Die Tierärzte Lisa Militowski, Anna Goldhofer, Sophie Strobel und Kristin Bernhart (v.l.).
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Mit Spaß bei der Arbeit: Lisa Militowski, Anna Goldhofer, Sophie Strobel und Kristin Bernhart (v.l.).

Spagat zwischen Job und Familie

Alle Hürden gemeistert: Vier Frauen eröffnen Großtierarztpraxis - „Die Bauern wissen, dass wir das können“

  • VonMarco Blanco-Ucles
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Anfang des Jahres eröffneten vier Frauen zusammen eine Großtierarztpraxis in Penzberg. Fast alle von ihnen haben kleine Kinder daheim. Damit sie alles unter einen Hut bekommen, unterstützen sich die Frauen gegenseitig.

Penzberg – Die vier Großtierärztinnen stehen in Kitteln und Gummistiefeln im Stall, haben Schweißperlen auf der Stirn. Lisa Militowski, Anna Goldhofer, Sophie Strobel und Kristin Bernhart müssen bei einer Kuh den Kaiserschnitt machen. Ihr erster gemeinsamer Arbeitstag in der Tierarztpraxis Oberland. Eine kräftezehrende Angelegenheit. Aber sie schaffen es, als Team.

Penzberg: Vier Frauen eröffnen Großtierarztpraxis - „Unsere Landwirte hier brauchen einen Tierarzt“

Das gilt für den Kaiserschnitt am Neujahrsabend genauso wie für den Arbeitsalltag der Frauen, die alle zwischen 32 und 36 Jahre alt sind. Seit Anfang des Jahres leiten sie zu viert die die Tierarztpraxis Oberland in Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau), sind Arbeitskolleginnen. Und noch viel mehr als das. Die Frauen sind gut befreundet, unterstützen sich im Beruf und im Privaten. Die einzig mögliche Konstellation, um den Spagat zwischen Job und Familie zu schaffen, sagen sie.

Ende September 2020 erhielt das Team, das zu der Zeit in der Tierarztpraxis Reski-Weide & Sahrun angestellt war, die Schreckens-Nachricht: Zum Jahresende löst sich die Praxis auf. Ein Schock. Militowski und Strobel befanden sich zu diesem Zeitpunkt in Mutterschutz, kein guter Moment für die Jobsuche. Die Frauen, die sich bereits aus ihrer Studienzeit in München kannten, überlegten fieberhaft, wie es weitergehen soll. Und fassten einen Entschluss: Die Eröffnung der Tierarztpraxis Oberland am 1. Januar in Angriff zu nehmen. Einen Tag nach der Schließung der alten Praxis. Zeit zum Durchschnaufen? Keine Chance, erklärt Strobel: „Unsere Landwirte hier brauchen einen Tierarzt.“

Großtierarztpraxis in Penzberg - Neun Einsätze für die Frauen am Premierentag

Der Weg zur Eröffnung war steinig. Zunächst mussten die Ehemänner und Partner überzeugt werden. „Die Begeisterung hielt sich anfangs in Grenzen. Sie kannten unsere Arbeitszeiten als Angestellte und wussten, dass diese mit einer eigenen Praxis nicht weniger werden würden“, erzählt Militowski. Eine weitere Hürde: das Geld. „Wir mussten einen Businessplan erstellen, um ihn der Bank vorlegen zu können“, erzählt die 32-jährige Bernhart.

Zudem mussten fehlende Genehmigungen eingeholt werden. Um die Räumlichkeiten mussten sie sich nicht kümmern, sie durften sie von der Vorgängerpraxis übernehmen. Und dennoch: Immer wieder kamen bei einer der vier Frauen Zweifel auf, ob sie das wirklich durchziehen wollen. In dem Fall richteten sie die anderen wieder auf. Ein echtes Team eben. Der Gedanke, der sie antrieb: „Wir wussten, dass es unser Traumjob ist in dieser Konstellation und mit diesen Bauern“, erklärt Strobel.

Neun Einsätze am Premierentag – inklusive des Kaiserschnitts am Abend – übertrafen alle Erwartungen. „Wir wussten nicht, ob überhaupt jemand anrufen würde und waren mehr als glücklich über die neun Anrufe“, erzählt Bernhart. Mittlerweile sind es bis zu 30 Landwirte, die sich täglich an die Praxis wenden.

Vier Frauen eröffnen Großtierarztpraxis: „Die Bauern wissen, das wir das können“

Von den vier Ärztinnen und ihren zwei Angestellten erfordert das gute Organisation und Absprache. Nach den Kernarbeitszeiten können sich die Ärztinnen nicht richten. Sie müssen 24 Stunden lang erreichbar sein. Sieben Tage in der Woche. Planungssicherheit gibt es nicht, betont Goldhofer. „Es ist blöd, wenn man seinen Kindern verspricht, dass man sie ins Bett bringt und dann auf einen Termin muss.“

Die Arbeit mit Kühen, Schafen und Ziegen ist körperlich anstrengend. Mit Vorurteilen von Landwirten, ob Frauen diesen Job ebenso gut wie ihre männlichen Kollegen erledigen können, mussten sie in Penzberg bislang nicht kämpfen. „Die Leute hier sind sehr modern. Und die Bauern wissen, dass wir das können“, erklärt Militowski.

Das hat Strobel bei einer früheren Station schon anders erlebt: „Dort waren nur Männer tätig. Natürlich wurde blöd geschaut, als ich auf einmal daherkam.“ Das Rezept, um mit solchen Vorurteilen aufzuräumen, schiebt Goldhofer schnell hinterher: „In solchen Fällen müssen wir eben mit Leistung überzeugen.“ Auch die Kinderbetreuung stemmen sie notfalls zusammen. „Wir sind kein Betriebskindergarten. Aber im Notfall sind wir füreinander da.“

An weiblichen Nachwuchskräften mangelt es in der Branche nicht – im Gegenteil: „Rund 85 Prozent der Studierenden in der Tiermedizin sind Frauen“, betont Militowski. Doch wieso sind ein Großteil der Praxis-Leiter männlich? „Ich denke, dass viele Frauen den Sprung in die Selbstständigkeit scheuen. Wir hoffen, dass wir eine Vorreiterrolle einnehmen können“, sagt Strobel. Die Frauen wollen zeigen, dass es funktioniert als Ärztin und Mutter zugleich. Zumindest mit dem richtigen Team.

Bastian Scheithauer aus Pähl stimmte kürzlich ein Ausflug in die Heimat und die Pähler Schlucht nachdenklich. Der 31-Jährige verfasste daraufhin einen ganz besonderen Ausflugstipp. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Weilheim-Penzberg-Newsletter.

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