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Willi Heidrich, der am heutigen Montag 90 Jahre alt wird, und seine Ehefrau Bruni zeigen das Foto aus dem Jahr 1976, darauf sitzend Brandt und rechts von ihm Heidrich.

Willi Heidrich wird 90: Mit Willy Brandt am Tisch

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90 Jahre alt wird Willi Heidrich am heutigen Montag. Seit 68 Jahren gehört der Penzberger der SPD an. Sein rotes Parteibuch ist ein Stück Zeitgeschichte. Willi Heidrich hat darin über die Jahre Unterschriften gesammelt – von Willy Brandt bis Gerhard Schröder. Selbst Michail Gorbatschow hat sich verewigt.

Penzberg– Auf sein SPD-Parteibuch ist Willi Heidrich stolz. Nicht nur, weil er durch und durch Sozialdemokrat ist. Das rote Büchlein ist auch eine Reise durch die Geschichte. Willi Heidrich hat in den 68 Jahren seiner SPD--Mitgliedschaft Autogramme gesammelt: von Willy Brandt und Herbert Wehner über Helmut Schmidt und Hans-Jochen Vogel bis Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder. Sogar Michail Gorbatschow hat sich verewigt.

Kurz vor seinem 90. Geburtstag sitzt Willi Heidrich – er ist sehr krank – mit seiner Frau Bruni am Wohnzimmertisch und erzählt von damals: Im Juli 1976 kam Brandt, der zwei Jahre zuvor als Bundeskanzler zurückgetreten war, nach Penzberg. Es herrschte Bundestagswahlkampf. Damals trug Brandt sich ins goldene Buch der Stadt ein. Er sei ihm zwar einige Male begegnet, aber nie so nah, erzählt Heidrich. Davon gibt es auch ein Bild, das er sich rahmen ließ: Heidrich, damals SPD-Fraktionschef im Stadtrat, im Rathaus stehend neben dem sitzenden Brandt.

Dem früheren sowjetischen Staatspräsidenten Gorbatschow begegnete Heidrich 2003 bei der 100-Jahr-Feier der SPD in Berlin. Das Autogramm von Martin Schulz kam vor zwei Jahren hinzu, als der Penzberger als Gast zum Bundesparteitag nach Berlin fuhr. Schulz wurde damals zum Kanzlerkandidaten gekürt. Heidrichs damalige Begeisterung für Schulz ist heute deutlich abgekühlt. Und dessen Nachfolgerin Andrea Nahles? Die habe es als Frau schwer, sagt er. Heidrich leidet natürlich an der Entwicklung seiner SPD.

Geboren wurde Willi Heidrich 1929 in Deutsch-Rasselwitz in Oberschlesien, das heute zu Polen gehört. Als Jugendlicher musste er am Kriegsende seine Heimat verlassen. Erst interniert in einem tschechoslowakischen Lager, dann Abschiebung in die Gegend von Wismar, schließlich Flucht über die zum Teil zugefrorene Ostsee nach Lübeck. Von dort wollte er mit dem Zug weiter nach Rosenheim zu seiner Mutter und seinen zwei Schwestern. Ein Ticket konnte sich der 17-Jährige aber nicht leisten. „Ich bin am Bahnhof gestanden und war recht glumpert angezogen“, erzählt er. „Da hat mich eine Frau gefragt, wohin ich will.“ Als er ihr von seiner Mutter und den Schwestern erzählte, „machte sie den Geldbeutel auf und zahlte die Fahrkarte“. Kurz vor Weihnachten 1946 traf er in Rosenheim ein.

Nach Penzberg kam Willi Heidrich im Mai 1947. Dort seien viele Flüchtlinge gewesen, auch aus Deutsch-Rasselwitz. „Die wollte ich besuchen.“ Heidrich blieb hängen. Er machte eine Maurerlehre und begann bei der Firma Kreuzer in Penzberg zu arbeiten. 1957 wechselte er ins Bergwerk.

Das war auch die Zeit, als Heidrich in die Kommunalpolitik einstieg. Die Schichtarbeit im Bergwerk ließ ihm dafür Zeit. Im März 1956 kandidierte er erstmals für den Stadtrat, aber noch ohne Erfolg. Zuvor hatte er sich akribisch an der Georg-von-Vollmar-Akademie vorbereitet. 1957 zog der 28-Jährige als Nachrücker in den Stadtrat ein. Von da an gehörte er 39 Jahre lang dem Kommunalparlament an. Auch im Kreis- und Bezirkstag saß er. „Ich wollte immer Kommunalpolitik machen, aber nichts Höheres.“ Die SPD wurde auch zu seinem Beruf: Von 1965 bis 1982 war er SPD-Geschäftsführer des Bundestagswahlkreises Weilheim.

Willi Heidrich, der aus erster Ehe einen Sohn hat und seit 1994 mit Bruni Heidrich verheiratet ist, engagierte sich auch über die Politik hinaus. Die Liste ist lang: Fußballjugendleiter beim FC Penzberg und in der Spielgruppe Weilheim, Schiedsrichter, Chef des Kreisjugendrings, AWO-Kreisvorsitzender und ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht, um nur einige Stationen zu nennen. Auch den Hoagart und die Lesung „Heilige Nacht“ rief er ins Leben.

Auszeichnungen erhielt der Ehrenstadtrat viele, etwa das Bundesverdienstkreuz, die kommunale Verdienstmedaille des Freistaats und die Bürgermedaille der Stadt. Natürlich ehrte ihn auch die eigene Partei. 2001 und 2002 bekam er die Willy-Brandt- und die Georg-von-Vollmar-Medaille – die höchsten Auszeichnungen, die die Bundes-SPD und Bayern-SPD an ihre Mitglieder verleihen können.

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