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So unterschiedlich können Säulen sein: Werke von (v.l.) Andreas Angelidakis (Griechenland), Yves Scherer (Schweiz), Wolfgang Stiller und Gerd Rohling (Deutschland). 
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Eine Säule als Instrument: Der „Klangkörper“ der Künstlerin Justine Gaga (Kamerun).
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Graffiti-Kunst, in Holz übersetzt: Der „Stoa 169“-Beitrag von Daniel Man.
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Futuristisch wirkt die Alu-Säule, die der 1968 in Frankfurt geborene Maler und Bildhauer Jens Lehmann für die „Stoa 169“ in Polling entworfen hat.
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Der Beitrag des Bauherren: „Kosmos“-Säule von Bern Zimmer.
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Verschlungen gen Himmel: Die Säule der Künstlerin Magdalena Jetelová (Tschechien). 
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Blick von oben auf die „Stoa 169“-Baustelle nahe der Ammer: Über 30 Säulen sind bereits installiert, bis Mitte September sollen es 81 sein, dann wird der erste Abschnitt eröffnet. Für eine Diagonale schaffen Kunst-Akademien jährlich eine neue Säule.
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Menschenrechte für Roboter? Die Stoa-Säule der Künstlergruppe „robotlab“ ist ein Manifest. Bearbeitet wird sie vor Ort von der Peitinger Bildhauerin Christine Gräper.

„Stoa 169“ in Polling

Aus dem Grau wächst die Kunst

  • Magnus Reitinger
    vonMagnus Reitinger
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Sie ist eines der umstrittensten Bauprojekte in der Region: die Säulenhalle „Stoa 169“ an der Ammer bei Polling. Über 100 Werke von Künstlern aus aller Welt werden sie tragen, Mitte September soll der erste Abschnitt fertig sein. Wir haben die Baustelle besichtigt – ausnahmsweise mal mit Blick auf die Kunst.

Polling – Noch ist es eine Baustelle – mit allem Unschönen, das Baustellen so mit sich bringen: Kies-Aufschüttungen, Bauzäune, Baustellenverkehr. Doch wer sich ihr nähert und über die Fähigkeit verfügt, vorübergehende Störfaktoren auszublenden, der sieht und spürt schon jetzt, dass hier mindestens etwas Außergewöhnliches und wahrscheinlich sogar etwas Schönes entsteht: eine Säulenhalle, die meterhohe Werke von über 100 Künstlern aller Kontinente vereint. Ein Freiluftmuseum im Grünen, für jedermann frei zugänglich (ab der Eröffnung), aber nur zu Fuß oder per Rad erreichbar – und einzigartig auf der Welt.

Im Beton wächst die Kunst - auf 1800 Quadratmetern

Braucht man so etwas? Ist das der richtige Ort dafür? Hätte das Genehmigungsverfahren nicht transparenter sein müssen...? Gewiss, es gibt kritische Fragen zur „Stoa 169“, jener Säulenhalle, die der Pollinger Maler Bernd Zimmer mit seiner „Stoa 169 Stiftung“ auf eine bisher landwirtschaftlich genutzte Wiese am Flussufer der Ammer baut. Der Sturm der Entrüstung darüber hat Pollings Bürgermeisterin im März aus dem Amt gefegt. Es wurde viel geredet, gepostet und geschrieben über all die Fragen, und es wird noch manches darüber zu schreiben sein. Doch heute soll es mal nur um das gehen, das in den vergangenen Monaten kaum einer in den Blick genommen hat. Weil ja auch kaum etwas zu sehen war außer Baustelle – mit viel Unschönem.

Tatsächlich wächst im Beton (1800 Quadratmeter, also rund fünf Prozent der 35 000 Quadratmeter großen Wiese, werden für die „Stoa 169“ bebaut) die Kunst. Das Schöne. Und das Spannende. Betörendes. Und auch Verstörendes. Gut 30 fertige Säulen sind bereits installiert, bis Mitte September sollen es 81 sein, und der erste Abschnitt soll eröffnet werden. Auch ein Dach wird die Halle dann haben.

Berühmtheiten unter dem „Stoa“-Künstlern

Bernd Zimmer springt –und schwärmt – beim Baustellenbesuch von Säule zu Säule: Vom Neun-Tonnen-Stahlobjekt, das der irische Starkünstler Sean Scully entworfen hat, zum Eichenstamm, auf dem Daniel Man 20 Streetart-Kollegen verewigt. Die Isländerin Sigrún Ólafsdóttir lässt eine Spirale gen Himmel schweben, schwer lasten dagegen die Ölfässer, mit denen die nigerianische Künstlerin Sokari Douglas Camp den Umgang des Menschen mit fossilen Brennstoffen thematisiert. Eine Säule ist eine Säule ist eine Säule? Von wegen! Schon jetzt beeindruckt die Vielfalt der Werke. Eine Säule ist ein Kajak (Roman Signer/Schweiz) ist ein Klangkörper (Justine Gaga/Kamerun) ist ein Vogelnest (Gerd Rohling/Berlin) ist eine Litfasssäule (Rozbeh Asmani/Iran) ist eine Gurke (Erwin Wurm/Österreich)...

Unter den Stoa-Künstlern sind einige Berühmtheiten. Scully sei Nr. 76, Wurm Nr. 34 einer Weltkünstlerrangliste, die ein Wirtschaftsmagazin jährlich aufstellt, sagt Zimmer. „Aber das sind Marktdinge, die interessieren mich nicht“, fügt der Maler an, der Mitte der 1970er selbst als „Neuer Wilder“ berühmt wurde. Die Säulenhalle, zu der ihn bereits 1990 auf einer Reise südindische Hindu-Tempel inspirierten, solle „Geschichte erzählen“, ein „gemeinsames Zeichen für weltweit friedliche Koexistenz“ setzen. „Das ist es eigentlich“, sinniert der 71-Jährige: „das Unterschiedliche unter einem Dach – und das Gemeinsame, das dabei entsteht. Und die Schönheit, die dabei entsteht.“

Insgesamt werden es nun 121 Säulen - statt 169

Die Wunschliste mit den Namen der Künstler, die beteiligt sein sollten, war ursprünglich länger. Doch ein großer Teil der Maler, Bildhauer und Installationskünstler, die Zimmer bei Geburt der Idee für wichtig erachtete, arbeitet heute nicht mehr oder ist gestorben. Es kamen andere Namen auf die Liste, auch andere Kunstkonzepte in den Blick. Viele Jüngere sind darunter. Und für weiteren Input ist gesorgt: Jahr für Jahr, zehn Jahre lang, soll eine Kunst-Akademie eine neue Säule für eine Diagonale der quadratischen Halle schaffen.

121 Säulen – und nicht 169 – werden es nun insgesamt. Bis auf die zehn Akademie-Plätze sind sie schon fest vergeben. Im Mai 2021, so die aktuelle Planung, werden fast alle fertig sein, soll auch der zweite Bauabschnitt eröffnet werden. Vom Syrer Tammam Azzam über den Briten Tony Cragg bis zum Chinesen Zhao Zhao reicht die Künstlerliste für Teil zwei.

Steht man auf und an dieser Baustelle, so spürt man: Es ist gut, dass die Ausmaße reduziert wurden. In den jetzigen Proportionen dürfte sich Kunst hier gut in die Natur einfügen. Und es werden hier so manchem – im besten Sinne – die Augen aufgehen.

Mehr zur „Stoa 169“: „Eisenhaut“ steht für Pollinger Geschichten

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