Die Plackerei hat sich schlussendlich gelohnt: Nils Sternbeck (vorn), der an Bord als Taktiker fungiert, und seine Crew vom Bayerischen Yacht-Club (von links Felix Kaiser, Adrian Hoesch und Leopold Lindner) segeln auch künftig in der 1. Bundesliga.
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Die Plackerei hat sich schlussendlich gelohnt: Nils Sternbeck (vorn), der an Bord als Taktiker fungiert, und seine Crew vom Bayerischen Yacht-Club (von links Felix Kaiser, Adrian Hoesch und Leopold Lindner) segeln auch künftig in der 1. Bundesliga.

Segeln: Seeshaupter hat eine bewegte Saison in der Bundesliga hinter sich

Nils Sternbeck hält dem Druck stand

  • vonChristian Heinrich
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Nicht nur Corona wegen hat Nils Sternbeck ein turbulentes Jahr hinter sich. Dieses endet für den Nachwuchssegler aus Seeshaupt versöhnlich.

Seeshaupt/Starnberg – Es begann so, wie es überhaupt nicht hätte beginnen dürfen. Gleich im ersten Rennen beim Bundesliga-Finale in Hamburg erreichte die Crew des Bayerischen Yacht-Clubs (BYC) aus Starnberg nur den sechsten und damit letzten Platz. Der missglückte Auftakt verschärfte die Situation noch einmal, mit der sich Nils Sternbeck und seine Teamkollegen konfrontiert sahen. Eigentlich wollten der 20-jährige Seeshaupter und seine Mannschaft den Klassenerhalt bewerkstelligen, nun sahen sie ihre Felle auf der Außenalster davonschwimmen. „Ich wäre ungern mit dem Abstieg in den Winter gegangen“, sagte Sternbeck. Ihm war die Bürde der Aufgabe gänzlich bewusst, die das Quartett vom Starnberger See nun zu stemmen hatte.

Segeln: Sportlicher Tiefpunkt für Nils Sternbeck bei Regatta auf dem Berliner Wannsee

Schon die ganze Saison über hatte die Crew des Bayerischen Yachtclubs nie so richtig Wind in die Segel bekommen. Sternbeck, der als einziger Segler des BYC bei allen Wettkampftagen an Bord war, erlebte einen zehnten Platz in Kiel und danach den sportlichen Tiefpunkt mit Rang 14 in Berlin. Aus diesem Fahrwasser kamen die Starnberger auch bei den beiden folgenden Regatten auf dem Berliner Wannsee (Rang 13) und in Kiel (11) nicht heraus. Als die Karawane der insgesamt 18 Bundesligisten nach Hamburg weiterzog, stand der Segelclub von der Nordbucht des Starnberger Sees bereits mit einem Bein in der 2. Liga.

Der Druck, der nach dem verpatzten Start auf der Mannschaft lastete, hätte ausgereicht, um selbst die erfahrensten Segler in die Tiefe zu reißen. Aber irgendwie behielten die Bayern die Nerven, obwohl sie mit die jüngste Mannschaft im Feld stellten. „Es geht in der Bundesliga nicht darum, erste Plätze zu segeln“, erläuterte Sternbeck die Strategie für die folgenden Wettfahrten, „man muss sich nur die Ausreißer nach unten ersparen“.

Segeln: Sternbeck und seine Starnberger Crew stabilisieren sich und erreichen Top-Plätze

Und so begann die Mannschaft auf einmal, ganz solide ihre Rennen durchzuziehen. Nach einem zweiten Rang folgten vier dritte Plätze und dann sogar ein Tagessieg. „Man darf nicht den Kopf in den Sand stecken“, kommentierte Sternbeck die Herausforderung, die sein Team nun zu meistern begann. Der Seeshaupter, der an Bord als Taktiker fungiert, brachte alles ein, was er in seiner jungen Karriere erlebt und gelernt hatte. „Dass Segeln auf jeden Fall Spaß machen soll“, wie ihm sein erster Trainer Franz Satzger beim Yacht-Club Ambach vermittelt hatte. „Und dass man immer mit Herzblut dabeisein soll“, was ihm dann Walter von Schorlemer vorlebte, als Sternbeck beim Yacht-Club Seeshaupt anheuerte, dem er immer noch angehört.

Nach dem Gewinn der Vize-Wm im „Opti“ wurde für Sternbeck der Druck zu groß

Es gab auch eine Zeit in seinem Leben, in der die guten Vorsätze auf einmal wie eine ungesicherte Ladung über Bord gingen. Sternbeck war 2013 Vize-Weltmeister im „Optimist“ geworden. Schnell sattelte er zusammen mit Finn Kenter von der Jüngstenklasse auf den 420er um. Doch er war damals noch zu jung, um dem Erwartungsdruck in der Auseinandersetzung mit wesentlich älteren Jugendlichen standzuhalten. „Man muss bei Kindern Augenmaß haben“, beurteilt er seine Situation im Rückblick. „Man muss wissen, wann es reicht und wann es zu viel wird.“ Sternbeck wurde es zu viel. Er stieg aus dem Boot aus und ging in die Luft. Eineinhalb Jahre schwebte er in seinem Segelflugzeug über den Dingen, bis er merkte, dass sein Element doch das Wasser ist.

Beim Bayerischen Yacht-Club soll Sternbeck Sportlicher Leiter werden

Inzwischen hat er selbst ein Auge darauf, dass die Jüngsten in vernünftiger und kindgerechter Weise ans Segeln herangeführt werden. Anfang des Jahres beförderte ihn der Bayerische Yacht-Club zum Chefcoach seiner „Opti“-Flotte, in zwei Jahren soll er Sportlicher Leiter werden. Obwohl er noch so jung ist, hat er bereits Erfahrungen gemacht, die vielen verwehrt bleiben. Sternbeck weiß, wie es ist, ganz oben zu sein und dann den Boden unter den Füßen zu verlieren. „Ich bin froh, dass ich das am eigenen Leib erfahren habe“, sagt er. „Dass man alles mal aus einer anderen Perspektive sieht.“ Auch in Hamburg veränderte sich sein Standpunkt. Obwohl die Konkurrenz das Beste ins Rennen schickte, was sie aufzubieten hatte, schwammen sich die Bayern von Rennen zu Rennen ein Stückchen mehr frei und beendeten den Wettkampftag auf Platz zwei und blieben damit Erstligist.

Die stärkste Platzierung in einer schwierigen Saison bedeutet auch einen gewissen Fingerzeig auf das nächste Jahr. „Man sieht, dass alles möglich ist“, stellte Sternbeck fest. Vor zwei Jahren holte er bereits den Titel in der deutschen Junioren-Segelliga. Die Jugendklasse ist so etwas wie die gute Kinderstube unter den ambitionierten Vereinen, bevor der Nachwuchs ins Haifischbecken „Bundesliga“ geworfen wird. Sternbeck und seine Crew haben gezeigt, dass auch sie das Messer zwischen den Zähnen haben, besonders dann, wenn es darauf ankommt. „Meister werden, wer will das nicht?“ fragt Sternbeck beim Blick in die Zukunft.

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