Brand an der Wiesn - Einsatz läuft - Beißender Gestank in der Luft

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Über den Wolken ist die Freiheit wohl grenzenlos, nach der Landung erwartete Wolf Schneider 1988 allerdings ein zweitägiger Aufenthalt auf der Gefängnisinsel der Malediven.

40 Jahre Gleitschirmschule in Penzberg

Wolf Schneider: Drachenflieger und Fernsehstar

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Die Drachen- und Gleitschirmschule von Wolf Schneider gehört zu den ältesten in Europa. Tausende Schüler lernten in 40 Jahren an der Berghalde in Penzberg das Fliegen.

Penzberg – Wolf Schneider steht auf dem Osterfelderkopf in 2050 Metern Höhe, den Drachen auf dem Rücken. Die Startrampe vor ihm führt ins Nichts. Geht etwas schief, wird er seinen ersten hochalpinen Flug wohl nicht überleben. Rettungsfallschirme für Drachenflieger gibt es 1975 nicht, eine Ausbildung für Piloten auch nicht. Wolf Schneider denkt an seine Spezl, die in den Tod geflogen sind. Dann rennt er los.

Das Drachenfliegen kommt dem Vogelflug am nächsten: Liegend, mit dem Kopf voraus, schießen die Piloten geräuschlos mit bis zu 100 Stundenkilometern durch die Luft. „Einmal ausprobiert, lässt es einen nicht mehr los.“ Zumindest Wolf Schneider nicht.

Fernsehstar Schneider: In den 90ern spielte er in 62 Folgen von „Versteckte Kamera“ mit Fritz Egner (r.) mit.

Seit fast 45 Jahren stürzt er sich von Bergen. Weltweit, in jüngeren Jahren oft als Erster. Mit abenteuerlichen Fluggeräten. Wie bei dem Flug vom Osterfelderkopf: wenig Stoff, noch weniger aerodynamische und statische Stabilität. Für die Aussicht an diesem schönen Julimorgen im Jahr 1975 interessiert sich Wolf Schneider nach dem Start nicht. Ihn treibt die Frage um: „Schaffe ich es übers Kreuzeck?“ Damals keine Selbstverständlichkeit. Es klappt.

„Heute wird sich dein Leben verändern“

Wenige Monate zuvor, Ende 1974, hatte Wolf Schneider in Garmisch-Partenkirchen eine der ersten Drachenflieger-Schulen Europas gegründet. Vier Jahre später verlegte er seine Kurse in das Freizeitgebiet Berghalde in Penzberg. Die Bedingungen an dem gepflegten Hang seien ideal: „Anfänger fliegen weit, aber nicht hoch über dem Boden.“ Als einziges Ausbildungsgelände in Europa ermöglicht eine Flutlichtanlage zusätzliche Übungsstunden nach Feierabend. Tausende Schüler gingen hier das erste Mal in die Luft. Jedem seiner Schützlinge sagt Wolf Schneider anfangs das Gleiche: „Heute wird sich Dein Leben verändern.“

So, wie für ihn nach dem 15. April 1973 alles anders wurde. An diesem Tag fliegt der Amerikaner Mike Harker als erster Mensch mit einem Drachen von der Zugspitze. Wolf Schneider sieht einen Bericht darüber in den Nachrichten. Seitdem will er nur noch eines: fliegen. Der damals 24-Jährige ruft den Soldaten in Garmisch-Partenkirchen an. „Klar, komm vorbei, ich zeig Dir das“, sagt Harker. Im Sommer 1974 fliegen sie, im Oktober gründet Wolf Schneider seine Flugschule. Er zieht vom Sauerland nach München, in die Nähe der Berge. Zuhause lässt der gelernte Goldschmied mit Meistertitel eine Anstellung als Berufsschullehrer zurück. Und einen Teil seines Namens.

Daumen hoch für Anja Kruse: Auch zahlreiche Promis erlernten bei Penzberg das Gleitschirmfliegen.

Über 100 Wolfgangs mit dem Nachnamen Schneider stehen im Telefonbuch der bayerischen Landeshauptstadt. Deshalb nennt sich der Neu-Münchner nur noch Wolf. Unter diesem Namen wird er in der ganzen Welt bekannt. In Südamerika nennen ihn die Menschen auch „El loco aleman“, („Der verrückte Deutsche“). Dabei lag ihm das Thema „Sicherheit“ immer am Herzen, bis heute.

