So könnte der „Marvel Fusion“-Standort aussehen.
+
So könnte der „Marvel Fusion“-Standort aussehen: Mit dem Bild wirbt das Unternehmen.

CO2-freie Energieproduktion

„Marvel Fusion“ will Fusionskraftwerk entwickeln - Zwei-Milliarden-Euro-Investition in Penzberg?

  • vonWolfgang Schörner
    schließen

Das Münchner Unternehmen „Marvel Fusion“ will sich in Penzberg ansiedeln und dort ein Fusionskraftwerk entwickeln, das CO2-freie Energie produziert. Zum Wissenschaftsbeirat gehört eigenen Angaben nach auch ein Physik-Nobelpreisträger. Angeblich geht es um eine Investition von rund zwei Milliarden Euro. Am Dienstagabend stellte sich das Unternehmen in der Stadthalle vor.

  • Marvel Fusion will mit Fusionskraftwerk klimaneutral Strom produzieren
  • Unternehmen möchte in Penzberg Demonstrationsanlage bauen
  • Gesamtinvestition würde rund zwei Milliarden Euro betragen

Penzberg – „Wir wollen einen Beitrag zum Stoppen des Klimawandels leisten.“ Diesen Satz stellte das Unternehmen „Marvel Fusion“ am Dienstagabend seiner Präsentation im Penzberger Stadtrat voran. Das Ziel ist eigenen Angaben nach, ein kommerzielles Fusionskraftwerk zu entwickeln, das auf Lasertechnologie basiert und CO2-freie Energie produziert. „Wir müssen Wege finden, um den globalen Energiebedarf ohne konventionelle Quellen zu decken“, sagte Geschäftsführer Moritz von der Linden in der Stadthalle.

Das Unternehmen wurde im Juli 2019 gegründet. Der Sitz ist in München. Momentan besteht es nach eigenen Angaben aus 30 Mitarbeitern. Zu dessen Wissenschafts- und Technologiebeirat gehöre Gerard Mourou, der 2018 den Physiknobelpreis für Erfindungen im Bereich der Laserphysik erhalten hat.

Marvel Fusion: Nobelpreisträger im Wissenschaftsbeirat

Auf einem städtischen Grundstück im Industriepark Nonnenwald will „Marvel Fusion“ zuerst eine Demonstrationsanlage mit dem Namen „Proxima“ errichten. Der Bau soll nach Vorstellung des Unternehmens im Mai 2021 starten. Mit der Anlage will es den „Nachweis des laserinduzierten Trägheitsfusionskonzepts“ führen. Von der Linden sprach am Dienstag von „weltweit einzigartigen Experimenten“. Erst seit drei Jahren sei man an dem Punkt, dass kommerzielle Fusionskraftwerke möglich sind.

Erst Demonstrationsanlage, dann Prototyp in Penzberg

Ist der Nachweis gelungen, soll – ebenfalls im Nonnenwald – der Prototyp eines Fusionskraftwerks namens „Antares“ entstehen. „Marvel Fusion“, das auch seinen Firmensitz nach Penzberg verlegen würde, will bis zum Jahr 2023 circa 150 neue Arbeitsplätze in Penzberg schaffen, bis 2028 sollen es 500 sein. Zusätzlich sei man auf Zulieferer angewiesen, die sich womöglich in Penzberg oder der Nähe ansiedeln, hieß es.

Wie „Marvel Fusion“ am Mittwoch auf Nachfrage mitteilte, sollen für den ersten Schritt, die Demonstrationsanlage „Proxima“, circa 200 bis 300 Millionen Euro investiert werden. Für den Prototyp „Antares“, sollen es circa 1,5 bis 2 Milliarden Euro sein. Zu den Investoren, hieß es, zählen der Fonds „BlueYard Capital“, Albert Wenger als privater Investor (er ist auch Managing Partner des New Yorker Fonds „Union Square Ventures“) sowie industrielle Investoren.

