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Wirt Thomas Schmid hört auf: Das „Gasthaus zur schönen Aussicht“ in Reindl wird nicht wieder öffnen.

Traditionsgaststätte in Penzberg-Reindl

Keine „Schöne Aussicht“ mehr: Wirt hört auf, Gasthaus öffnet nicht wieder

  • vonWolfgang Schörner
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Das „Gasthaus zur schönen Aussicht“ in Penzberg-Reindl wird seine Türen nicht wieder öffnen. Es ist das Ende einer Traditionsgaststätte, die 84 Jahre lang ein Familienbetrieb war. Und es ist das Ende einer 110-jährigen Wirtetradition in der Familie. Dass Thomas Schmid aufhört, hat nur am Rande mit der Corona-Pandemie zu tun.

Penzberg – „Es tut schon weh“, sagt Wirt Thomas Schmid. „Es war meine Existenz.“ 21 Jahre lang hat er das Wirtshaus geführt, davor war es sein Vater und sein Onkel, davor sein Urgroßvater. Doch jetzt ist Schluss. Thomas Schmid wird die Türen des „Gasthauses zur schönen Aussicht“ nicht wieder aufsperren. Auch seinen Partyservice betreibt der 56-Jährige nicht weiter.

Nicht wegen Corona: Wirt hört aus gesundheitlichen Gründen auf

In erster Linie, sagt Thomas Schmid, höre er aus gesundheitlichen Gründen auf. Im Mai hatte er eine Herzoperation. Auch unter Schuppenflechte leidet er. „Alles vom Stress“, sagt er. „Ich pack’s nicht mehr.“ In den vergangenen Jahren wurde es auch wirtschaftlich in der gesamten Gastronomie schwieriger. Die Spanne zwischen Aufwand und Ertrag sei immer geringer geworden. Und dann auch noch die Corona-Pandemie. Der 12. März war der letzte Tag in der „Schönen Aussicht“: das beliebte Weißwurstfrühstück am Donnerstag. Kurz darauf brach der Umsatz weg. „Es war ein Fiasko“, sagt Thomas Schmid. „Innerhalb von fünf Tagen wurde alles storniert.“ Aber die Kosten liefen weiter. Die Corona-Krise sei nicht der eigentliche Grund, dass er aufhört. „Es ist alles zusammengekommen.“ Er habe in diesen Wochen viel Zeit zum Überlegen gehabt, mit seiner Familie geredet. So fiel die Entscheidung aufzuhören.

Gasthaus zur schönen Aussicht hat eine lange Geschichte

Das Gasthaus hat eine lange Geschichte. Es wurde im Jahr 1900 vom damaligen Reindlbauern Georg Hutter erbaut. Er war auch Bürgermeister der Penzberger Vorgängergemeinde St. Johannisrain. Die schöne Aussicht auf die Berge gab dem Haus seinen Namen. In den folgenden Jahren kam es zu vielen Besitzerwechseln. Auch der Stadt Penzberg gehörte das Haus eine Zeit lang: Sie kaufte es 1920 für 170 000 Reichsmark. Die Stadt wollte es zu einem Schulhaus für Kinder aus Heinz, Reindl und Maxkron umbauen. Doch dazu kam es nicht. Zwei Jahre später verkaufte sie es wieder.

Urgroßvater von Thomas Schmid erwarb 1936 die „Schöne Aussicht“

1936 erwarb der Urgroßvater von Thomas Schmid die „Schöne Aussicht“: Xaver Strauß brachte viel Erfahrung mit. Er war zuvor – seit dem Jahr 1910 – Wirt im Gasthaus „Berggeist“. Fortan blieb die „Schöne Aussicht“ in den Händen der Familie. Nach ihm übernahm Josef Schmid die Wirtschaft, in den ersten Jahren gemeinsam mit seinem Onkel. Josef und Erika Schmid, die Eltern von Thomas Schmid, renovierten das Haus vor knapp zwanzig Jahren mit viel Liebe und setzten es in den Originalzustand zurück. Der Penzberger Denkmalpflegeverein verlieh dem Ehepaar dafür 2005 einen Denkmalpreis.

Thomas Schmid kochte in München einst für FC-Bayern-Spieler und Freddie Mercury

Thomas Schmid ist seit 1999 – damals gingen seine Eltern in Rente – Pächter und Wirt der „Schönen Aussicht“. Der gebürtige Penzberger ist seit 39 Jahren Koch. Gelernt hatte er im „Posthotel“ in Partenkirchen. Später kochte er in exklusiven Häusern: beim „Käfer“ an der Prinzregentenstraße in München, im „Königshof“ am Stachus und im „Bachmair am See“ in Rottach-Egern. Und für viel Prominenz, zum Beispiel die Fußballer des FC Bayern und „Queen“-Sänger Freddie Mercury. „Das vergisst man sein Leben lang nicht“, sagt Thomas Schmid. Nach Penzberg kam er auf Bitten seiner Eltern zurück. Der Vater hatte einen Unfall, die Eltern hätten ihn gebraucht. „Es war schön, wieder nach Hause zu kommen“, sagt der 56-Jährige, der mit seiner Ehefrau zwei erwachsene Kinder hat.

„Gasthaus zur schönen Aussicht“ war immer auch ein Stück Kulturgut in Penzberg

Die „Schöne Aussicht“ mit ihrer bayerischen Küche war in der Vergangenheit immer ein Stück Kulturgut in Penzberg. Über Jahrzehnte wurde vor dem Haus ein Maibaum aufgestellt. Legendär sind die Weißwurstessen jeden Donnerstag. Im Winter gab es einmal im Monat Kesselfleisch. Es war eine Heimstatt für Josefifeiern, belieferte private Familienfeste und öffnete für Vereine. 59 Jahre lang war die „Schöne Aussicht“ das Vereinslokal der „Huadara“.

Nun ist Schluss. Dass noch einmal eine Gaststätte in das Haus einzieht, kann sich Thomas Schmid nicht vorstellen. Bei einem Pächterwechsel müsste wegen der Auflagen, die dann greifen, sehr viel investiert werden. Das Haus gehört seinem Bruder Norbert Schmid, der seine Metzgerei weiterbetreibt. Eigentlich wollte Thomas Schmid noch ein Abschiedsfest feiern. Wegen der Corona-Krise ist das aber nicht möglich. Was er selbst künftig macht, weiß er noch nicht. „Kochen werde ich jedenfalls nicht mehr.“

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Ende 2019 hatte schon das Wirtshaus Schönmühl zugemacht: Wirtsehepaar verabschiedet sich nach 37 Jahren: Beliebtes Gasthaus macht dicht - für immer?

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