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Inge Susann Rössel fühlt sich in der Seeresidenz sehr wohl. 

Seeshaupt

„Hier kann man nicht vereinsamen“

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Wohnen ist mehr, als ein Dach über dem Kopf zu haben. Eine Wohnung ist Lebensraum und Rückzugsort zugleich. Wie wir wohnen, sagt auch immer etwas darüber aus, wie wir leben. In unserer Serie „Lebens(t)räume“ stellen wir vor, wie verschieden die Menschen im Landkreis wohnen – und leben. Für den vierten Teil der Serie haben Redakteurin Kathrin Hauser und Fotograf Emanuel Gronau eine Bewohnerin der Seeresidenz „Alte Post“ in Seeshaupt besucht.

In die Seeresidenz „Alte Post“ zu ziehen war ein Entschluss, den Inge Susann Rössel innerhalb von 48 Stunden gefällt hat: Vom ersten Anruf bei der Seniorenresidenz am Starnberger See bis zu der Entscheidung, eine Wohnung dort zu kaufen und eine andere zu mieten, vergingen gerade einmal zwei Tage.

Auch wenn sie nicht lange überlegt hat, die 83-jährige hat ihre spontane Entscheidung keine Sekunde bereut: „Ich bin ausgesprochen glücklich hier“, sagt sie. Inge Susann Rössel genießt, was ihr in der Seniorenresidenz in Seeshaupt geboten wird: das gute Essen im Hotel-Restaurant, das sich auf dem gleichen Grundstück befindet, das vielfältige Freizeit-Angebot und ihr Zwei-Zimmer-Apartment mit offenem Wohn-Essbereich und einer zweiten Ebene.

Die 55 Quadratmeter, in denen die Seniorin zur Miete lebt, erscheinen größer – vielleicht aber auch deswegen, weil sie sich von allem getrennt hat, was für die künftige Wohnung zu viel gewesen wäre, als sie ihr Haus verkaufte. „Alle, die mich besuchen, sind begeistert von meinem neuen Zuhause. Ich habe eben nicht den Fehler gemacht, zu viel hineinzustellen“, sagt sie. Auch wenn sie zunehmend schlechter sieht, sie ist mehr als zufrieden mit ihrem Leben in der Seeresidenz und damit, wie man sich dort um die Bewohner aus Schweden kümmert: „Als ich zum ersten Mal ins Restaurant kam, sprach mich jeder Kellner schon mit Namen an“. Und das sei auch bei den anderen Mitarbeitern der Einrichtung so gewesen. „So etwas vermittelt sofort ein Zugehörigkeitsgefühl“, sagt die 83-jährige.

Sie sitzt in ihrem bordeauxroten Sessel mit Blick in den großzügigen Park im Innenhof, es ist angenehm warm und schön hell in ihrer Wohnung. Alles hat so gar nichts mit der Vorstellung von einem „Altenheim“ zu tun. Dass sie es im Alter einmal so gut haben würde, hätte sie nicht zu träumen gewagt: „Ich habe mein Leben lang kleine Brötchen gebacken und hätte nie gedacht, dass ich einmal so schön leben würde.“ Natürlich ist es nicht ganz billig. Laut Geschäftsführer Herrn Stefan Müller kosten die Wohnungen in der Regel zwischen 2700 und 3300 Euro Pauschal-Miete im Monat.

Inge Susann Rössel ist in einem Alter, in dem sich andere Menschen schon häufig vom aktivem Leben zurückgezogen haben, aber das wäre nicht das Richtige für sie. Ihre Woche ist voller Termine, Aktivitäten – und Arbeit. Drei bis vier Mal pro Woche geht sie morgens zum Schwimmen im hauseigenen Schwimmbad. Darüber hinaus nützt sie auch den übrigen Badebereich mit Sauna, Dampfbädern und Ruheraum. Außer Wassergymnastik nimmt sie an Gedächtnistraining, Yoga, Gymnastik und Line-Dance teil.

Aber es wird noch viel mehr angeboten. Regelmäßige Dämmerschoppen, Teestunden, Geburtstagskaffees, Bridgetime, italienische und französische Konversationsgruppen und eine Kreativwerkstatt, zudem organisiert die Seeresidenz verschiedene Ausflüge in die nähere Umgebung und regelmäßige Fahrten nach Weilheim sowie nach München zu Ausstellungen, Konzerten oder einem Einkaufsbummel. Aber auch im Haus selbst lässt sich hochkarätige Kultur genießen: Die Seeresidenz bietet Ausstellungen und Veranstaltungen an, die Besucher aus dem ganzen Landkreis nach Seeshaupt locken. „Hier kann man nicht vereinsamen!“, sagt Inge Susann Rössel. Dennoch beschränkt sie sich bei ihren Aktivitäten nicht nur auf das, was die Seeresidenz bietet: Sie geht regelmäßig mit Freunden wandern und trifft sich jede Woche mit einem ihrer Schützlinge aus der Zeit ihrer Tätigkeit beim Asylunterstützerkreis Penzberg – und arbeitet nach wie vor an zwei Tagen in der Woche im Max-Planck-Institut in Seewiesen, wo sie die Gäste und Wissenschaftler aus dem Ausland betreut und Deutschunterricht gibt. „Ich habe immer gerne gearbeitet und so geht es mir immer noch“, sagt sie. Es ist eine Herzensangelegenheit für die 83-jährige, den Menschen, die meist für eine begrenzte Zeit aus verschiedensten Ländern ins Institut kommen, die deutsche Sprache näherzubringen. „So arbeite ich mit der ganzen Welt!“

Der Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen war ihr schon immer wichtig. Und das hat ihr Leben geprägt: „Ich habe auch in anderen Ländern gearbeitet“, erzählt Inge Susann Rössel. „Ich war Au-Pair-Mädchen, Reiseleiterin und Hotelsekretärin in England, Frankreich und Spanien und habe eben in Madrid auch Deutsch unterrichtet“. Damals hat sie ein Pferd vor dem Metzger gerettet und nach ihrer Rückkehr im Anhänger nach Deutschland gebracht.

Auch wenn ihr Tierfreund schon lange tot ist, es ist noch immer präsent in Inge Susann Rössels Leben: Ein Bild des Pferdes hängt gut sichtbar in ihrem Apartment über der Treppe nicht weit von ihrer „Erinnerungsecke“. So nennt sie das Fleckchen, in dem sich Bilder und Lieblingsstücke finden, die von einem erfüllten Leben mit weiten Reisen zeugen: der Tennisschläger ihres Mannes, Peitschen und ein Reiterhelm...

Hier stehen auch die Bücher über ferne Länder, von denen Inge Susann Rössel so manche selbst bereist hat. Denn auch, nachdem sie dem Ruf ihres Vaters folgte, nach Hause zurückzukehren, ist sie noch viel herumgekommen. Sie war in Korea, Japan, Südamerika und Indien. Gereist ist sie in der Regel alleine, ihr Mann war nicht so reiselustig. Mit ihm hat sie bis zu seinem Tod vor zehn Jahren in einem Haus in Iffeldorf gelebt.

Als sie merkte, dass Zeiten kommen könnten, in denen sie nicht mehr alleine zurechtkommt, hat sie sich entschlossen, das Haus zu verkaufen und in die Seeresidenz zu ziehen. Und es scheint so, als ob sie, die viel unterwegs war, nun angekommen ist. „Hier bin ich zu Hause“, sagt sie.

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