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Die Vonovia-Häuser stehen an der Paul-Loebe-Straße in Penzberg-Steigenberg. Mittlerweile gehen die Arbeiten dem Ende zu. Das Bild unten zeigt ein Haus ohne Dacheindeckung bei Schnee, aufgenommen im Februar 2019.

„Es macht mürbe, es reibt die Nerven auf“

Schimmel, Lärm und Chaos: Will Vonovia Mieter in Penzberg aus ihren Häusern ekeln? 

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Seit einem Jahr sind sechs Häuser an der Paul-Loebe-Straße in Penzberg Baustellen. Mieter werfen dem Eigentümer, dem Unternehmen Vonovia, nun öffentlich vor, sie aus den Häusern ekeln zu wollen durch Mieterhöhungen und durch einen in ihren Augen chaotisch verlaufenden Umbau. Vonovia weist den Vorwurf zurück.

Penzberg – Die sechs Häuser im Penzberger Ortsteil Steigenberg gehörten einst der Bahn, gebaut nach dem Zweiten Weltkrieg und bewohnt von Bahn-Mitarbeitern und ihren Familien zu günstigen Mietpreisen. Anfang der 2000er Jahre kaufte das Unternehmen „Deutsche Annington“ einen großen Teil der Eisenbahnerwohnungsbaugesellschaften des Bundes. Damals wechselten auch die sechs Penzberger Häuser den Besitzer. Im Jahr 2015 benannte die „Deutsche Annington“ sich in „Vonovia“ um. Heute ist das börsennotierte Unternehmen mit Sitz in Bochum – nach eigenen Angaben – mit „rund einer Millionen Kunden“ das größte Wohnungsunternehmen in Deutschland.

An einem Donnerstag im August sitzen fünf der 25 Mieter an einem Tisch und schildern die vergangenen Monate. Seit etwa einem Jahr laufen bei den sechs Häusern Sanierungs- und Umbaumaßnahmen. Die fünf Mieter wollen anonym bleiben, sie fürchten Konsequenzen. Sie erzählen von chaotischen Zuständen auf der Baustelle, von Schäden, Schimmel und Lärm. Und davon, dass es seit 2015 zwei Mieterhöhungen gab und nun die dritte folgen soll. Dass sich die Baustelle so hinzieht, sei Vorsatz, sagt eine Frau. „Es macht mürbe.“ Nicht nur die Häuser, auch die Wohnungen würden zu Baustellen gemacht, sagt eine andere Mieterin. „Sie wollen die Leute mit Altverträgen weghaben, um die Wohnungen neu und teurer vermieten zu können“, erklärt ein Mann. Wenn es vernünftig liefe und die Mieterhöhung im Rahmen wäre, würde er nichts sagen, sagt er. Hier laufe es aber „schäbig“.

Mieter erfuhren bei Versammlung von Sanierung und Umbau

Die erste Mieterhöhung gab es ihm zufolge 2015, als die Häuser eine Gaszentralheizung bekamen. Bei ihm – er hatte eine günstige Kaltmiete von rund 300 Euro – sei die Miete um ein Drittel gestiegen. Die zweite Erhöhung folgte kurz darauf, betrug aber nur wenige Euro, nachdem der Speicherboden isoliert worden war. Jetzt stehe die nächste Mieterhöhung wegen der laufenden Sanierung bevor. Er sei dann bei über 600 Euro, sagt er. Eine Frau fügt an: „Ich bin eingezogen mit der Voraussetzung, dass es eine Wohnung für sozial Schwächere ist, inzwischen ist das nicht mehr der Fall.“ Sie tue sich schwer, die Wohnung noch zu halten.

Die Vonovia-Häuser stehen an der Paul-Loebe-Straße in Penzberg-Steigenberg. Mittlerweile gehen die Arbeiten dem Ende zu. Das Bild unten zeigt ein Haus ohne Dacheindeckung bei Schnee, aufgenommen im Februar 2019.