Marvel Fusion möchte städtisches Grundstück im Industriepark Nonnenwald kaufen

Dem Penzberger Stadtrat war das Projekt schon einmal hinter verschlossenen Türen vorgestellt worden. Am Dienstagabend wurde dies nun in einem öffentlichen Rahmen wiederholt. Das Grundstück, auf dem sich „Marvel Fusion“ ansiedeln will, befindet sich hinter dem Druckzentrum Penzberg neben dem Roche-Werk. Es gehört der Stadt. Der Stadtrat muss einem Verkauf des rund 29.000 Quadratmeter großen Grundstücks erst zustimmen – dies soll noch in diesem Jahr geschehen, hieß es seitens der Stadt.

Marvel Fusion: Lastertechnologie spielt wichtige Rolle

Kompliziert wurde es am Dienstag, als es um Technologie ging. Die Rede war von Lasertechnologie, künstlicher Intelligenz, Quanten-Computer und Präzisionsrobotik. Mittels Laserenergie finde eine Fusion von Wasserstoff-protonen und Bor-Isotopen statt, woraus positiv geladene Helium-Teilchen entstehen, hieß es. Von der Linden erklärte, dass keine langlebigen radioaktiven Produkte entstünden. Ebenso gebe es kein Risiko einer unkontrollierbaren Kettenreaktion. Das Ergebnis sei ein sicherer, quasi unerschöpflicher, neutronenarmer Treibstoff. Die Sicherheit sei zu jedem Zeitpunkt gewährleistet, so Physiker Jörn Meissner, im Unternehmen für Strahlenschutz zuständig. Werde der Laser ausgeschaltet, ende die Fusion.

Marvel Fusion äußert sich zu Radioaktivität

Auf Nachfrage erklärte Meissner am Mittwoch, dass es sich um eine sichere Anlage für Mitarbeiter und Umwelt handle. Von der radiologischen Einstufung her ähnle die Trägheitsfusionsanlage einer Krebstherapieanlage, zum Beispiel dem Westdeutschen Protonentherapiezentrum in Essen oder jedem anderen Protonentherapiezentrum. Im Fall von „Marvel Fusion“ treffe ein lasergetriebener Protonenstrahl auf Bor und soll damit eine Fusionsreaktion auslösen. Borverbindungen würden zum Beispiel in der Waschmittelindustrie in großtechnischem Maßstab eingesetzt und seien radiologisch ungefährlich.

Bei der Fusion, so Meissner weiter, treffe ein Protonenstrahl auch auf Anlagenteile, wobei eine geringe Radioaktivität entstehe. Die Ersatz- und Verschleißteile kommen laut Unternehmen zum Abklingen – dies dauere etwa 20 Tage – in einen 30 Quadratmeter großen Raum. Es gebe weder eine Anlieferung noch einen Abtransport von radioaktivem Material, hieß es.

Die Vertreter des TÜV Süd erklärten am Dienstag in der Stadthalle, dass nach dem Strahlenschutzgesetz die Errichtung und der Betrieb genehmigungsfähig seien. Die Belastung liege weit unter der natürlichen Strahlenexposition, so der TÜV Süd, der das Unternehmens „Marvel Fusion“ technisch berät.

Mit dem Prototyp in Penzberg soll laut von der Linden bereits Strom erzeugt werden – er sprach am Dienstag von einer 100 Megawatt-Leistung. In den Strommarkt eintreten werde man aber wohl erst 2030, hieß es am Mittwoch auf Nachfrage. „Marvel Fusion“ erklärte, dass das Ziel ein Strompreis von fünf Cent pro Kilowattstunde sei.

Reaktionen im Stadtrat: Von „Weltsensation“ bis „ein bisschen Bauchweh“

Noch hat der Penzberger Stadtrat dem Verkauf des städtischen Grundstücks an „Marvel Fusion“ nicht zugestimmt. Die Fraktionen äußerten sich am Dienstag aber alle mehr oder minder positiv. Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) sprach von einer „visionären Forschung“. Klappt es mit der CO2-neutralen Energie, wäre es „eine Weltsensation“, sagte er.

