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Nasir (24) musste zurück nach Afghanistan - und stirbt beim Anschlag auf den Flughafen Kabul

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Von: Franziska Seliger

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Starb beim Anschlag auf den Flughafen von Kabul: der 24-jährige Nasir, der vier Jahre in Penzberg lebte.
Starb beim Anschlag auf den Flughafen von Kabul: der 24-jährige Nasir, der vier Jahre in Penzberg lebte. © privat

Viele Menschen wurden beim Terroranschlag auf den Flughafen von Kabul am 26. August getötet. Unter den Opfern ist auch der 24-jährige Nasir, der vier Jahre in Penzberg lebte.

Penzberg – „Er war ein ganz stiller und fleißiger Mensch“, erinnert sich Anette Völker-Rasor vom Penzberger Verein „Werkraum“ an den jungen Afghanen. Mit vielen anderen sei Nasir 2016 von der Münchner Erstaufnahmeeinrichtung nach Penzberg gekommen. Gerade 19 Jahre alt sei er damals gewesen. „Rasch hat er die ersten Worte Deutsch gelernt. Und er bemühte sich selbst um eine Arbeitsmöglichkeit“, berichtet Völker-Rasor.

In München habe Nasir bei einer Reinigungsfirma einen Vollzeitjob gefunden und sei jeden Tag mit dem ersten Zug in die Stadt gefahren, bevor er zusammen mit einigen anderen jungen Männern aus der Penzberger Flüchtlingsunterkunft ab September 2017 den Grundunterricht in der Weilheimer Berufsschule besuchen durfte. „Einen kleinen Trupp von sieben afghanischen Jungs konnte man fortan jeden Morgen durch Penzberg zum Bahnhof laufen sehen“, erinnert sich Völker-Rasor. Für sie alle sei das eine Zeit großer Hoffnung gewesen auf einen positiven Asylbescheid. Alle wollten an der Weilheimer Schule für eine gute Zukunft lernen.

Doch als 2018 nach und nach bei allen die Ablehnungen ihrer Asylanträge eingegangen seien, sei die Gruppe auseinander gefallen, so Völker-Rasor. „In die Schule ging bald keiner mehr.“ Viele seien in andere europäische Länder weitergezogen. Einige hätten auf ein Klageverfahren gehofft und sich eine Arbeit gesucht. „Nasir war bei denen, die weiter auf Deutschland hofften“, so Völker-Rasor. Er habe seinen Job in München wieder aufgenommen und die folgenden zwei Jahre vollzeit gearbeitet.

Abschiebung drohte - Nasir kehrte freiwillig nach Afghanistan zurück

„Doch im Sommer 2020, als auch die Klage abgelehnt worden war, verlor er alle Zuversicht.“ Ins europäische Ausland habe Nasir wegen der Corona-Pandemie nicht gehen können. „Und abgeschoben wollte er nicht werden.“ Als abgeschobener Flüchtling im Heimatland anzukommen, sei für die Rückkehr oft sehr gefährlich, erklärt die Asylhelferin. Also habe sich Nasir für eine freiwillige Rückkehr nach Afghanistan entschieden. Im Herbst vergangenen Jahres sei er zurück gewesen in einem Vorort Kabuls, den er fünf Jahre zuvor aus Angst vor Terror verlassen habe.

Bereits wenige Wochen später habe Nasir die Nachbarstochter geheiratet, die er von klein auf kannte. Die junge Frau habe Computer Science und Fachenglisch studiert, weiß Völker-Rasor.

Angst vor Rückkehr der Taliban - Nasir wollte zurück nach Deutschland, doch erhielt nur Ablehnung

Doch Nasir habe große Angst gehabt vor dem, was sich in Afghanistan abzeichnete. Denn die Menschen dort, sagt Völker-Rasor, hätten schon viel früher als die ausländischen Politiker und Militärs gewusst, dass die Taliban zurückkehren würden. Davon habe Nasir auch immer wieder in Telefonaten berichtet, die er regelmäßig mit den noch in Penzberg lebenden afghanischen Flüchtlingen führte. Weniger als zehn, so Völker-Rasor, lebten derzeit noch in der Stadt. Einige seien gut befreundet gewesen mit Nasir und hätten den Kontakt zu ihm gehalten.

Als im Sommer die Luftbrücke aufgebaut wurde, habe Nasir bei der deutschen Stelle, die seine Rückkehr organisiert hatte, angefragt, ob er nicht wieder zurück gehen könne nach Deutschland. „Doch wie sein Asylgesuch erhielt auch diese Bitte um Hilfe nur eine Ablehnung.“

Afghanisches Paar machte sich voller Hoffnung auf

Trotzdem hätten sich Nasir und seine Frau Ende August aufgemacht und zum Kabuler Flughafen durchgeschlagen. „Er mit seinen Erfahrungen in Deutschland und sie als studierte Fachkraft ohne jede Hoffnung auf eine Arbeit unter den Taliban: Sie würden es vielleicht schaffen, wenn sie nur in eine Maschine gelangen könnten.“ Das seien die Hoffnungen des Paares gewesen, wie Nasir im letzten Gespräch mit seinen Freunden in Penzberg erzählt habe.

Als am 26. August ein Selbstmordattentäter in einer Menschenmenge am Eingangstor des Flughafens Kabul einen Bombenanschlag verübte, der viele Afghanen, aber auch US-Soldaten tötete (die genauen Opferzahlen gehen auseinander), war Nasir eines der Opfer. „Er war sofort tot“, sagt Völker-Rasor. Seine Frau habe überlebt. Der Kontakt zu ihr bestehe weiterhin.

Afghanische Asylbewerber und Helfer trauern in Penzberg um Nasir

In den Räumen des Werkraum-Vereins in Penzberg haben die afghanischen Asylbewerber nun ein Foto von Nasir aufgestellt, sagt Völker-Rasor. Bei allen sitze der Schock tief. Einerseits würden sich alle große Sorgen machen um ihre Familien in Afghanistan. Andererseits fühlten sie sich bestätigt, dass es richtig war, vor Krieg und Terror nach Europa zu fliehen.

Die Zukunft dieser jungen Männer in Penzberg sei ungewiss, so Völker-Rasor. Viele hätten Klagen gegen die Ablehnung ihrer Asylbescheide am Laufen. Die Abschiebungen nach Afghanistan seien derzeit ausgesetzt.

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