100 Jahre Stadt: Jubilkäumssitzung des Penzberger Stadtrats in der Stadthalle.

Penzberg vor 100 Jahren: Schmale Männer mit Wilhelm-II-Bart

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Vor 100 Jahren wurde Penzberg zur Stadt erhoben. Wie die Menschen 1919 in dem Bergwerksort lebten, das erzählte Historiker Reinhard Heydenreuter am Mittwoch bei einem Festakt. Sein Fazit: Viele Menschen wären heute nicht so unzufrieden, wenn sie wüssten, wie es ihren Vorfahren ging – nämlich nicht gut.

Penzberg – Seit 100 Jahren hat Penzberg eine städtische Verfassung. Seit damals gibt es auch einen Stadtrat, erstmals gewählt am 15. Juni 1919. Das erste Gremium bestand „aus 15 Männern, fast alles einfache Bergleute, aber mit Wilhelm-II-Bart, den man sich zwirbelt“, erzählte Festredner Reinhard Heydenreuter schmunzelnd. Nur sein Großvater Albert Winkler, ein Lehrer, habe keinen Bart gehabt. Und natürlich auch nicht die zwei Frauen, die sich aber nach kurzer Zeit wieder aus dem Stadtrat verabschiedeten.

Am Mittwochabend hatte sich das aktuelle Kommunalparlament zu einer Jubiläumssitzung getroffen – nicht um Beschlüsse zu fällen, sondern um der Festrede Heydenreuters zu lauschen, ihrem ehemaligen Stadtratskollegen und dem früheren Direktor des bayerischen Staatsarchivs. Zu dem Festakt waren rund 100 Gäste, darunter viele ehemalige Penzberger Stadtratsmitglieder, in die Stadthalle gekommen.

Es sei zu 50 Prozent ein historischer Bericht, zu 50 Prozent eine Fastenpredigt, schick

te Heydenreuter seiner Rede voran. Dann zeichnete er ein Bild von Penzberg, das vor 100 Jahren von Armut und Not gezeichnet war. Der Erste Weltkrieg war gerade beendet, in Bayern herrschte Revolution. Die Leute in Penzberg seien damals unterernährt gewesen, sagte der Professor. Gerade mal 1000 Kalorien pro Tag habe man zu sich genommen. „Die Leute waren schmaler als heute, nicht so wohlgenährt wie Sie“, sagte Heydenreuter zu den Zuhörern. Ein „erbärmliches Bild“ hätten die Häuser in dem Bergwerksort geboten. Alle waren verrußt. Die heutige Feinstaub-Debatte erscheine da fast lächerlich. „Penzberg war schmutzig und rußig.“ Die Stadt, erzählte der Historiker, sei nachts auch dunkel gewesen. „Bei dem, der seine Funzel um zehn Uhr abends noch an hatte, wurde ans Fenster geklopft: Schlafen gehen.“

Auf den Straßen, auf denen sich das öffentliche Leben abspielte, so Heydenreuter, sah man vor allem Männer. Zuwanderer aus aller Welt, die wegen des Bergwerks nach Penzberg gekommen waren. „In Penzberg herrschte Frauenmangel. Aber die wenigen Frauen waren hübsch“, so Heydenreuter. Auf alten Fotos sei auch zu sehen, dass sich die Menschen trotz der Not sonntags sehr gut gekleidet haben, mit Hut und Anzug. Aber: Das Problem waren die Schuhe. Die hätten sich die Bergleute nämlich nicht leisten können, was sogar einmal bei einem Streik dem Arbeitgeber an den Kopf geworfen wurde. „Die Menschen hatten 1919 noch Lumpen an den Füßen“, sagte Heydenreuter.

Andererseits war Penzberg aber auch die Stadt der Vereine. Bayernweit, so der Historiker, habe es keine Stadt mit so vielen Vereinen pro Kopf gegeben. „Die Zugewanderten haben sich dort kennengelernt und integriert.“ Außerdem gab es viele Vereine zweimal – den einen für die Bürgerlichen, den anderen für die Sozialisten. Zum Vereinsleben sei der Penzberger quasi bis heute genetisch veranlagt, witzelte Heydenreuter. Er selbst gehöre 42 Vereinen an, vier davon in Penzberg. Was Penzberg seit damals ebenfalls auszeichnet: „Wir haben eine unglaubliche Integrationskompetenz“, sagte Heydenreuter. „Europäischer als Penzberg kann man nicht werden.“

Bürgermeisterin Elke Zehetner stellte in ihrer Rede die „Stadt der 85 Nationen“ als finanzstarke und familienfreundliche „Oberland-Wirtschaftslokomotive“ mit großem sportlichen und kulturellen Angebot heraus, eine Stadt, die für Modernität und Traditionspflege stehe. Als Herausforderungen für die Zukunft nannte die Bürgermeisterin die Digitalisierung und „qualitativ hochwertigen, aber bezahlbaren Wohnraum“. Die Bürger wünschten sich zudem eine „naturnahe, grüne Stadt“. Vor diesem Hintergrund wird die Stadt laut Zehetner zum 100-Jährigen heuer hundert neue Bäume pflanzen. Penzberg, sagte sie, habe eine „eigene, selbstbewusste Identität gefunden, die es gilt, auch in Zukunft zu bewahren“.

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