Von einem „sehr ambitioniertem Projekt“ und einer „großen Zukunftschance nicht nur für Penzberg, sondern darüber hinaus“ sprach CSU-Fraktionschefin Christine Geiger. Wirtschaftsreferent Aleksandar Trifunovic (CSU), sagte, „die Energie- und Umweltprobleme der gesamten Menschheit könnten bei uns im Nonnenwald gelöst werden“. Zusammen mit der Firma Roche und dem Fraunhofer-Institut – es will seine Pandemieforschung im Nonnenwald ansiedeln – entstehe „einer der bedeutendsten High-Tech-Standorte in Deutschland“.

Frage im Stadtrat: Wieso ausgerechnet nach Penzberg?

Aber wieso will „Marvel Fusion“ ausgerechnet nach Penzberg? Das fragte Jack Eberl (FLP). „Wir sind ein bayerisches Unternehmen und wollen in Bayern bauen“, sagte Jörn Meissner. Im Penzberger Nonnenwald habe man einen Untergrund ohne Vibrationseigenschaft gefunden, was ihm zufolge für die aktuelle Lasergeneration wichtig ist. Dass das Unternehmen in Deutschland bleibt, versuchte Moritz von der Linden zudem mit der großen Politik zu erklären. Im Spannungsfeld von USA und China wolle man ein sicheres Rechtssystem und einen Hightech-Standort abseits von geopolitischen Spannungen.

Kerstin Engel (Grüne) sagte, sie begrüße die neue Technologie. Man brauche sie dringend, um den Klimawandel aufzuhalten. Eine „grandiose Technologie“, sagt John-Christian Eilert (Grüne). Die Radioaktivität rufe aber Bedenken hervor, schränkte Engel ein. Wichtig sei deshalb, dass Transparenz geschaffen werde. Auf ihre Frage, was mit der Anlage passiert, wenn das Projekt scheitert, sagte Bürgermeister Korpan, es sei Aufgabe des Landesamts für Umweltschutz (die Genehmigungsbehörde für die Anlage),dass die Stadt dann ein unbelastetes Grundstück zurückbekommt.

Auf Engels Frage nach der Gewerbesteuer antwortete Unternehmenschef Moritz von der Linden, dass die Zulieferer wohl eher zahlen werden. Es sei aber auch im Interesse von „Marvel Fusion“, möglichst früh Gewerbesteuer zu zahlen – weil dies im Umkehrschluss bedeutet, dass das Unternehmen kommerziell Erfolg hat.

Armin Jabs (BfP) fragte, wieso das Unternehmen so sicher sei, dass man vor einem Durchbruch stehe – worauf er allerdings am Dienstag keine Garantie erhielt. Markus Bocksberger (PM) sagte, CO-freie Energie gefalle ihm gut, man habe aber „noch ein bisschen Bauchweh“. Das technische Verfahren müsse unbedenklich sein. Seine Fraktion, sagte Bocksberger, könne erst zustimmen, wenn das Vertrauen seiner Fraktion und der Bürger gewonnen seien. Auf seine Frage, wann Strom ins Penzberger Netz eingespeist werde, antwortete von der Linden, dass dies in acht oder zehn Jahren sein könnte. Adrian Leinweber (SPD) lobte die Transparenz. Nur so könne man neue Technologien voranbringen. Seine Fraktion stehe hinter der Thematik

Informationen zu Marvel Fusion

Die Stadt Penzberg hat die Präsentation von „Marvel Fusion“ auf ihre Internetseite „www.penzberg.de“ gestellt. Laut Bürgermeister wurden zugleich 50 Bürger („Mediatoren“) für ein Meinungsbild angeschrieben. Weitere Interessenten dürften sich melden: E-Mail an „medien@penzberg.de“.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare