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Der OP-Saal in Haridwar: Arbeiten unter erschwerten Bedingungen.

Operationen nach Säure-Attacke  - wie eine Chirurgin aus Penzberg in Indien hilft

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Vor vier Jahren lernte die Chirurgin Dr. Gaby Fromberg die kleine Munni kennen, ein Mädchen, das im Gesicht und an den Händen schwere Verbrennungen erlitten hatte. Jetzt begegneten sie sich wieder – im indischen Haridwar. Dort war die Ärztin, die am Penzberger Krankenhaus arbeitet, zum zehnten Mal für die Hilfsorganisation „Interplast“ im Einsatz.

Penzberg – Munni ist heute acht Jahre alt. Als das indische Mädchen vor vier Jahren erstmals in das Ärztecamp von Haridwar kam, war ihr Gesicht nach schweren Verbrennungen entstellt. An ihren Händen fehlten die Finger. Sie habe damals „wie versteinert“ gewirkt, sie habe „ausdruckslos vor sich hingestarrt“, erinnert sich Gaby Fromberg. Die Spezialistin für plastische Chirurgie operierte das Mädchen seither mehrmals, immer, wenn sie nach Haridwar kam. Schon voriges Jahr hatte Gaby Fromberg erzählt, dass Munni von Mal zu Mal mehr auftaue. Das hat sich fortgesetzt. Sie sei „richtig aufgeblüht“. Die örtlichen Rotarier, die mit den Ärzten im Camp zusammenarbeiten, hätten sogar einen Bollywood-Star dazu animieren können, Munnis Schulausbildung zu bezahlen.

Zum zehnten Mal reiste Gaby Fromberg heuer für die Hilfsorganisation „Interplast“ ins indische Haridwar, um mit anderen Ärzten ehrenamtlich Menschen mit Verbrennungen und Missbildungen zu operieren. In zwei Wochen nahm das Team 173 Eingriffe an 79 Patienten vor. Gaby Fromberg ist – wie Dr. Eva Maria Baur, die ebenfalls „Interplast“ angehört und ein ähnliches Camp in Delhi leitet – Chefärztin für plastische Chirurgie und Handchirurgie an der Penzberger Klinik. Bei ihren Einsätzen in Haridwar bekomme sie vor Augen geführt, wie gut es einem zu Hause geht, sagt Gaby Fromberg. „Die täglichen Kleinigkeiten, die mich immer wieder auf die Palme bringen, verblassen dort zu Nichtigkeiten.“

Im Dezember kehrte die Ärztin vom jüngsten „Interplast“-Einsatz zurück. In Haridwar sah sie auch eine junge Inderin wieder, die vor vielen Jahren mit Säure übergossen worden war. Kein Einzelfall. In vielen Bevölkerungsschichten, sagt die Ärztin, würden Frauen und Mädchen immer noch als minderwertig oder teurer Ballast gelten, die Dunkelziffer krimineller Handlungen sei hoch. Solche Säure-Verletzungen machen viele Operationen über Jahre nötig. Die junge Frau sei diesmal sehr depressiv gewesen, sagt Fromberg. Vielleicht, weil ihr Peiniger wieder aus dem Gefängnis kommt. Oder weil sie realisiert hat, dass sie für immer durch Narben gezeichnet sein wird, trotz der Verbesserungen durch die Behandlungen.

Häufiger hat es das Team mit Verbrennungen zu tun. Viele Menschen seien bettelarm, sagt Fromberg. Sie kochen oder heizen mit offenem Feuer. Spielen viele Kinder in der Nähe, komme es zwangsläufig zu Unfällen. Als Ursachen nennt sie auch explodierende Gasflaschen und offene Stromleitungen.

Einmal im Jahr operiert das „Interplast“-Team solche Patienten. Eine kontinuierliche Betreuung mit Krankengymnastik und Ergotherapie, ein ständiges Anpassen von Kompressionskleidung gebe es jedoch nicht oder sei für die Menschen zu teuer, so Fromberg. Erfreulich sei aber, dass sich ein indisches Team nach dem „Interplast“-Einsatz um die Verbände kümmert. Die örtliche Rotarier hätten zudem einen Hersteller von Kompressionskleidung gefunden.

Sein Camp schlägt das Ärzte-Team jedes Jahr im Mela-Hospital auf, das eigentlich nur für die Pilgermonate gedacht ist. „In den übrigen Zeiten schläft zumindest die OP-Abteilung einen Dornröschenschlaf“, sagt Fromberg. Das hat zwar den Vorteil, dass das Team Platz hat. Auf hochtechnische Spezialgeräte müsse es aber verzichten. Die Basiseinrichtung bestehe aus zwei klapprigen Operationstischen und Hockern. Stromausfälle seien normal. Operationen, die einen größeren Blutverlust bedeuten oder eine Betreuung auf einer Intensivstation nötig machen, seien nicht möglich.

Ansonsten, sagt Fromberg, unterscheide sich die eigentliche Arbeit der Chirurgen und Anästhesisten nicht so sehr von daheim. Einmal herrschte heuer jedoch „Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit“, erzählt sie. Eine Mutter brachte ihre etwa vierjährige Tochter, die durch Verbrennungsfolgen nicht mehr laufen konnte. Doch der Vater verbot die Operation. „Hierzulande hätte ich das Jugendamt eingeschaltet“, so die Ärztin. Dort müsse das entstellte Kind wohl als Bettler zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Sie wolle nicht darüber richten, sagt sie. „Aber es beschäftigt einen natürlich noch lange.“

Wer helfen möchte

Der „Ebersberger Förderverein Interplast“ (EFI) nimmt Spenden für „Interplast Germany“ entgegen: Kreissparkasse München-Starnberg-Ebergsberg; IBAN: DE04 7025 0150 0000 2116 31 (Spendenquittung wird bei Angabe von Name und Adresse zugesandt).

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