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Autorin Antonia Michaelis: Gewinnerin des Penzberger Urmel-Literaturpreises 2019 

„Urmel ist ein besonders hübscher Preis“ - Antonia Michaelis über den Literaturpreis, über Madagaskar und über Kritik

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Die Autorin Antonia Michaelis hat mit Illustratorin Claudia Carls für „Das Blaubeerhaus“ den Penzberger Urmel-Literaturpreis 2019 erhalten. Bei der Preisverleihung vor einer Woche konnte Antonia Michaelis nicht dabei sein. Sie lebt mit ihrer Familie seit einem Jahr in Madagaskar. Hier das Interview:

Frau Michaelis, wo haben Sie davon erfahren, dass Sie den Penzberger Urmel-Preis gewonnen haben?

Da saß ich in Madagaskar in unserer kleine Küche und war gerade dabei, ein Buch aus dem Englischen zu übersetzen, und zwar um 5 Uhr morgens. Denn um halb 7 stehen die ersten unserer vier Kinder auf...

Sie haben schon viele Auszeichnungen erhalten. Welchen Stellenwert hat der Urmel-Preis für Sie?

Der Urmel ist erst einmal ein besonders hübscher Preis. Und natürlich verbindet uns viel mit der Figur des Urmels, da ich ja in Augsburg aufgewachsen bin. Außerdem ist es schön, einen Preis zu bekommen, bei dessen Verleihung Kinder so wunderbar mitarbeiten.

Ihre Mutter hat bei der Preisverleihung gesagt, sie würden kritische Stimmen zu ihren Büchern bevorzugen. Stimmt das?

Ich freue mich auch, wenn jemand meine Bücher mag. Aber kritische Stimmen sind natürlich die, aus denen man lernt. Wenn es konstruktive Kritik ist.

In Ihrer Videobotschaft bei der Verleihung hieß es, Sie würden Ihr Preisgeld in ein Schulprojekt stecken.

Nicht nur das Preisgeld, mein komplettes Einkommen fließt in dieses Projekt. Es ging vorher schon hauptsächlich in soziale Projekte, im Moment sind es aber 100 Prozent.

Wegen des Projekts leben sie derzeit mit ihrer Familie in Madagaskar.

Man muss wissen, dass Madagaskar ein kaputtes Land ist, so eine Art Miniaturausgabe unseres doch nicht sehr heilen Planeten. Alle Probleme gibt es hier auf engstem Raum, wortwörtlich. Dokumentarfilme zeigen grüne Urwälder mit niedlichen Makis und hübsche Strände. Ja, die gibt es ... irgendwo an der Küste ... wahrscheinlich. Aber nicht mehr lange. Der Rest des Landes ist: roter Staub, Erosion, Reisfelder, Straßenkinder, Autoabgase, Bettler, schlammiges Trinkwasser, Städte mit Müllbergen, in denen Menschen wohnen.

Worum geht es in Ihrem Schulprojekt?

Kinder hier gehen normalerweise nicht zur Schule, Schule ist ein Luxus. Die staatlichen Schulen des Landes sind mehr oder weniger Räume mit Kindern drin, Lehrer kommen eher selten vorbei, deshalb schicken alle Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder auf private Schulen – das kann auch nur ein Schuppen sein, in dem es dann wenigstens Unterricht gibt.

Ich habe hier wunderbare Menschen kennengelernt, die seit vielen Jahren eine kleine Schule betreiben, in schlimmsten Verhältnissen, aber mit viel Elan. Als ich die Schule kennenlernte, drohte sie, zum fünften Mal in ihrer Geschichte das Gebäude zu verlieren, da es an Privatleute verkauft worden war: Die Schule stand vor der Schließung. Zudem gab es eine riesige Finanzlücke, da das „Collège les Pigeons“, anders als andere Schulen, zahlungsunfähige Kinder nicht hinauswirft. Die Direktorin lässt sie bleiben und lernen, ohne Schulgeld, ohne Materialgeld – kann dann aber ihre Lehrer nicht mehr bezahlen. Ein weiteres Problem: Die Kinder können sich oft schlecht auf den Unterricht konzentrieren. Aus einem prosaischen Grund: Sie haben Hunger.

Wie versuchen Sie zu helfen?

Seit ich hier bin, gibt es kostenfrei für alle eine „gesunde Pause“, denn fast alle Kinder leiden unter Vitamin-, Calcium- und Eiweißmangel. Nun sind wir dabei, ein neues Gebäude zu errichten, es ist fast fertig. Noch im alten Gebäude haben wir einen Kinderfilm mit der Schule gedreht, den es bald auch auf Deutsch geben wird, sodass deutsche Kinder sehen können, wie madagassische Kinder leben. Über 50 Kindern, die bislang nicht zur Schule gehen, aber motiviert sind, haben wir außerdem „Patenschaften“ vermittelt. Nächstes Jahr dürfen sie anfangen und sind schon ganz aufgeregt. Noch immer stehen viele, viele Kinder auf der Warteliste – für 20 Euro im Monat kann man ein mittelloses Kind mit allem Nötigen ausstatten.

Was ist Ihr Ziel?

Es ist vor allem wichtig, dass die Kinder selbstdenkende Erwachsene werden und irgendwann vielleicht ihr Land doch noch vor der Totalabholzung retten können. 90 Prozent der „atmenden“ Urwälder sind schon weg. Insofern geht uns das etwas an, denn wir möchten ja, dass die Urwälder für uns mitatmen, klimatechnisch gesehen.

Informationen zum Hilfsprojekt unter „www.antonia-michaelis.de/blog/unterstuetzen“.

Lesen Sie auch: Penzberger „Urmel“-Preis geht nach Madagaskar - für „Das Blaubeerhaus“ von Antonia Michaelis

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