Bei einer Mieterversammlung im Frühjahr 2018 erfuhren die Mieter von der anstehenden Sanierung und dem Umbau, bei dem in den Speichergeschossen je zwei zusätzliche Wohnungen entstehen sollten. Es habe Unruhe geherrscht, man habe sich die Pläne „nur mit dem Fernglas anschauen“ dürfen. Was für den ersten Ärger sorgte, war der Verlust des Speicherraums. Zudem erfuhren sie, dass die Südbalkone abgebrochen und zur Straßenseite versetzt werden sollten.

Mieterin: „Man schreckt in der Nacht auf“

Vor etwa einem Jahr begannen die Arbeiten, seitdem stehen Gerüste an den Häusern, für jeden zugänglich, wie die Mieter sagen. „Man schreckt in der Nacht auf, wenn es scheppert“, erzählt eine Frau. Im Herbst sei die Außenverkleidung entfernt worden, gleichzeitig kam es zur hydraulischen Absenkung der Heizung, obwohl die Häuser noch nicht wärmegedämmt waren. „Und das vor dem Winter“, so eine Frau.

Im Oktober habe es neue Fenster gegeben, allerdings teilweise mit kaputten Scheiben, auf die dann Platten gekommen seien. „Mein Weihnachten war sehr dunkel.“, sagte eine Mieterin. Auch das Ausschäumen beim Fenstereinbau sei fehlerhaft gewesen. Ein Mieter erzählt, dass er durch Lücken hinausschauen konnte. Ende Januar, Anfang Februar seien die Dächer abgedeckt worden. Ein Mann hat ein Foto, das ein offenes Dach bei Schnee zeigt.

Die Liste der Kritikpunkte, die die Mieter bei dem Treffen schildern, ist lange. Sie erzählen vom Bodenarbeiten im Speicher wie „mit dem Vorschlaghammer“, wobei Risse in den eigenen vier Wänden entstanden und Brocken von der Decke gefallen seien. Von Wasser, das über mit Planen abgedeckte Dachgaubenöffnungen bis in die erste Etage geflossen sei. Von einer Dachrinne, bei der der Abfluss nach unten vergessen wurde, was dafür sorgte, dass im Keller mehrere Zentimeter hoch Wasser stand. Oder von einem zubetonierten Abflussrohr, was ein Bad in unangenehme Mitleidenschaft zog. Von Staub, Lärm und einer vermüllten Baustelle.

Wegen defekter Heizung: Kampf mit Schimmel

Eine Mieterin erzählt, dass sie wegen einer defekten Heizung mittlerweile mit Schimmel zu kämpfen hat. „Ich habe 70 Prozent Luftfeuchtigkeit, ich brauche meine Blumen nicht zu gießen“, berichtet sie. Eine andere Mieterin erzählt, sie habe wegen eines ähnlichen Problems zwei Bautrockner in die Wohnung gestellt bekommen. Ihr sei gesagt worden, dass sie die Wohnung in der Zeit nicht nutzen sollte.

Mittlerweile schreiten die Arbeiten ihrem Ende entgegen. Mehrere Mieter, erzählen die Bewohner, hätten die Miete gemindert. Einer habe sie ganz ausgesetzt, wofür ihm fristlos gekündigt wurde. Auch mehrere Anwälte seien mit dem Thema beschäftigt. Das Fazit von einer Frau: „Es reibt die Nerven auf, es geht an die Substanz.“

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Das sagt Vonovia zu den Vorwürfen

Das Unternehmen Vonovia hat auf Anfrage unserer Zeitung ausführlich zu den Vorwürfen Stellung genommen. Es sei „nicht alles problemlos“ gelaufen, erklärt Sprecher Matthias Wulf. Vonovia sei aber „bei Schwierigkeiten schnell tätig gewesen“ und habe versucht, den Bedürfnissen der Mieter gerecht zu werden. Den Vorwurf, Mieter sollten zum Auszug bewogen werden, um die Wohnungen teurer weitermieten zu können, weist er zurück. Die Mieterhöhung begründet Wulff damit, dass die Häuser energetisch saniert werden. Dies koste Geld. Sanierung und Modernisierung geschehe aber „mit Augenmaß, um den finanziellen Anteil unserer Mieter möglichst gering zu halten“. Das Mietrecht, fügt er an, regle, dass bis zu acht Prozent der Kosten auf die Miete umgelegt werden können. 

