+
„Polling ist mein Heimatdorf, die Ammer ist mein Ganges“: Maler Bernd Zimmer (l.) in seinem Atelier in Oberhausen im Gespräch mit „Tagblatt“-Redakteur Magnus Reitinger.

Künstler Bernd Zimmer im Interview

Geplante Kunsthalle Stoa169 an der Ammer: „Diese Idee treibt mich seit 30 Jahren an“

  • schließen

Eine weltweit einzigartige Kunststätte will der Pollinger Maler Bernd Zimmer (70) mit der Säulenhalle „Stoa169“ bei Polling schaffen. Wie er auf die Idee kam und das Projekt finanzieren will, erklärt Zimmer im Interview.

Herr Zimmer, wie sind Sie auf die Idee für die Säulenhalle „Stoa169“ gekommen?

Ich bereiste 1990 zum ersten Mal Südindien, um mir die Tempelanlagen der Hindus anzuschauen. Um zum Zentrum der Heiligtümer dort vorzudringen, geht man durch große Säulenhallen, die zur Meditation dienen, aber auch dazu, die Pilger vor Sonne und Regen zu schützen. Dabei ist mir aufgefallen, dass jede Säule anders gestaltet ist: Sie erzählen in Stein gehauene Geschichten von der göttlichen Familie, von Schlachten und Kämpfen, vom Begehren und von der Liebe. Bei der Heimreise reifte in mir die Idee, in unseren Breiten eine Künstlersäulenhalle zu schaffen: Ich dachte mir, ich frage 1000 Künstler aus aller Welt, ob sie jeweils eine Säule gestalten...

Das klingt nach einer fixen Idee...

Ja, das war eine fixe Idee, aber ich habe sie mit vielen Leuten diskutiert, es entstanden erste konkrete Pläne und wir erörterten technische Möglichkeiten. Die 1000 habe ich bald auf 169 reduziert, also 13 mal 13 – das ist im asiatischen Raum eine heilige Zahl. Wir haben auch viele mögliche Standorte diskutiert und mit möglichen Geldgebern gesprochen. Eigentlich sollte es schon zur Jahrtausendwende so weit sein. Doch dann kam die Dotcom-Krise dazwischen, es war erst mal vorbei mit der Finanzierung, und ich habe das Projekt ruhen lassen. Als ich 2016 mit meiner Frau Nina ein zweites Mal zu den Hindu-Heiligtümern Indiens reiste, drängte sich mein langjähriger Wunsch, dieses Projekt einer Säulenhalle mit 169 Künstlern aus aller Welt zu realisieren, wieder auf. Und mir wurde klar: Die Umsetzung sollte nicht länger aufgeschoben werden. In unseren Zeiten von großer politischer Unsicherheit, von Flüchtlingsbewegung und Migrationsströmen ist es mir ein Anliegen, mit dieser Halle ein Zeichen für Solidarität und Völkerverständigung zu setzen.

Warum soll das Ganze in Polling, auf einer Wiese nahe der Ammer, gebaut werden?

Wir haben über viele mögliche Standorte gesprochen – und kamen doch immer wieder auf Polling. Die Säulenhalle muss inmitten der Natur stehen, und dort an der Ammer, Richtung Roßlaichbrücke, das war immer mein Lieblingsort für das Projekt. Polling ist mein Heimatdorf, und die Ammer ist mein Ganges... Ich konnte eine 35 000 Quadratmeter große Wiese kaufen, rund 200 Meter von der Ammer entfernt, und habe vom Landkreis die Baugenehmigung für die rund 50 auf 50 Meter große Halle dort bekommen – auch wenn einige umliegende Bauern nicht begeistert waren. Aber keine Sorge: Die Flächen rundherum werden weiter landwirtschaftlich genutzt, und wir werden auch auf unserem Areal nicht zu viel in die Landschaft eingreifen. Zudem bleibt die Halle offen, auch für Vögel und Wildtiere.

Die für stoa169 angefragten Künstler sind international renommiert

Welche Künstler werden sich mit Säulen beteiligen?

