Tragisches Unglück in Nürnberg: Arbeiter stirbt, als Decke einstürzt - weitere Verletzte

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So endet ein Abend auf dem Oktoberfest: Kasimir und Karoline (Sophie Sörensen und Stefan Voglhuber, Mitte) mit Winfried Hübner als Landgerichtsdirektor Speer (hinten links) und Lisa Wittemer als Erna (rechts).

Weilheimer Festspiele  

Auf dem Teufelsrad der Gefühle

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Von der Sehnsucht des Menschen in schwierigen Zeiten: Starke Ensemble-Leistung in Horváths „Kasimir und Karoline“ bei den „Weilheimer Festspielen“.  

Weilheim – Eine johlende und doch irgendwie traurige Gesellschaft tummelt sich auf dem Oktoberfest, das die „Weilheimer Festspiele 2017“ ins Stadttheater zaubern: Nicht allen, die sich auf dieser Wiesn amüsieren, ist nach Amüsement zumute. Vor allem nicht dem Kasimir, der soeben seinen Job als Chauffeur verloren hat und pleite ist. Wo doch seine Verlobte Karoline unbedingt auf die Wiesn ausgeführt werden will. „Vielleicht sind wir zu schwer füreinander“, unkt sie – und sie trennen sich. Karoline lässt sich für den Abend mit zwei betuchten, lüsternen Herren der (eben auch nicht) besseren Gesellschaft ein, Kasimir betrinkt sich mit einem Kleinkriminellen. Und als sie doch noch einmal zusammenkommen, sagt er nach ihrem Kuss nur: „Pfui Deifi!“...

So sehr es in Ödön von Horváths Volksstück „Kasimir und Karoline“ auch zu lachen gibt: Wirklich lustig ist das alles nicht – doch sind ja auch die Zeiten nicht lustig: Das wirtschaftliche System, so lässt der Dramatiker seinen ansonsten recht naiv wirkenden Kasimir messerscharf analysieren, dieses System zwinge die Menschen, „egoistischer zu sein, als sie eigentlich sein wollen“. Horváth hat solche Sätze 1932 in die Zeit der Wirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit hineingeschrieben, aber sie treffen auch heute den Kern und die Seele. „Ohne Geld bist’ halt der letzte Hund“, spürt Kasimir – und fügt an: „Wenn man nur wüsst’, welche politische Partei man wählen sollt!“

Horváth selbst, der in seinen Murnauer Jahren gern die „Kleinbürger“ erforschte, ihnen manch süffig-kräftige Dialoge ablauschte, beschrieb „Kasimir und Karoline“ als „eine Ballade von stiller Trauer, gemildert durch Humor“. Und genau so bringen sie Regisseurin Yvonne Brosch und Bühnenbildner Andreas Arneth ins Stadttheater. Das Wiesn-„Teufelsrad“, jenes Fahrgeschäft mit der Drehscheibe, auf der man sich kaum halten kann, ist Mittelpunkt der so simplen wie genialen Kulisse – und natürlich Sinnbild des Lebens in unsicheren Zeiten. Dahinter sieht man regelmäßig Wiesnbesucher Achterbahn oder Karussell fahren; dies nur mit Körpereinsatz darzustellen, macht dem elfköpfigen Ensemble sichtlich Freude. Ansonsten wirkt vor allem Horváths Text, der oft sehr direkt und manchmal derb ist und in der Derbheit doch immer wieder eine unerwartete Poesie aufscheinen lässt: „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich“, sprudelt es aus Karoline, „aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär’ man nie dabei gewesen“.

Sophie Sörensen gibt der Karoline eine kecke, schlaue, ja mitreißende Gestalt, neben der Stefan Voglhubers Kasimir bei der Premiere am Samstag anfangs fast zu naiv wirkte – was wohl auch an dessen zunächst allzu hochsprachlich gesprochenem Bairisch lag. Doch das löste sich im Laufe des Abends, und Voglhuber und das gesamte Ensemble fanden bestens ins Spiel, überzeugten und berührten in den lauten wie in den ganz leisen Momenten.

Am Ende fallen laut und leise in eins: Da sitzen und liegen Betrunkene und Ernüchterte, die eben noch Raufenden und die auf Besseres Hoffenden ganz nah beieinander und doch so fern voneinander. Und Juanita (Mona Maria Weiblen) singt über diesem Szenario ganz sanft und glockenklar die München-Hymne: „Solang der alte Peter am Petersbergerl steht (...), so lang stirbt die Gemütlichkeit in München niemals aus.“ Das rührt nun wirklich an in diesem Bild der Melancholie.

Ganz kurzes Innehalten – dann langer, warmer, herzlicher Applaus der rund 200 Premierengäste. Viermal ist „Kasimir und Karoline“ nach dem Auftaktwochenende noch im Stadttheater zu sehen: Bitte hingehen und spüren, wie arg vertraut uns 85 Jahre später all diese Gefühle noch – und wieder – sind!

Magnus Reitinger

Weitere Aufführungen sind am 27./28./29. Oktober sowie 1. November im Stadttheater: freitags/samstags um 20 Uhr, sonntags und an Allerheiligen um 18 Uhr. Karten gibt es im Rathaus Weilheim und beim Medienhaus-Ticketservice in der Sparkasse am Marienplatz (Telefon 0881/68611). Vorbestellung außerhalb der Geschäftszeiten: Tel. 0152-56570359.

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