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Eroberte das Publikum im Pollinger Bibliotheksaal im Sturm: die lettische Akkordeonistin Ksenija Sidorova. 

KSENIJA SIDOROVA IM BIBLIOTHEKSAAL POLLING  

Ein Gesamtkunstwerk am Akkordeon

Polling – Nicht immer wird ein Konzertveranstalter bejubelt, wenn er abseits der gewohnten Pfade eher Exotisches wagt. Bei Ksenija Sidorova lag er richtig.

Es war  offen, ob ein Soloabend für Akkordeon mit großteils zeitgenössischen Kompositionen die Herzen der Pollinger Abonnenten und Gäste würde erobern können. Als die 1988 in Riga geborene Ksenija Sidorova am Dienstagabend aber mit ihrem gewinnenden Lächeln das Podium betritt, beginnt der Bibliotheksaal sofort zu leuchten.

Zum Entree wählt sie stets ein Originalwerk für ihr oft unterschätztes Instrument. Mit Pjotr Londonows „Scherzo-Toccata“ zündet sie gleich ein Feuerwerk. Sie besitzt diese künstlerische Freiheit, die auf einer so seltenen wie exquisiten Mischung aus Talent, enormem Fleiß, Perfektionismus, unbedingtem Gestaltungswillen und unbändiger Lust am Musizieren fußt. Natürlich gehören zum Repertoire der hinreißenden Lettin, die in London studiert, Bearbeitungen aus dem Klavierrepertoire.

Vergnügt und humorvoll moderiert sie ihr Programm auf Englisch. Es sprudelt nicht nur am Instrument, sondern auch beim Erzählen aus der temperamentvollen Schönheit hervor. Sie erzählt vom Werdegang des Akkordeons, von ihren tausenden „Kollegen“, die auf Bahnhöfen und Brücken spielen, von den Auswahlkriterien, nach denen sie sich für Stücke begeistern kann. Die Bacarolle in g-Moll des jungen Rachmaninow gehört dazu. Zart und lyrisch tastet sie sich mit den feingliedrigen Fingern vor, musiziert in nicht enden wollenden Bögen und erzeugt eine unglaubliche Neugier beim Zuhörer, wie sich diese Musik fortentwickeln wird.

Raubkatzenartig, in wahnwitziger Geschwindigkeit fliegen Hände über Tasten und Bässe des stattlichen Instruments. Sie spielt auf einem Ferrari unter den Akkordeons aus der italienischen Werkstatt „Pigini“. Doch die von ihr so mannigfach erzeugten Farben sind nicht allein dem genial intonierten Instrument zu verdanken, sondern entspringen der fast suggestiven Imaginationskraft dieser jungen Frau: wiegend sanft wie ein Kinderlied, aufrüttelnd aggressiv und perkussiv, fragend, forschend, überschäumend frech, aber auch zögernd, nachdenklich, voller Melancholie.

Auch nach der Pause überlässt sich die Virtuosin ohne jegliche Einschränkung den Stimmungen der Musik. Der Zuhörer kann sich ihrem Spiel unmöglich entziehen, im Saal hört man kein Hüsteln, kein Räuspern. Mit einem Tango des großen Astor Piazzolla lehrt sie ihr staunendes Publikum, dass Erotik und Musik Geschwister sind. Mühelos zelebriert sie schier unspielbare Läufe. Augenzwinkernd erzählt Sidorova von den üblichen Reaktionen der Veranstalter auf ihren Favoriten fürs Finale: Alfred Schnittke. Auch auf mancher Zuhörerstirn bilden sich Falten. Doch Witz, Ironie und Energie wie Dynamit schleudern alle Bedenken fort. Der Abend wird zum Triumph für die sympathische Solistin und ihr prachtvolles Instrument. 

Nächste Konzerte

im Bibliotheksaal: „Advent in Polling“ (Volksmusik) am kommenden Samstag, 17. Dezember, 15 & 19 Uhr • „Doric String Quartet“ am Dienstag, 24. Januar, 19.30 Uhr. Karten: Sparkasse am Marienplatz Weilheim, Telefon 0881/686-11.

Dorothe Fleege

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