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Schloss-Wechsel: Die Gebäudetechniker Peter Tschernoster (l.) und Ömer Yerli (r.) wechselten gestern die Schlösser bei den Stadthallen-Eingängen aus, hier zur Gaststätte „Penzberger“, die bis auf Weiteres geschlossen ist.

Das sagt die Wirtin, das sagt die Stadt

Stadt wirft Stadthallen-Wirtin raus - was dahintersteckt und was jetzt passiert

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Die Stadt Penzberg hat der Wirtin fristlos gekündigt. Am Donnerstag wurden die Schlösser ausgewechselt. Offiziell geht es um nicht bezahlte Pacht. Doch der eigentliche Grund ist ein anderer.

Penzberg - Es brodelte schon länger, spätestens seit dem Wirte-Wechsel in der Stadthalle, von dem das Rathaus erst nach zwei Monaten nur durch Zufall erfahren hatte. Diese Woche zog der Penzberger Stadtrat die Konsequenz.Er beschloss zunächst am Dienstag einstimmig in einer nicht öffentlichen Sitzung, den Vertrag mit sofortiger Wirkung zu kündigen. Am Mittwochabend, in einer weiteren nicht öffentlichen Sitzung, spielte er „alle Eventualitäten“ durch – also wie es weitergeht. 

Noch während der Stadtrat zusammensaß, gingen am Abend zwei städtische Mitarbeiter zur Stadthalle, um Paula Maria Reisek die fristlose Kündigung auszuhändigen. So schilderten es Bürgermeisterin Elke Zehetner und ihr Stellvertreter Dr. Johannes Bauer mit.

Der große Saal der Penzberger Stadthalle: Veranstaltungen sollen trotz Wirte-Kündigungen stattfinden.

Paula Maria Reisek musste praktisch sofort ihre Sachen packen. Die Kündigung gilt ab 1. März. Am Donnerstag wechselten die Gebäudetechniker die Schlösser aus. „Wir wollten nicht aus unserer eigenen Stadthalle ausgesperrt werden“, sagte Bürgermeisterin Zehetner über die fristlose Kündigung. Ihr zufolge bestand die Gefahr, dass anstehende Veranstaltungen wie der Starkbieranstich nicht stattfinden, wenn die Kündigung erst für Ende März ausgesprochen wird. Deshalb der schnelle Schlussstrich.

Die Stadt begründet die Kündigung mit „offenen Verbindlichkeiten“. Es seien ausstehende Pacht- und Nebenkosten nicht gezahlt worden, sagte Vize-Bürgermeister Bauer, der die Sitzung am Mittwoch geleitet hatte. Bis 28. Februar wäre dazu Zeit gewesen. Wie berichtet, geht es um rund 50.000 Euro aus den Zeiten von Reiseks Vorgänger Rudolf Schall. Reisek selbst hatte die Summe vor drei Wochen gegenüber unserer Zeitung genannt. Das Rathaus bestätigte, dass es „an die 50.000 Euro“ seien. Es seien Vollstreckungsmaßnahmen eingeleitet worden, so Zehetner. Notfalls zieht die Stadt laut Bauer vor Gericht.

Das ist der wahre Grund

Der eigentliche Grund für den Rauswurf liegt wo anders: im heimlichen Wirtewechsel von Rudolf Schall auf Paula Maria Reisek. „Wir haben aufgrund der Rochade auf Dauer nicht gesehen, dass es positiv weitergehen könnte“, sagte Vize-Bürgermeister Bauer. „Wir hatten kein Vertrauen, dass es eine florierende Zukunft gibt“, fügte Rathaus-Chefin Zehetner an. Auch das „diffuse Netz“ (Zehetner) an Gesellschaften trage nicht zum Vertrauen bei. Laut Zehetner gab es auch negative Rückmeldung aus der Bevölkerung. Tatsächlich gab es immer wieder Kritik: Man müsse lange auf Essen und Getränke warten, beim Feuerwehr-Abend sei das Tablett mit den Suppentellern auf dem Boden gestellt worden, beim Jungritter-Rosenmontagsball sei eine „kleine Karte“ ausgemacht, der Kühlschrank aber leer gewesen – die Stadthalle organisierte deshalb Pommes und Wurstsemmeln. Zehetners Schlussfolgerung: „Lieber ein Ende mit Schrecken.“ Bauer: „Es war die Reißleine.“

Das sagt die Wirtin

„Wir sind traurig und fassungslos“: Geschasste Wirtin Paula Maria Reisek.

