Auf die Hilfe der Gemeinde hoffen die Kommandanten Stefan Hieber (l.) und Hannes Knossalla.
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Auf die Hilfe der Gemeinde hoffen die Kommandanten Stefan Hieber (l.) und Hannes Knossalla.

Neubau wird dringend benötigt

Enttäuschte Feuerwehr schreibt Brandbrief

Die Feuerwehr Seeshaupt braucht dringend mehr Platz für Schulungen, Ausrüstung und sanitäre Anlagen. Doch seit den Erweiterungsplänen vor sechs Jahren hat sich nichts getan. Jetzt haben die Ehrenamtlichen einen dreiseitige Brandbrief an die Gemeinde geschrieben.

Seeshaupt – Genau sechs Jahre ist es her, dass der Gemeinderat über Erweiterungspläne für das Feuerwehrhaus in Seeshaupt diskutierte. Seitdem ist nichts Konkretes passiert und das Domizil an der Penzberger Straße platzt aus allen Nähten, so dass die Wehr Teile ihrer Ausrüstung auslagern muss. In einem Brandbrief fordert das Führungsteam sofortiges Handeln von der Gemeinde.

Die im Mai 1877 gegründete Wehr war 1989 vom jetzigen Trachtenheim ins neue Gerätehaus gezogen. Fuhrpark und Gebäude waren damals auf dem neuesten Stand, aber statt drei hat die Wehr jetzt vier Fahrzeuge und braucht dringend mehr Platz für Schulung, Ausrüstung, Werkstatt und sanitäre Anlagen. Dieses Problem war schon lange bekannt, bevor das Ratsgremium 2015 über Umbau und Modernisierung diskutierte, die bereits Ende 2016 fertig sein sollten. Außer für die Wehr waren damals auch Räume für Blaskapelle und Dorfbühne im Gespräch, doch aus dem Projekt wurde nichts.

„Irgendwie scheint das ganze wohl eingeschlafen zu sein“

Auch nicht, als im Dezember 2019 erneut „Sachstand und weiteres Vorgehen“ auf der Tagesordnung standen. In der Niederschrift dieser Sitzung ist von Bruttokosten von knapp 3,6 Millionen Euro die Rede. Gemeinderat Armin Mell hatte seinerzeit die Bildung einer Arbeitsgruppe beantragt, bestehend aus Fachleuten sowie Vertretern des Ratsgremiums und der Feuerwehr. Sie sollten einen Neubau konzeptionell vorbereiten, geeignete Grundstücke identifizieren und die Erwerbskosten ermitteln sowie die Anschlussnutzung des alten Gerätehauses beschreiben. Der Gemeinderat beschloss, einen Vorentwurf auf einem noch zu benennenden Grundstück in Auftrag zu geben.

Warum auch daraus nichts geworden ist, kann sich Kommandant Stefan Hieber im Gespräch mit unserer Zeitung nicht erklären: „Irgendwie scheint das Ganze dann wohl eingeschlafen zu sein.“ Deshalb wandte er sich jetzt mit seinem Stellvertreter Hannes Knossalla sowie den Vorsitzenden des Feuerwehrvereins, Michael Muhr und Rainer Haager, in einem dreiseitigen Brief an die Gemeinderäte. Darin schildert er unmissverständlich die akute Notsituation und schließt mit der Feststellung „Wir wissen bald nicht mehr weiter!“

Selbst wenn ein Neubau nun endlich ernsthaft und zielgerichtet angegangen würde, so die Führungsriege, „sehen wir den frühesten Realisierungstermin in drei bis vier Jahren – eigentlich schon heute viel zu spät.“ Weiter heißt es in dem Scheiben: „Unser teuer angeschafftes und vor allem für unsere Einsätze zwingend erforderliches Equipment findet im heutigen Haus keinen Platz mehr. Diverse Geräte sind deshalb bereits im Bauhof ausgelagert.“ Das könne bei Einsätzen zu Verzögerungen führen, im Einzelfall sogar zu nicht optimalen Rettungsaktionen.

Einsatzleitwagen oft defekt, da er in Holzhütte steht

Der Einsatzleitwagen steht heute in einer ungedämmten Holzhütte mit der Folge, dass er öfters technische Defekte aufweist, weil es dort im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt ist. Ein weiteres Problem kündigt sich bereits an: Das Drehleiter-Fahrzeug muss spätestens in drei Jahren ersetzt werden und findet keinen Platz mehr im heutigen Domizil, in dem jetzt schon zentimetergenau rangiert werden muss.