Wir haben eine Fachjury gebildet, der unter anderem der Kunsthistoriker Walter Grasskamp sowie Corinna Thierolf, die Hauptkonservatorin der Pinakothek der Moderne, angehören, und haben über 200 Künstler weltweit angeschrieben: Künstler, die bei Biennalen oder bei der „documenta“ ausgestellt haben und die vor allem für eine bestimmte Haltung stehen – von Marina Abramovic über Banksy, Andy Goldsworthy, Subodh Gupta, Jonathan Meese, Gerhard Richter oder Zhan Wang bis zu Beat Zoderer. Bisher haben wir um die 80 Zusagen aus allen Kontinenten.

Welche Vorgaben gibt es für die Werke?

Die ausgewählten Künstlerinnen und Künstler entwickeln jeweils eine Säule von 3,90 Metern Höhe und maximal 91 Zentimetern Durchmesser, sie entscheiden dabei frei über Konzeption, Gestaltung, Material, Form und Technik. Lediglich bestimmte statische Vorgaben müssen eingehalten werden. Die Reihenfolge in der Halle wird durch die Ankunft der Säulen in Polling bestimmt: Der polynesische Künstler wird neben dem amerikanischen stehen, der chinesische neben dem europäischen, alle stehen nebeneinander, ohne Hierarchien. Künstler aus aller Welt und alle Kulturen werden hier unter einem Dach versammelt, und sie tragen dieses Dach gemeinsam. Das ist ein höchst politisches Projekt: Künstler – die ja die individualistischsten Wesen überhaupt sein können – bilden mit ihren ganz individuellen Beiträgen ein Beispiel für weltweite menschliche Gemeinschaft und Solidarität. Das arbeitet wunderbar gegen alle Neonationalismen, die uns zurzeit umgeben.

Wann soll Baubeginn sein für „Stoa 169“?

Wir hoffen, dass im kommenden Herbst Spatenstich sein wird für die Erdarbeiten und für die Fundamente jeder einzelnen Säule. Mit dem Bau der Säulenhalle soll im Frühjahr 2020 begonnen werden: Dann werden in einem ersten Bauabschnitt die ersten 80 bis 85 Säulen in der Reihenfolge ihrer Anlieferung eingebaut – mehr ist logistisch zunächst gar nicht möglich. Die noch ausstehenden Werke werden vorerst durch Platzhaltersäulen ersetzt und kommen dann nach und nach hinzu.

Wie stellen Sie sich die Erschließung des Areals vor?

Zu der Wiese führt ein Weg, der für landwirtschaftlichen Verkehr nutzbar ist und auf dem auch die Baufahrzeuge fahren werden. Für Besucher wird die Halle aber nur zu Fuß erreichbar sein. Am Bahnübergang beim ehemaligen Pollinger Bahnhof ist ein kleiner Parkplatz mit etwa zwölf naturnah angelegten Parkplätzen geplant. Von dort wandert man auf dem Weg etwa zehn Minuten gegen die Fließrichtung der Ammer bis zu einer Schleife, einem stillgelegten Flussarm, wo sich der Blick auf die Säulenhalle öffnen wird.

Ist auch eine Bewirtung geplant?

Am Anfang sicher nicht. In Parkplatznähe könnte irgendwann ein Besucher-Inforaum oder ähnliches entstehen. Auf der Wiese mit der „Stoa169“ entstehen keinesfalls weitere Gebäude. Die Optik der Säulenhalle und die Nähe zur Natur sollen nicht gestört werden.

Für das Projekt stoa169 wurde eine Stiftung gegründet

Wie wollen Sie dieses Projekt finanzieren?

Träger ist die gemeinnützige „Stoa169 Stiftung“, der das Grundstück übertragen wurde und die für die Erschließung der Baustelle und die grundlegenden Baukosten aufkommt. Sie ist der Errichtung und dem dauerhaften Erhalt der Säulenhalle verpflichtet. Dafür wurden uns auch bis zu 870 000 Euro aus dem Bayerischen Kulturfonds zugesagt. Aber wir versuchen, die demokratische Idee der Halle auch in der Finanzierung zu verwirklichen: Wir wollen 169 Säulenpaten finden, die die Errichtung einer Säule mit 69 000 Euro unterstützen. Es ist wichtig, dass dieses Kunstprojekt von vielen getragen wird; auch die Spender und Förderer bilden eine Gemeinschaft.

