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Neue Glocke für die „Völkerverständigung“ - der fast 500 Jahre alte Vorgänger reist nach Polen

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Von: Wolfgang Schörner

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Gemeinsam beim Glocken-Festakt: (v.l.) Pfarrer Julian Lademann und Pfarrerin Sandra Gassert von der evangelischen Kirche, zwischen denen die alte Glocke steht, der katholische Pfarrer Bernhard Holz und Imam Benjamin Idriz.
Gemeinsam beim Glocken-Festakt: (v.l.) Pfarrer Julian Lademann und Pfarrerin Sandra Gassert von der evangelischen Kirche, zwischen denen die alte Glocke steht, der katholische Pfarrer Bernhard Holz und Imam Benjamin Idriz. © Wolfgang Schörner

Die evangelische Kirche in Penzberg hat eine neue Glocke mit dem Namen „Völkerverständigung“. Sie wurde am Mittwoch rund 15 Meter hinauf in den Kirchturm gehievt. Die fast 500 Jahre alte Vorgänger-Glocke namens „Vaterunser“ kann nach Polen zurückgebracht werden – wenn Diplomaten und Juristen alles geregelt haben.

Penzberg – Es war 12 Uhr, als am Mittwoch der kleine Glocken-Festakt vor der evangelischen Martin-Luther-Kirche begann. Die Runde wartete auf das Läuten von der nahen katholischen Christkönigskirche. „Sie begrüßen die neue Glocke“, sagte der evangelische Pfarrer Julian Lademann. Zum Festakt waren auch der katholische Pfarrer Bernhard Holz und Imam Benjamin Idriz auf die Baustelle gekommen.

70 Jahre lang hing die Vaterunser-Glocke in der Kirche - sie stammt aus Pommern

Die alte Glocke habe in Penzberg 70 Jahre lang zum Vaterunser geläutet, erzählte Pfarrer Lademann. Erstmals 1952 zu einer Konfirmationsfeier. Die Penzberger Protestanten hatten die Glocke, die aus dem Jahr 1563 stammen soll, als Ersatz für eine Kirchenglocke erhalten, die während des Zweiten Weltkrieges zum Einschmelzen abgeholt worden war. Die Penzberger durften sie damals von einem „Glockenfriedhof“ in Hamburg holen. Ursprünglich stammte sie laut Lademann aus einer evangelischen Gemeinde in Pommern, im heutigen Polen, die aber aufgehört hatte zu existieren. Heute ist diese einst evangelische Kirche ein katholisches Gotteshaus. Deren Gemeinde will nun die alte Glocke zurückhaben.

Rückforderung: Penzberger mussten neue Glocke gießen lassen

Das bedeutete für die Penzberger, dass sie sich eine neue Glocke gießen lassen mussten – was bereits vergangenes Jahr geschah. Am Mittwoch war nun der Zeitpunkt gekommen, das rund 160 Kilogramm schwere Bronze-Exemplar per Kran in den Kirchturm zu hieven. Um den unteren, ausladenden Teil der Glocke durch die Fensteröffnungen zu bringen, mussten dort Steine herausgebrochen werden. Ein größerer Eingriff ins Mauerwerk war aber nicht nötig.

Neue Bronzeglocke soll zu Frieden und Völkerverständigung aufrufen

Glocken rufen die Menschen zum Gebet, sagte der katholische Pfarrer Holz beim Festakt. Sie seien die Stimme Gottes und würden Christen, Muslime und Andersgläubige zu Besinnung und Frieden einladen, fügte Imam Idriz an. Die evangelische Pfarrerin Sandra Gassert formulierte den Wunsch, dass die neue Glocke die Menschen „zu Friede und Völkerverständigung aufruft“. Denn ihr Name soll „Völkerverständigung“ sein. Lademann erklärte, dass dieser Name von der Gemeinde schon vor einem Jahr ausgesucht worden sei. Eine Glocke mit dem Namen „Frieden“ habe die Kirche bereits. Bevor es dann hinaufging, schlugen die Pfarrer und der Imam mit dem Glockenklöppel den ersten Ton an. „Es klingt schön“, lobte eine Zuhörerin.

Rückgabe nach Polen - die Sache ist kompliziert

Die alte Glocke bleibt erst einmal in Penzberg. Mit der Reise nach Polen hat die evangelische Gemeinde Penzberg nichts zu tun. Das ist nun Sache der Evangelischen Kirche Deutschland und des Außenministeriums. Pfarrer Lademann hat mitbekommen, dass die Sache kompliziert ist. Das Auswärtige Amt habe gesagt, dass es momentan nicht so einfach sei mit der polnischen Politik. Geklärt werden muss vor allem die juristische Seite. Formal gehört die Glocke, die jetzt an eine katholische Gemeinde gehen soll, der evangelischen Kirche, weil es sich in Pommern einst um eine evangelische Gemeinde handelte. Am einfachsten wäre es, sie zu schenken, so Lademann – wobei die Penzberger da nicht mitzureden haben. Selbst habe er keinen Kontakt zu der polnischen Gemeinde, er wisse aber, wo sie ist. Nur reden dürfe er nicht darüber, sagt der Pfarrer.

Renovierungsarbeiten in Martin-Luther-Kirche laufen noch

Bei der Martin-Luther-Kirche laufen derzeit die Renovierungsarbeiten. Das Kircheninnere hätte eigentlich im Mai fertig sein sollen. Statische Untersuchungen der Decke hätten sich aber länger als erwartet hingezogen, so Lademann. Mit der Deckenstatik ist alles in Ordnung. Die Fertigstellung des Kircheninneren verzögerte sich jedoch. Mitte Juli, hofft er, können dort wieder Gottesdienste gefeiert werden. Bis dahin weichen die Protestanten ins Gemeindehaus oder in den Pfarrgarten aus. Und für die bevorstehenden zwölf Konfirmationsfeiern dürfen sie in die katholische Kirche in Steigenberg umziehen.

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