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Ilia Antoniadis (l.) und Levent Geiger begeisterten bei ihrem Auftritt in Polling.

Musik im Pfaffenwinkel

„Die Jungs sind der Hammer“

Wenn Preisträger von „Jugend musiziert“ annonciert werden, stellt man sich auf ein Konzert ein, dessen künstlerischer Anspruch nicht zu hoch ist. Dass dem nicht immer so ist, bewiesen die jungen Künstler am Sonntag bei ihrem Konzert in Polling.

Polling Ähnliche Gedanken dürften viele Konzertbesucher gehegt haben, die sich am Sonntagnachmittag zum dritten Konzert der Reihe „Musik im Pfaffenwinkel“ im Bibliotheksaal Polling eingefunden hatten. Als junge Künstler waren Ilia Antoniadis (*2005) und Levent Geiger (*2003) angekündigt, die beim diesjährigen Bundeswettbewerb in der Kategorie „Klavier vierhändig“ den 1. Preis errungen haben. Doch nach wenigen Konzertminuten war klar: „Die Jungs sind der Hammer“, entfuhr es einer älteren Dame. Ringsum stummes, zustimmendes Nicken.

In schwarzen Hosen, weißen Hemden und gestreiften Hosenträgern, chic, aber doch jugendlich, stürmen die beiden die Bühne und zeigen dem ersten Satz aus Mozarts Klaviersonate KV 381, wie perfekt sie aufeinander eingestimmt und -gespielt sind. Eine frische, lebendige Interpretation, an der die beiden Musiker offensichtlich selbst die allergrößte Freude haben, die sich wiederum aufs Publikum im gut gefüllten Saal überträgt. Charmant und pfiffig gestalten sie auch die Moderation gemeinsam, in der sie sich die Bälle genauso gut zuspielen wie am Flügel. Der Ungarische Tanz Nr. 1 von Brahms verblüfft darauf mit Brillanz und Virtuosität, alleine das schwärmerische Schwelgen kommt etwas kurz.

Wer nun denkt: Das wäre ja auch wirklich zuviel verlangt von solch jungen Musikern, dass sie neben der souveränen Beherrschung der Technik auch noch die volle Bandbreite der Emotionen darstellen können, wird bei Dvoraks Slawischem Tanz umgehend eines Besseren belehrt. Hingegeben schwelgerisch treffen die beiden den romantischen Tonfall perfekt. Faszinierend, mit welcher Ruhe und Besonnenheit sie hernach Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 2 angehen. Ihre Darbietung wirkt absolut reif und überlegen; auch der architektonische Aufbau stimmt. Scheinbar mühelos geht ihnen das von der Hand. Immer wieder treffen sich ihre Blicke beim Spielen – und dann strahlen sie sich an. Herzerfrischend! Das Publikum jubelt indes nicht nur darüber. Dann folgt ein Stück, „das wir eigentlich nicht spielen sollten: Wir haben es noch nie fehlerlos hingekriegt!“

Piazzollas „Libertango“ bezaubert allerdings wie alles bisher. Der heiße Rhythmus fährt in die Beine, aber auch die verführerische Eleganz des Tangos kommt super rüber. Der Saal johlt – wie auch nach Gershwins „Summertime“, zu dem Levent ans Saxophon wechselt, wo er fast noch reifer wirkt als am Flügel. Damit nicht genug, hat er das nächste Stück, den St. Louis Blues, auch noch selbst arrangiert. Der Jazzton scheint vor allem ihm ebenfalls hervorragend zu liegen. Dann ist Pause angesagt; das Publikum braucht sie wohl eher als die jugendlichen Überflieger. Mit den ganz großen Gefühlen beginnt der 2. Teil, tief erfüllt, voll ausgekostet: Rachmaninoffs „Vocalise“. Nicht minder emotional wird es bei einer Nummer aus Glucks „Orpheus und Eurydike“. Das spielen sie sonst eigentlich erst, wenn es schon dunkel wird und ganz romantisch, sagt Ilia. Das wird es kraft der Kunst der Interpreten allerdings auch im hellen Sonnenschein… Ein Titel aus dem Film La-La-Land findet hier nicht ganz sein Zielpublikum, aber ein Ragtime von Scott Joplin, arrangiert für Klavier und Holzkiste, auf der Levent sitzt und trommelt, fetzt dann so richtig.

Eine Gesangsnummer (Was können die nicht?) und einen weiteren Piazzolla später folgt mit „Joy“ gar eine Eigenkomposition von Levent, der dafür wieder zum Saxophon greift. Fast zwei Stunden währt das Konzert, doch das begeisterte Publikum erklatscht sich noch eine Zugabe. Wenn diese ansteckende Begeisterung für ihr musikalisches Tun die Pubertät überdauert, dürfte den beiden Musikern die große Karriere sicher sein.

Sabine Näher

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