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Die Gräber der Ermordeten mit Gedenktafel auf dem städtischen Friedhof in Penzberg.

Gedenken an 28. April 1945

Vor 75 Jahren: NS-Terror in der „Penzberger Mordnacht“

  • vonWolfgang Schörner
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Es ist kurz vor Kriegsende, US-Truppen sind schon in der Nähe. Es ist der 28. April 1945. An diesem Tag ermorden deutsche Soldaten und NS-Schergen in Penzberg 16 Männer und Frauen. Es mutet wie eine späte Rache an der unbotmäßigen Bergwerksstadt an. Am heutigen Dienstag jährt sich die „Penzberger Mordnacht“ zum 75. Mal.

Penzberg – Der 28. April 1945, ein Samstag, beginnt mit einer Rundfunk-Durchsage. Eine „Freiheitsaktion Bayern“ verkündet das Ende des Hitlerregimes und fordert Arbeiter auf, ihre Betriebe gegen Sabotage der Nationalsozialisten zu schützen. Hans Rummer hört diese Durchsage. Der 65-jährige Sozialdemokrat war bis 1933 Bürgermeisterin in Penzberg. Rummer macht sich mit Sebastian Reithofer zum Bergwerk auf, um bei der Direktion eine Sprengung zu verhindern. Auch Ludwig März trifft dort ein. Sie erhalten die Zusage, dass nicht gesprengt wird. Danach geht das Trio zum Gefangenenlager, um über die Sicherheit der Kriegsgefangenen zu verhandeln. Dort solidarisiert sich Lagerverwalter Michael Boos, ein Freund Rummers, mit ihnen. Es ist noch Morgen, als die Gruppe schließlich beim Rathaus eintrifft. Dort erklären sie den von der NSDAP eingesetzten Bürgermeister Josef Vonwerden für abgesetzt. Dieser darf unbehelligt gehen.

Kommandant eines Werferregiments befiehlt, die Männer festzusetzen

An diesem Samstag befinden sich auch viele Soldaten in Penzberg. Oberstleutnant Berthold Ohm will sein 22. Werferregiment nach Tirol führen. Als der Kommandant von den Ereignissen im Rathaus erfährt, befiehlt er seinem Hauptmann Kurt Bentrott, die Männer dort festzusetzen. Ein Posten bezieht Stellung, auch SS erscheint. Auf Bentrotts Befehl hin verhaften ortskundige Polizisten den Lagerverwalter Michael Boos. Entwischen kann dagegen Sebastian Reithofer.

Gauleiter in München befiehlt die Erschießung

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Oberstleutnant Ohm und Vonwerden, der wieder als Bürgermeister eingesetzt ist, machen sich nach München auf. Dort schildern sie dem als fanatisch und cholerisch beschriebenen Gauleiter Paul Giesler die Ereignisse. Giesler befiehlt, dass Rummer und seine Leute wegen Hoch- und Landesverrats sowie Zersetzung der Wehrkraft zu erschießen seien.

Kurz vor 17 Uhr sind Ohm und Vonwerden zurück in Penzberg. Sie verkünden den Gefangenen im Rathaus, dass sie erschossen werden. Zu dieser Stunde sind im Sitzungssaal Hans Rummer, Ludwig März, Rupert Höck, Hans Dreher, Paul Badlehner, Michael Boos und Michael Schwertl festgesetzt.

Die sieben Männer werden zur Hinrichtungsstätte gebracht, dem heutigen Mahnmal an der „Straße des 28. April 1945“. Soldaten verbinden ihnen die Augen, heften jedem ein weißes Pappherz an die Brust. Als Hans Rummer als Letzter an den Baum gefesselt wird, soll er gerufen haben: „Es lebe mein Heimatland.“ Die Ermordeten werden anschließend in einer flachen Grube verscharrt.

Das Morden ist nicht zu Ende: Bewaffnete kommen nach Penzberg

Das Morden ist damit nicht beendet. Denn Gauleiter Giesler schickt auch Hans Zöberlein, Anführer einer bewaffneten Gruppe („Werwolf“) nach Penzberg. Gegen 19 Uhr treffen drei Lastwagen mit Bewaffneten ein, alle zwischen 15 und 70 Jahre alt. Zugleich kommt Oberstleutnant Hans Bauernfeind, Chef eines „Fliegenden Standgerichts“, der in Garmisch vom Penzberger Aufstand gehört hat. Der blanke Terror beginnt. Im Rathaus stellen sie Listen mit „Unzuverlässigen“ zusammen, angeblich mit 120 Namen, darunter Kommunisten und Sozialdemokraten. Einheimische helfen ihnen dabei. Trupps von Vermummten ziehen in der Dunkelheit mit ortskundigen Männern der Stadtwache los und holen Menschen aus den Häusern.

Penzberger Mordnacht: Männer und Frauen werden an Bäumen erhängt

Die Häscher schleppen Gottlieb Belohlawek zum Rathaus und hängen ihn an einem Balkon auf. Neben ihm wird Franz Biersack erhängt. Johann Summerdinger stirbt an einer Linde gegenüber. Die Mörder, zusehends betrunken, holen Xaver Fleißner und seine Ehefrau Agathe aus der Wohnung und erhängen sie. Es sterben ebenso Albert Grauvogl und das Ehepaar Johann und Therese Zenk. In der Heimstättensiedlung kommt es zu Gegenwehr, Schüsse fallen. Josef Kastl versucht zu fliehen und wird getroffen. Er stirbt am nächsten Tag. Sebastian Tauschinger wird an einem Baum vor dem Staltacher Hof aufgeknüpft. Ein betrunkener Nazi-Scherge schießt auf ihn und trifft den Strick. Tauschinger fällt zu Boden und stellt sich tot. Er überlebt. Gegen vier Uhr nachts verlässt die „Werwolf“-Gruppe Penzberg, kurz danach das Werferregiment.

Gerichtsprozesse: Am Ende bekommt nur ein Beschuldigter Lebenslänglich

Von 1948 bis 1957 gab es 15 Gerichtsverfahren. Mit der „juristischen Aufarbeitung“ hat sich Arnd Koch, Professor an der Uni Augsburg, beschäftigt: Sie zeige „wie im Brennglas“ die Probleme der deutschen Nachkriegsjustiz mit NS-Verbrechen. Der erste Prozess, verhandelt wurde in Penzberg, endete noch mit Todesstrafen für Zöberlein und Bauernfeind, lebenslänglich für Vonwerden und den Penzberger Ortsgruppenleiter, Zuchthaus für Ohm sowie Haft für vier Penzberger. Nach vielen Revisionen, Freisprüchen und Einstellungen wurden am Ende allein Zöberlein zu lebenslänglich und ein Kommandeur seines Todesschwadrons zu zehn Jahren Haft verurteilt. Zöberlein saß sein „Lebenslänglich“ bis 1958 ab. Damals erhielt er Haftverschonung aus gesundheitlichen Gründen.

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