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Bezauberten am Sonntagnachmittag mit Schuberts „Schöner Müllerin“ im Pollinger Bibliotheksaal: Bariton Benjamin Appl und der britische Pianist Graham Johnson.

Liederabend im Bibliotheksaal Polling  

Große Kunst, die glücklich macht

Im Pollinger Bibliotheksaal begeisterten Bariton Benjamin Appl und der britische Pianist Graham Johnson das Publikum. Sie brillierten in Schuberts „Schöner Müllerin“.

Polling – Zum Schubert-Jahr 1997 gaben renommierte Liedinterpreten ihrer Besorgnis Ausdruck, die Kunst des Liedgesangs könne dem Untergang geweiht sein. Damals war Benjamin Appl ein 15-jähriger „Regensburger Domspatz“; heute ist er einer der besten Beweise dafür, dass die Furcht unbegründet war. Der Bariton gilt als neuer Komet am Lied-Himmel – und das Publikum im Pollinger Bibliotheksaal konnte am Sonntag erleben, dass dies ohne Abstriche zutrifft.

Schon in den ersten Takten von Schuberts „Schöner Müllerin“ wurde deutlich, dass da oben einer steht, der die unverwechselbare Ausstrahlung hat, die der Liedinterpret braucht, um sein Publikum in den Bann zu ziehen. Und die Souveränität, die es erlaubt, mit winzigsten Details zu spielen – wenn er etwa im ersten Lied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ in der Wiederholung von „Wandern“ das „W“ einmal verzögert ansetzt: ein toller Effekt, eine andere Welt.

Freilich hat er einen der weltbesten Liedpianisten an seiner Seite: Graham Johnson lässt die Schwere der Steine im 1. Lied unmittelbar spürbar werden, er lässt das Bächlein im 2. Lied allerschönst rauschen und demonstriert mit dem Sänger gemeinsam, dass Strophenlieder alles andere als langweilig sind, wenn man sie nur nuanciert und differenziert auszugestalten weiß.

„Eine Mühle seh’ ich blinken aus den Erlen heraus“, singt Appl im 3. Lied. Der Zuhörer sieht sie gleichsam durch seine Augen, so bildhaft gestaltet der Sänger. Man sieht ihm an, wovon er singt; selbst ohne Ton würde klar, worum es geht. Das wäre natürlich schade, denn Schubert hat so viele unfassbar schöne Töne gefunden, die beide Interpreten meisterlich wiedergeben. Oft erstaunt das eher zurückgenommene Tempo, etwa bei „Ungeduld“, das oft wild vorwärts stürmend gebracht wird, doch die verhaltene Leidenschaft, die Appl und Johnson zeigen, lässt das verborgen lodernde Feuer spüren – und berührt so noch mehr.

Dass Appl mitunter Texthänger hat, muss der Liedkarriere nicht abträglich sein: Wichtig ist hier bloß der kreative Umgang mit dem Aussetzer, also einen irgendwie passenden Text zu singen, sodass alles im Fluss bleibt, der Pianist weiter spielen kann – und das Publikum im besten Falle gar nichts merkt. Viele große Liedsänger sind und waren Meister darin; Appl folgt ihnen auch diesbezüglich nach.

Die wilde Verzweiflung, die den Müllerburschen ob der Untreue der Müllerin befällt, malen Stimme wie Klavier ebenso eindringlich wie die erschütternde Lebensmüdigkeit, die darauf folgt. Das Ende macht todtraurig und zugleich auf schmerzhafte Weise glücklich. Das kann nur große Kunst. Appl wie Johnson wurden dafür verdient gefeiert vom Pollinger Publikum.

Sabine Näher

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