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Ihre Schlagerrevue funktionierte auch am Bürotisch: (v.l.) Pianist Frederic Hollay, Sängerin Julia von Miller und Erzähler Anatol Regnier am Dienstagabend in der Penzberger Stadtbücherei. 

Sttadtbücherei penzberg  

Schlager, befreit von Plüsch und Rosen

Die Revue „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“ ließ den Schlager selbst wirken.  Und das ohne das schmückende Beiwerk.

Penzberg – Eine Stadtbücherei ist kein Revuetheater. Kein roter Plüsch, keine schummrige Beleuchtung, keine Bühne mit Tanzfläche. Das dürfte den rund 90 Besuchern der Revue „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“, die am Dienstagabend fast alle verfügbaren Stühle der Penzberger Stadtbücherei besetzten, klar gewesen sein. Dennoch mutet es ein bisschen merkwürdig an, wenn sich dann Julia von Miller und Anatol Regnier, auf Bürostühlen an einem Bürotisch sitzend, von kaltem Bürolicht umgeben, mit dem Titelsong der Veranstaltung hingebungsvoll ansingen. Das wirkt fast wie eine Parodie, weil man automatisch Bilder eines tanzenden Paares in weich gezeichnetem Licht, umgeben von Samt, Rosen und Champagnerkelchen vor Augen hat.

Aber genau darin liegt der Gewinn des Abends: Wenn man den kurzen Schockmoment zwischen tief eingebrannter Erinnerung und realem Geschehen überwunden hat, kann man sich auf die Lieder selbst besinnen, die hier sozusagen nackt, ohne alles übliche schmückende Beiwerk, dargeboten werden.

Und die Darbietung überzeugt. Zwar ist Julia von Miller die eigentliche Sängerin oder vielmehr singende Erzählerin (um den angestaubt wirkenden Begriff „Diseuse“ zu vermeiden). Aber Regnier überspielt geschickt und charmant, dass er eigentlich gar nicht singen kann. Und so passt’s! Neben den Duetten bietet von Miller einige sehr bekannte Lieder alleine dar, wobei man sie bewundern muss, dass sie es wagt, den Hörvergleich mit Zarah Leander („Davon geht die Welt nicht unter“) oder Lale Andersen („Lili Marleen“) zu riskieren. Doch auch hier gilt: Nach einer kurzen Irritation, eben nicht die samtig-schwarze Stimme der Leander oder das zärtliche Gegurre der Andersen zu hören, kann man sich neu einlassen auf die Lieder und die unpathetische, leichtere Interpretationsweise von Millers kennenlernen.

Am Piano sitzt mit Frederic Hollay ein zuverlässiger, souveräner Begleiter. Dazu lesen beide, vorrangig aber Regnier, Texte über die Entstehungszeit der Musik, erzählen von verfolgten jüdischen Komponisten, von Homosexuellen, die in den lockeren zwanziger Jahren frei leben konnten, von den Nazis später aber inhaftiert wurden, von dem „Tanz auf dem Vulkan“, der immer die Gefahr barg, abzustürzen und zu verbrennen. Das Publikum in der Bücherei ist angetan.

Sabine Näher

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