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Wenn das Dorf zum Laufsteg wird: 110 ledige Madln spazierten gestern Mittag durch Raisting. Ihr Ziel: das Gasthaus „Zur Post“ – dort warteten bereits ebenso viele Männer auf sie, um den Tag mit ihnen zu verbringen.

Verkuppeln wie vor 100 Jahren

Betteltanz in Raisting: Liebessuchende bis aus Niederbayern

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Es ist eine Ode an das Brauchtum: Jedes Jahr am Kirchweihmontag wird in Raisting gekuppelt – auf traditionelle Art und Weise. Diesmal fanden 110 Paare zusammen.

Raisting – 231 Kilometer sind es von Prackenbach bis nach Raisting. Eine lange Strecke. Doch andererseits: Was für Wege nimmt man nicht auf sich, um die große Liebe zu finden? Thomas Schnitzbauer, 23, zumindest fuhr gestern gern aus seiner niederbayrischen Heimat zum Raistinger Betteltanz. „A super Sach’ ist des“, betonte er. Gemeinsam mit Monika Höck, 20, aus Grafenaschau bildete er eines von 110 Paaren, die bei der traditionellen Veranstaltung verkuppelt wurden.

Die Ruatnbuam: Johann Oberstadler (l.) und Benedikt Andrä organisierten heuer den Raistinger Betteltanz.

Beim Betteltanz können sich sowohl ledige Männer als auch Frauen anmelden. Sie werden anschließend einander zugelost und verbringen einen gemeinsamen Tag im Raistinger Gasthaus „Zur Post“, wo fleißig getanzt wird. Den Wein am Nachmittag und das Abendessen zahlt die Frau, der Eintritt und die Getränke an der Bar gehen auf die Kosten des Mannes.

Ursprünge reichen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts

Die Ursprünge des Raistinger Betteltanzes, den es in dieser Form bayernweit nirgendwo anders gibt, reichen laut Kreisheimatpfleger Klaus Gast bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Der Hintergrund sei schon damals derselbe wie heute gewesen: „Junge Mädls und Burschen zusammenzubringen“, wie Gast sagt. „Früher war das ja im Alltag nicht so einfach.“ – aus mehreren Gründen. Ein unbeaufsichtigtes Treffen galt per se als unmoralisch. Zudem hätten die meisten Leute auf dem Land aufgrund der Arbeiten am heimischen Hof schlichtweg weniger Zeit gehabt. Da kam der Betteltanz, der seit jeher am Kirchweihmontag stattfindet, für viele gerade recht.

Lauter Dinge, mit denen sich Thomas Schnitzbauer im Vorfeld nicht beschäftigt hatte. „Um ehrlich zu sein: Ich hatte null Plan, was mich heute erwartet“, räumte der Niederbayer ein, der über einen Raistinger Freund vom Betteltanz erfahren hatte. „Der hat erzählt, dass viele hübsche Frauen da sind und der ganze Tag eine Riesen-Gaudi ist – also war ich sofort dabei.“ Und der Spezl hatte offenbar nicht zu viel versprochen. Sehr angetan war Schnitzbauer von seiner Monika. „Da hät’s mich deutlich schlimmer treffen können“, sagte er und lächelte verschmitzt.

Gutes Händchen der Ruatnbuam

Organisiert wird der Betteltanz alljährlich von den beiden sogenannten Ruatnbuam. Heuer waren es Benedikt Andrä und Johann Oberstadler (ihre Ruatnmadln waren Katharina Michl und Franziska Huttner). Schon vor Wochen fuhren sie durch die Region und klingelten an den Haustüren, um Teilnehmer für ihre Veranstaltung zu gewinnen. Wenn die Ruatnbuam alle Madl und Buam beisammenhaben, beginnt für sie die wohl wichtigste Aufgabe: die Entscheidung, wer mit wem verkuppelt wird. Anhand von Alter, Wohnort und Größe versuchen sie, Paare zu bilden, die ihrer Meinung nach gut zusammenpassen könnten und sich im Optimalfall nicht kennen. „Viel Aufwand“ sei das, sagte Andrä. „Aber wenn man sieht, wie alle tanzen und lachen, dann hat sich die Arbeit schon gelohnt.“

Strahlende Gesichter: Monika Höck und Thomas Schnitzbauer waren mit der Partnerauslosung sehr zufrieden.

Ein gutes Händchen scheinen die Ruatnbuam bei Monika Höck und Thomas Schnitzbauer bewiesen zu haben. Denn nicht nur er schwärmte von ihr – auch sie war zufrieden. „Er kann tanzen und hat Humor, das wird sicher ein lustiger Tag“, betonte sie. Ob vielleicht sogar mehr daraus wird? „Ach, wir müssen ja nicht gleich heiraten.“ Beide lachten – und Schnitzbauer warf ein: „Aber mal schauen – so wie’s kommt, so kommt’s.“

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