Aufgrund der Raumnot ist die Jugendgruppe in einen Container neben dem Gerätehaus ausquartiert und wenn sich nach der Alarmierung die Aktiven in Windeseile umziehen müssen, können sie an ihren Spinden nicht die notwendigen Corona-Schutzabstände einhalten. Als weiteres Problem nennt der Kommandant das Fehlen getrennter Umkleiden. „Hier sei darauf hingewiesen, dass wir auch minderjährige Mädchen als Mitglieder haben – aus unserer Sicht ein äußerst delikates Thema für die Öffentlichkeit“, heißt es im Brief ans Ratsgremium.

Bergen, löschen, retten, schützen – dafür müssen die ehrenamtlichen Helfer in Seeshaupt im Jahr zwischen 80 und 100 Mal ausrücken, dazu kommen regelmäßige Fortbildungen und Übungen, in der Pandemie unter erschwerten Bedingungen. Weil von den rund 50 Aktiven derzeit viele im Homeoffice arbeiten, stehen bei einem Einsatz zwar genügend Kräfte zur Verfügung, doch zu normalen Zeiten sieht die Situation besonders an Werktagen wesentlich schlechter aus, schildert Knosalla: „Weil viele Arbeitnehmer auspendeln, ist es schwierig, die erforderliche Mannschaftsstärke aufzubringen. Das geht nur, weil alle Mitarbeiter des Bauhofs auch Feuerwehr-Mitglieder sind.“ Er selbst arbeitet beim Wasserwerk der Gemeinde und ist schon seit seinem 14. Lebensjahr bei der Wehr.

Massiver Mitgliedermangel bei der Feuerwehr

Aktiver Dienst ist in der Regel zwischen dem vollendeten 18. und dem 65. Lebensjahr möglich, Jugendliche können sich ab dem vollendeten zwölften Lebensjahr als Feuerwehranwärter einbringen. Im Brief der Kommandanten ist von massivem Mitgliedermangel die Rede. Denn viele Jüngere ziehen, nachdem sie ausgebildet und in die Wehr integriert sind, zum Studieren von Seeshaupt weg, sagt Knossalla. „Oder sie finden keine bezahlbare Wohnung in der Gegend!“ Findet die Wehr aber die dringend benötigten neuen Mitglieder, „dann wissen wir im Moment gar nicht, wo und wie wir sie unterbringen sollen.“

Ein weiteres Problem sieht die Feuerwehr-Führung darin, „dass wir durch die öffentlich ausgetragenen Zwistigkeiten innerhalb des Gemeinderats bereits deutliche Signale von Demotivation bei unserer Mannschaft feststellen müssen. Jedes Mitglied, das uns – insbesondere in dieser Mangelsituation – verlässt, gefährdet mittelfristig die Einsatzbereitschaft der gesamten Mannschaft!“

Die Kommandanten weisen darauf hin, „dass die Situation trotz allem Einfallsreichtum und Organisationstalent ziemlich bald eskalieren kann.“ Im Brief an die Gemeinde geht Hieber auch auf die Ratssitzung vom Februar ein, in der es Kritik und Vorwürfe wegen eines Wintereinsatzes gab (wir berichteten), bei dem das Dach des Bauhofs vom Schnee geräumt werden musste: „Wir haben mittlerweile den Eindruck, dass einzelne Räte nicht wissen, dass unser aller Engagement ehrenamtlich und in voller Verantwortung der Gemeinde erfolgt.“ Die Arbeit der Wehr werde durch die Querelen im Gemeinderat „extrem erschwert und wir sind nicht länger gewillt, dass wir zum Ping-Pong-Ball einiger Ratsmitglieder gemacht werden.“

Die Helfer hoffen, dass ihre klaren Worte Pläne für einen Neubau beschleunigen können und das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung im Mai kommen wird. „Wir bräuchten ein Grundstück mit rund 3500 Quadratmetern“, sagt Hieber im Gespräch mit unserer Zeitung. Für ein neues Domizil hält er Gesamtkosten von 4,5 Millionen für realistisch. Doch da dürfte die Gemeinde ein Problem bekommen, denn allein 900 000 Euro kostet die neue Drehleiter – viel Geld, das die Kommune in den kommenden Jahren aber nicht hat.

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