Als Gründungsmitglied des Deutschen Hängegleiterverbands erarbeitete Wolf Schneider Ausbildungsstandards, legte beispielsweise fest, wie viele Flugstunden ein Pilot braucht, bis er den Drachen sicher im Griff hat. Er half auch, die Materialien zu verbessern. Heute könne man von einer sicheren Sportart sprechen. Selbst, wenn die Geräte in eine Schieflage geraten, richten sie sich wieder auf. Zu Beginn seiner Fliegerkarriere gab es diese Sicherheit nicht. Das erlebte Wolf Schneider am eigenen Leib.

Absturz aus 150 Metern Höhe

Über einem Waldstück im Sauerland kippt der Drachen in fast 150 Metern Höhe nach vorne. Wolf Schneider stürzt in den Flatterflug. Mit rund 130 Stundenkilometern rast er auf den Boden zu. Die armdicken Äste bremsen seinen freien Fall, retten ihm das Leben. Einen Tag später geht Wolf Schneider wieder in die Luft – übersät mit grünen und blauen Flecken, aber ohne größere Verletzungen. Immer wieder sucht Wolf Schneider neue Herausforderungen. 1985 zum Beispiel fliegt er als erster Pilot mit einem Drachen vom Pico Bolívar, mit knapp 5000 Metern dem höchsten Berg Venezuelas. Dieser Aktion verdankt Wolf Schneider seinen Spitznamen. Dieser „loco aleman“ löste in Venezuela eine ähnliche Begeisterung aus wie Harkers Flug von der Zugspitze. „Überall entstanden Drachenflug-Schulen.“

Wolf Schneiders eigene Schule läuft zu dieser Zeit bereits glänzend. Ganz anders als in den Anfangsjahren. Kaum ein Schüler meldete sich. Wegen der vielen, zum Teil tödlichen Unfälle, hatte der Sport einen schlechten Ruf. Wolf Schneider kennt zehn Piloten, die beim Drachenfliegen ihr Leben ließen.

Ende der 1970er kam ihm der Zufall zu Hilfe: Er lernte den Chef des Deutschen Reisebüros (DER) kennen. Dieser nahm die Kurse in einen der Prospekte auf – und machte die Schule von Wolf Schneider bekannt. „Plötzlich wurde ich überrannt.“

Kein bisschen greise: Auch mit 68 sucht Wolf Schneider tagtäglich nach neuen Herausforderungen – demnächst geht es nach Kirgistan.

Mitte der 1980er Jahre entwickelte sich das Gleitschirmfliegen zu einer populären Sportart. Wolf Schneider reagierte: Er erweiterte das Kurs-Angebot – und den Namen der Schule. Noch heute heißt sie „Bayerische Drachen- und Gleitschirmschule“. Neben dem Chef gehören vier weitere Lehrer zum Team.

Sein Büro betreibt Wolf Schneider schon immer in Grünwald. Dort lebt er auch. In der Nachbarschaft wohnt Torwart-Legende Oliver Kahn, beim Bäcker treffen er, seine Frau Heike oder Sohn Jan (16) mitunter FC-Bayern-Star Franck Ribéry. Auch unter seinen Flugschülern gab es Prominente: Die Schauspielerin Anja Kruse lernte ebenso in Penzberg das Gleitschirmfliegen wie Airbus-Chef Tom Enders.

Zwei Nächte auf der Gefangeneninsel

In den 1990er Jahren war Wolf Schneider selbst eine kleine Berühmtheit. In 62 Folgen der Sendung „Versteckte Kamera“ wirkte er als Darsteller mit. Für eine Film-Dokumentation über die Malediven flog er 1988 mit einem Motordrachen über 1000 Kilometer vom Nord- zum Süd-Malé-Atoll. Was Wolf Schneider nicht wusste: Die Gefangeneninsel hätte er nicht überqueren dürfen. Er saß für drei Tage und zwei Nächte in Arrest. „Es gibt Schlimmeres“, sagt Wolf Schneider mit Blick auf das Eiland im Indischen Ozean, auf dem sich die Häftlinge frei bewegen.

Inzwischen konzentriert sich Wolf Schneider auf den Gleitschirmunterricht. Das Drachenfliegen, bedauert er, bedeute den meisten zu viel Aufwand. Im vergangenen Jahr zählte der Deutsche Hängegleiterverband nur 32 neue Drachenflieger, aber über 2000 neue Gleitschirmpiloten. Für die abenteuerlustigen unter ihnen organisiert Wolf Schneider Reisen nach Italien, Südafrika oder in die Türkei. Im September geht es nach Kirgistan auf „Flugsafari“. Die Gleitschirme zu den Startplätzen tragen Pferde, geschlafen wird in Jurtezelten. Wolf Schneider liebt solche Herausforderungen, sie halten ihn jung.

An den Ruhestand denkt er mit seinen 68 Jahren nicht. „Ich würde verrückt werden, wenn ich nicht mehr fliegen und nicht mehr schulen könnte.“

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