißt es im Appell.

Appell: Erneuerbare Energien offensiv und unbürokratisch fördern

Drei zentrale Punkte nennt die „Penzberger Erklärung“: „Der Bund und der Freistaat Bayern müssen jetzt den Ausbau von erneuerbaren Energien offensiv und unbürokratisch fördern“, damit Energiewende- und Klimaschutzziele „wieder in greifbare Nähe“ rücken. Zweitens heißt es, dass der Ausbau „sozial, ökologisch, ökonomisch vertretbar und nachhaltig erfolgen“ müsse. Drittens verweist die Erklärung darauf, dass Bevölkerung, Unternehmen und Kommunen im Oberland jährlich etwa eine Milliarde Euro für Strom und Wärme ausgeben. Werde die erneuerbare Energie in der Region ausgebaut, bleibe dieses Geld („Wertschöpfung“) vor Ort. Es stünde den Kommunen zum Beispiel für „nachhaltige Mobilitätsangebote zur Verfügung“ – was wiederum die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöht.

Oberland-Appell: Das sind die Unterzeichner

Unterzeichnet haben die gemeinsame Erklärung: Gemeindewerke Garmisch-Partenkirchen, Gemeindewerke Murnau, Stadtwerke Bad Tölz, Stadtwerke Wolfratshausen, Stadtwerke Penzberg, Stadtwerke München. Stadtwerke Geretsried, Gemeindewerke Peißenberg, EWO, 17er Oberlandenergie, Elektrizitätswerk Tegernsee und Stadtwerke Weilheim.

Lesen Sie auch: Vier Landkreise im Oberland: Zur Energiewende ist es noch ein weiter Weg

Und: Plädoyer für Ausbau der Photovoltaik

Schalter offiziell umgelegt: Penzbergs Solarparks liefern mehr Strom als vorhergesagt

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