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Der Dank der Menschen vor Ort war für Jessica Unterreiner der schönste Lohn.

Keiner hat geglaubt, dass sie das schafft

Als Rollstuhlfahrerin im Hilfseinsatz in Afrika - Für Jessica (19) aus Penzberg gar kein Problem

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Es ist ein Abenteuer, als junger Mensch nach Afrika zu gehen und dort ein Freiwilligen-Praktikum zu machen. Besonderer Mut gehört dazu, wenn man wie Jessica Unterreiner im Rollstuhl sitzt. Die 19-jährige Penzbergerin arbeitete in einem Kinderheim im ostafrikanischen Tansania. 

Penzberg – „Afrika? Allein? Mit Rollstuhl?“ Diese Gedanken schossen Jessica Unterreiner im ersten Moment durch den Kopf. Sie hatte gerade von der Kölner Organisation „Auszeit weltweit“ auf ihre Bewerbung hin den Vorschlag erhalten, nach Tansania zu gehen. „Da denkt man sich seinen Teil.“ Sie sagte trotzdem Ja. Eineinhalb Monate arbeitete Jessica Unterreiner in einem Kinderheim in Tansania, einem Land, das nicht gerade rollstuhlgerecht ist. Vor einer Woche kam sie nach Penzberg zurück.

Die junge Penzbergerin ist kein ängstlicher Mensch. Sie kam mit einer Behinderung zur Welt und sitzt schon immer im Rollstuhl. Das hält sie aber nicht davon ab, selbstständig zu sein und Probleme allein zu lösen, ohne um Hilfe zu bitten. Eigentlich, sagt sie, denkt sie zu Hause darüber gar nicht groß nach. Aber Tansania? „Da ist man schon unsicher.“

Nach ihrem Abitur am Penzberger Gymnasium hatte sich Jessica Unterreiner überlegt, wie sie die Zeit bis zum Studium überbrückt. „Durch Praktika, auch gern im Ausland“ – so dachte sie sich. „Ich wollte nicht reisen, sondern arbeiten“, sagt sie. Auf diese Weise erfahre sie mehr über ein Land und habe mehr Kontakt zu den Menschen.

Rollstuhlfahrerin Jessica aus Penzberg: „Eigentlich wollte ich nach Peru“

Jessica Unterreiner, die in ihrer Schulzeit dem Penzberger Jugendparlament angehörte, stieß bei ihrer Suche auf die Organisation „Auszeit weltweit“. „Eigentlich wollte ich nach Peru“, erzählt sie. Dort hätte sie ihr Schul-Spanisch auffrischen können. Aber Peru, antwortete die Organisation, gehe mit Rollstuhl nicht. Als Alternative schlug die Agentur Tansania vor.

Anfang Februar ging es los in das Land mit seinem tropischen Klima, ein Land, in dem Armut und Reichtum einen starken Gegensatz bilden, in dem Holzkarren neben teuren Autos auf der Straße zu sehen sind. Genauer gesagt ging es in den Nordosten nach Arusha nahe dem Kilimandscharo, Die Aufgabe der Penzbergerin war, sich in einem Heim um Kinder zu kümmern, mit ihnen zu spielen, sie zu füttern und ins Bett zu bringen.

Auf der Spieldecke: Die junge Penzbergerin Jessica Unterreiner arbeitete in Tansania in einem Kinderheim, im Hintergrund ihr Rollstuhl. 


Dabei handelte es sich um Babys und Kleinkinder im Alter bis drei Jahre, meist Halbwaisen, deren Mütter im Kindbett gestorben waren. Die Kinder, sagt Jessica Unterreiner, seien ihr ans Herz gewachsen. In Arusha lebte sie mit anderen jungen Freiwilligen in einem Haus der Organisation.

Wie erging es ihr mit Rollstuhl in Tansania? Sie habe Respekt davor gehabt, vor Ort habe sie dann aber gesehen, dass es gut ging, erzählt Jessica Unterreiner. Mit den überfüllten Kleinbussen konnte sie nicht fahren, aber es gab ja Taxis. Eine Herausforderung waren die sandigen, buckligen Wege. Was sie erst wieder lernen musste: andere Menschen um Hilfe zu bitten.

Aus Penzberg nach Tansania: „Einheimische waren sehr offen und hilfsbereit“

Die Einheimischen, erzählt sie, waren da sehr offen und hilfsbereit. Für diese sei die Behinderung kein Problem gewesen. Wobei die junge Penzbergerin bemerkte, dass die Menschen überrascht waren, dass „jemand mit Behinderung allein nach Tansania kommt und Freiwilligenarbeit leistet“. In Tansania, sagt sie, hätten die behinderten Menschen nicht die Hilfsmittel wie in Deutschland. Da sei es klar, dass sie die ganze Zeit auf Hilfe angewiesen sind.

In Tansania habe sie auch erst gemerkt, wie selbstverständlich es für sie zu Hause ist, alles selbst zu machen. Sie ist froh, den Vorschlag von „Auszeit weltweit“, in dem afrikanische Land zu arbeiten, angenommen zu haben. „Ich habe daraus die Erfahrung gezogen, dass es machbar ist.“ Und: „Man wird auch ein bisschen selbstbewusster.“ Unabhängig vom Rollstuhl hat sie die Erfahrung gemacht, „mit wie wenig Dingen Menschen glücklich sein können“. Und wie gut es einem in Deutschland geht, wo man nicht darüber nachdenken müsse, ob man fließendes Wasser hat oder in die Schule gehen kann.

Im Oktober will Jessica Unterreiner mit ihrem Studium beginnen. Psychologie ist ihr Favorit, auch Pädagogik interessiert sie. Deshalb hatte sie auch das Kinderheim für ihre Freiwilligenarbeit in Tansania ausgesucht. Zum Studienplatz hat sie es aber nicht mehr so weit. Sie studiert im österreichischen Graz.

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