1. Startseite
  2. Lokales
  3. Weilheim
  4. Penzberg

Ritterschlag für Küchentisch-Start-up

Erstellt:

Von: Andreas Steppan, Wolfgang Schörner

Kommentare

Das Start-up-Unternehmen „S4DX“ war 2018 von (v.l.) Hans Maria Heyn aus Reichersbeuern, Julia Flötotto aus Berlin, Malte Dancker aus Murnau und Yannick Timo Böge aus Penzberg gegründet worden. Vom Gründer-Quartett ist Malte Dancker nicht mehr dabei, der in seinen Beruf als Arzt zurückkehrte.
Das Start-up-Unternehmen „S4DX“ war 2018 von (v.l.) Hans Maria Heyn aus Reichersbeuern, Julia Flötotto aus Berlin, Malte Dancker aus Murnau und Yannick Timo Böge aus Penzberg gegründet worden. Vom Gründer-Quartett ist Malte Dancker nicht mehr dabei, der in seinen Beruf als Arzt zurückkehrte. © privat

Begonnen hatte es vor vier Jahren an einem Küchentisch in Penzberg. Yannick Timo Böge und drei Kollegen legten damals den Grundstein für ein Start-up-Unternehmen, das heute 29 Mitarbeiter aus 15 Nationen hat. Die Europäische Union hat nun die „Smart4-Diagnostics GmbH“ als eines der 27 innovativsten Unternehmen in der EU für den „EIT Award 2022“ nominiert.

Penzberg – „Das ist eine tolle Bestätigung für uns“, sagt der Penzberger Yannick Timo Böge über die Nominierung. Sie zeige, dass man ein relevantes Produkt für den Gesundheitsmarkt entwickle und auf dem richtigen Weg sei. Wichtig ist das ihm zufolge auch für die Motivation. Der Innovationspreis wird heuer zum neunten Mal vom „Europäischen Institut für Innovation und Technologie“ (EIT) an viel versprechende Start-ups verliehen. 27 Unternehmen aus 15 europäischen Ländern sind nominiert. Ende September gibt es ein „Halbfinale“, nach dem zwölf Firmen übrig bleiben. Die Preisverleihung ist für 11. Oktober in Brüssel geplant.

Automatisiert und digital nachvollziehbar

Die Neuentwicklung, mit der „Smart4-Diagnostics“, kurz „S4DX“, weltweit durchstarten will, liegt im Bereich der Labordiagnostik beziehungsweise einen Schritt da-vor, in der Präanalytik. Die Gründer entwickelten einen „Datenfingerabdruck“ für menschliche Blut-, Urin- oder Gewebeproben. Dank digitaler Erfassung wird sichergestellt, dass Proben ohne jeglichen Fehler, ohne Verwechslung und in perfektem Zustand im Labor ankommen. „S4DX“ will mit seinem System dafür sorgen, dass von der Praxis oder Klinik bis zum Labor alles automatisiert und digital nachvollziehbar ist.

Das ist keine Selbstverständlichkeit: Wenn zum Beispiel Blutproben vom Arzt ins Labor geschickt werden, muss während der gesamten Lieferzeit die richtige Temperatur herrschen. Sie dürfen nicht zu warm werden, sonst sind sie unbrauchbar. Eine Überwachung während er Blutproben-Lieferung gab es bislang nicht. Das Labor weiß nicht, in welchem Zustand die Blutprobe bei ihm ankommt.

Alle vier haben promoviert

Auf dieses Problem gestoßen waren der Penzberger Böge und der Reichersbeurer Hans Maria Heyn, als sie noch in Habach beim Unternehmen „Triga-S“ arbeiteten, das in der Gesundheitsbranche tätig ist und die Start-up-Gründer später unterstützte. Damals machte Böge die Erfahrung, dass Blutproben, die quer durch Deutschland verschickt wurden, verloren gingen oder zu spät und zu warm ankamen. Hans Maria Heyn erzählt, ihm sei erst kürzlich in einem deutschen Krankenhaus berichtet worden, dass es dort zu hunderten dokumentierten Probenverwechslungen komme.

Vor vier Jahren begannen Böge, Heyn, die Informatikerin Julia Flöttoto aus Berlin und der Arzt Malte Dancker aus Murnau – alle vier promoviert – mit der Suche nach einer Lösung, anfangs noch am Küchentisch bei Böge zu Hause in Penzberg. „Wir sind schon gestartet, bevor Corona die Schwächen der Gesundheitswirtschaft aufgedeckt hat“, so Böge.

Vom Gründer-Quartett sind heute noch drei dabei. Nur Malte Dancker ist in seinen alten Beruf als Arzt zurückgekehrt. Heute hat das Unternehmen seinen Sitz in München. Dort trat „S4DX“ auch bei der international renommierten „Bits & Pretzels“-Veranstaltung auf, was laut Böge genauso wichtig wie die EU-Nominierung gewesen sei. Man stehe jetzt auf der „ganz großen internationalen Digital-Health-Bühne“, freut er sich, und das als Penzberger und Reichersbeurer Start-up im „hochgejubelten Münchner Digital-Health-Ökosystem“.

Digitalkontrolle für Laborproben

Das Unternehmen hat laut Böge 29 Mitarbeiter aus 15 Nationen, darunter aus Spanien, Österreich, China, Ukraine, Kolumbien, Tunesien, Indien, Pakistan und Saudi-Arabien. Die Frauenquote liege bei 41 Prozent, erzählt er. Das sei nicht typisch für ein Softwareunternehmen, aber es sei ihnen wichtig. Rekrutiert wurden hoch qualifizierte Mitarbeiter direkt im Ausland genauso wie motivierte Hochschulabgänger, insbesondere von deutschen Unis, die flache Hierarchien, Mitgestaltungsmöglichkeiten und sinnhafte Produkte schätzen. „Die jungen Leute wollen mehr als nur einen reinen Job mit Aufgaben“, so Böge.

Zu den Kunden von „S4DX“ zählen laut Heyn unter anderem die Charité und die Vivantes-Klinik in Berlin mit ihrem gemeinsamen Krankenhaus-Labor, das größte Europas. Nach der Zulassung für den gesamteuropäischen Markt laufe gerade der Zulassungsprozess in den USA, ebenso arbeite man an der Zulassung in Brasilien, wo es die größten Labors der Welt gebe. „S4DX“ arbeitet laut Heyn auch eng mit Roche, dem Laborgerätehersteller Beckman und dem Produzenten von Blutentnahme-Röhrchen Sarstedt zusammen.

Auch interessant

Kommentare