Dem Unternehmen sei bewusst, dass „eine Mietanpassung für einige Mieter eine finanzielle Belastung darstellen“ könne. Vonovia wolle aber, dass die Mieter bleiben. „Im Rahmen unseres Härtefallmanagements finden wir bei wirtschaftlicher Härte gemeinsam mit unseren Mietern eine Lösung“, so der Sprecher. Die Mietminderungen durch Mieter werden ihm zufolge nach Abschluss der Arbeiten geprüft. Generell wolle man eine „einvernehmliche Lösung“. Als zutreffend bezeichnet er, dass ein Mietverhältnis fristlos gekündigt wurde. Da derzeit ein Klageverfahren läuft, könne er dazu keine weitere Auskunft geben. Auch zu den Vorwürfen zur Baustelle äußerte sich das Unternehmen. Zu Verlegung von Balkonen und zum Verlust der Speicher erklärt es, dass die Balkon- und Terrassensituation vier Monate vor dem Baustart in einer Mieterversammlung besprochen und nach Wunsch der Mieter geändert worden sei. Mietern mit vertraglichem Anspruch auf einen Speicher sei eine dauerhafte Mietminderung gewährt worden.

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Mieter hätten keine weiteren Nachteile gehabt

Die vor dem Winter entfernte Außenverkleidung, so Wulff, habe „nur aus dünnen Platten und Luft“ bestanden. Er räumt aber ein, dass die erstmalige Wärmedämmung erst im März 2019 begonnen hat. Den hydraulischen Abgleich habe man vorgenommen; die Mieter hätten dadurch aber keine weiteren Nachteile gehabt und heizen können. Die Mängel bei den neuen Fenster wurden ihm zufolge alle behoben. Danach habe man in einem Aushang gefragt, ob noch Punkte offen seien, so Wulff. Darauf habe es keine Meldungen mehr gegeben. Man habe auch selber noch einmal geprüft. Die Entfernung der Dächer begann laut Wulff bei den ersten Häusern im Februar 2019. Es sei mit Planen, provisorischen Abbundbahnen und loser Mineralwolldämmung gearbeitet worden. Man habe darauf geachtet, dass so wenig wie möglich Kältebrücken entstehen. „Wir versuchen bei unseren Projekten immer möglichst zügig durchzukommen und gleichzeitig die Belastungen für unsere Mieterinnen und Mieter möglichst gering zu halten.“ Zum zubetonierten Abflussrohr erklärte der Sprecher, dass tatsächlich ein Rohr verstopft wurde. „Wir haben der betroffenen Mieterin als Wiedergutmachung kostenfrei das Bad saniert.“ Auch, dass Risse in Wohnungen entstanden, bestätigt er. „Diese werden wir selbstverständlich fachmäßig verschließen.“ Er räumt ebenso den Wassereintritt in zwei Kellern ein. „Wir haben uns daher bei den Mieterinnen und Mieter entschuldigt; die Keller haben wir getrocknet.“ Dass es Schimmel gab, lag laut Wulff daran, „dass das Lüften und Heizen nicht auf die Verteilung der Feuchtigkeit abgestimmt ist“. Über einen Heizungsdefekt lägen keine Informationen vor. Für eine Baustellenabsicherung habe es zudem seitens der Baugenehmigung und des externen Sicherheitskoordinators keine Vorgabe gegeben. 

wos

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