Wie sorgen Sie für den dauerhaften Erhalt der Säulenhalle?

Dafür sorgt die Stiftung. Wir rechnen damit, dass wir jährlich etwa 140 000 Euro für die Pflege, Reinigung und Restaurierungen ausgeben müssen. Wir werden weitere Förderer finden müssen und eventuell auch einzelne Veranstaltungen machen. Es wird auch eine Broschüre mit Informationen über die Säulenhalle verkauft werden. Aber für die Besichtigung der Halle gilt freier Eintritt.

Welche Besucher, glauben Sie, wird die „Stoa169“ anziehen?

Die Säulenhalle ist offen für jedermann, als Bildungsstätte wird sie viele Besucher anziehen. Es wird „Kunstprofis“ geben, die das anschauen, dazu gesellt sich sicher auch der ein oder andere Tourist, und es werden Wanderer vorbeikommen... Und auch Schulklassen werden großen Spaß haben: Wir werden sicher auch Malkurse anbieten, die „Stoa169“ soll einen großen Nachhaltigkeitswert entwickeln.

Was hat Polling, was hat die Region von diesem Projekt?

Ich glaube, dass es zu einem Magneten wird. Diese Säulenhalle wird ein frei zugängliches Archiv der zeitgenössischen Kunst sein – das geht weit über ein Museum oder einen Skulpturenpark hinaus. Vielleicht kann man in Polling, wo ja reichlich Räume vorhanden sind, dann auch mal Ausstellungen oder Veranstaltungen zu einzelnen Künstlern machen. Aber das wird sich alles ergeben.

Und was treibt Sie ganz persönlich an?

Diese Idee treibt mich seit 30 Jahren an, dieses Projekt drückt aus, was ich denke. Da geht es keinesfalls darum, mir ein Denkmal zusetzen – es geht um die Idee von Gemeinschaft und der Kraft von Bildender Kunst. Ich selber werde mit einer Säule auftauchen, und natürlich ist die zurückhaltende Gestaltung der Halle auch von mir geplant. Wichtig ist die Idee, das Nebeneinander unterschiedlicher Vorstellungen von Kunst. Diese Säulenhalle ist ein Statement der Bildenden Kunst, eine Insel des freien Diskurses. Der Grundstock dafür ist da, aber noch ist nicht alles unter Dach und Fach. Deshalb suchen wir weitere Paten. „Stoa169“ soll auf vielen Füßen stehen, und jeder ist dabei willkommen.

Interview: Magnus Reitinger

STOA169 News/1 from STOA169 on Vimeo.

Die Kontaktdaten zum Projekt gibt‘s hier: stoa169.com

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Für Metropol-Umbau müssen Bäume fallen
Die Vorbereitungen für den Umbau des alten Metropolkinos zur neuen Musikschule laufen. Nächstes Jahr soll es losgehen. Um die Baustelle einzurichten, müssen allerdings …
Für Metropol-Umbau müssen Bäume fallen
Wieder „Lesepause“ im großen Stil - diese bekannten Autoren lesen in Weilheim auf dem Kirchplatz 
Autorenlesungen bei freiem Eintritt: Im Juli gibt es wieder die „Weilheimer Lesepause am Kirchplatz“. Auch der ein oder andere Stargast ist mit von der Partie.
Wieder „Lesepause“ im großen Stil - diese bekannten Autoren lesen in Weilheim auf dem Kirchplatz 
Verpackung aus Maisstärke und Zuckerrohr: Bäckerei „Kasprowicz“ setzt auf Bioplastik
“Grüner“ einkaufen können Kunden in den Filialen der „Bäckerei und Konditorei Kasprowicz“. Nicht nur Schnittbeutel für Brot sind aus umweltfreundlicherem Material. 
Verpackung aus Maisstärke und Zuckerrohr: Bäckerei „Kasprowicz“ setzt auf Bioplastik
Urgestein Holzmann hört auf
Klemens Holzmann ist ein politisches Urgestein im Landkreis. Seit 1996 amtiert der Bürgermeister in Eglfing. Bald ist Schluss: Zur Wahl 2020 tritt der heute 67-Jährige …
Urgestein Holzmann hört auf

Kommentare