Paula Maria Reisek hat die fristlose Kündigung eigenen Worten nach „absolut überrascht“: „Wir stehen alle unter Schock, wir sind traurig und fassungslos, es zieht mir den Boden unter den Füßen weg“, sagte die Ex-Stadthallen-Wirtin am Donnerstag auf Nachfrage unserer Zeitung. Durch diese Entscheidung seien „viele Existenzen berührt“. Sie sei mit einer „guten und ehrlichen Einstellung“gekommen und habe viel Kraft investiert. Es sei aber „viel auf mich projiziert worden“, was vorher falsch gelaufen sei, sagte Reisek, die voriges Jahr von ihrem Vorgänger Rudolf Schall die Geschäftsführung der „R & G Dienstleistungs GmbH“ übernommen hatte. 

Auf die Frage, ob sie die Kündigung anfechten wolle, antwortete Reisek, dies könne sie so kurzfristig nicht beantworten. „Ich muss mich beraten lassen.“ Zu der städtischen Geldforderung sagte sie, sie wolle schauen, dass „wir, Schall und die Stadt möglichst unbeschadet aus dem Schlamassel herauskommen“. Ein anderer Vorwurf der Stadt war, dass sie die Stadthalle selbst finanziell nicht stemmen konnte. Dabei wurde auf Reiseks „Familienverhältnisse“ und auf Bashir Noori – Reisek hatte ihn als Ehemann vorgestellt – angespielt. Dieser hatte mit ihr die „R & G“- Gesellschaftsanteile übernommen. Danach befragt antwortete Reisek, dass Bashir Noori mit ihr in einer „festen Lebensgemeinschaft“ lebe und finanziell gebürgt hätte. „Ich weiß nicht, ob das der Stadt genügt hätte“, räumte Reisek ein.

Zur Penzberger Stadthalle wollte die 32-Jährige am Donnerstag im Gespräch auch noch etwas loswerden. Sie habe zuvor keine Ahnung gehabt, dass das aktuelle Konzept der Stadthalle „ein Kostenfresser“ sei. Da müsse sie Rudolf Schall recht geben. Wirtschaftlich sei es für ein Einzelunternehmen kaum umsetzbar, sagte Reisek. Restaurant und Veranstaltungsteil müssten konzeptionell getrennt werden. Der Betrieb nach dem aktuellen Konzept „hätte uns noch mehr ins Minus gezogen“, sagte sie. „Vielleicht können wir der Stadt dankbar sein, dass sie uns davor bewahrt hat.“

Wie geht es nun weiter mit der Penzberger Stadthalle?

Die Gaststätte ist laut Rathaus bis auf Weiteres geschlossen. Die Stadt will aber dafür sorgen, dass Veranstaltungen im Saal stattfinden können. Laut Rathaus-Geschäftsleiter Roman Reis wird ein Ansprechpartner für Veranstalter und Vereine installiert, bis es einen neuen Wirt gibt. Der Ansprechpartner soll den Veranstaltern auf Wunsch Cateringunternehmen vermitteln – damit zum Beispiel der Starkbieranstich samt Derbleckn im März stattfinden können. Für die Konferenz der SPD Oberbayern am Sonntag habe die Stadt wegen der Kurzfristigkeit selbst Kontakt zu einem Caterer aufgenommen. Vereine, so Bürgermeisterin Elke Zehetner, sollen über den Ansprechpartner Zugang zu den Räumen erhalten. Für kleinere Treffen ohne Essen, so Reis, könnte vielleicht ein Getränkehändler eingebunden werden. Oder die Vereine versorgen sich selbst.

Für die Stadt Penzberg beginnt nun die neue Suche nach einem Stadthallen-Wirt: Laut Vize-Bürgermeister Bauer hat der Stadtrat am Mittwoch eine „qualifizierte Ausschreibung“ beschlossen, in der die Stadt genau auflistet, was sie von einem Wirt erwartet. Außerdem werde „brauereifrei“ ausgeschrieben. Ferner will man laut Bauer diesmal genau recherchieren, mit wem man es zu tun hat. Und wann ist mit einem neuen Wirt zu rechnen? „Es dauert so lange, bis wir einen Guten gefunden haben. Lieber lassen wir uns da etwas mehr Zeit“, sagte er. Genauer definiert werden sollte laut Bauer und Zehetner auch, unter welchen Voraussetzungen Vereine die Stadthalle kostenlos nutzen können. Man müsse aber auch für Verständnis für einen Wirt haben: „Unsere Aufgabe ist es auch, dass er davon leben kann.“

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