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Der Blick auf die Stelle, an der das Zugunglück in Bad Aibling passierte. KIT-Teamleiterin Iris Schessl war vor Ort.

„Manchmal kann ich die Tränen nicht unterdrücken“

Interview: Iris Schessl war mit dem KIT in Bad Aibling 

Seeshaupt/Bad Aibling – Iris Schessl (48) aus Seeshaupt war mit dem Kriseninterventionsteam beim Zugunglück in Bad Aibling. Ein Interview.

Iris Schessl (48) aus Seeshaupt war am Dienstag beim Zugunglück in Bad Aibling vor Ort. Die Teamleiterin des Kriseninterventionsteams (KIT) im Landkreis, Bezirksleiterin und stellvertretende Landesvorsitzende, war für die Koordinierung der Nachbetreuung der Einsatzkräfte zuständig. Wir sprachen mit ihr über den Einsatz und die Arbeit des KIT an sich. 

War das bislang Ihr größter und schlimmster Einsatz? 

Der größte ja, ob es der schlimmste war, kann man nicht sagen. Jedes Ereignis ist schlimm für den Einzelnen, Das trifft bei einem tödlichen Verkehrsunfall genauso zu wie beim plötzlichen Tod eines Angehörigen. Ich bin davon abgekommen, vom „schlimmsten Einsatz“ zu sprechen. Es gibt immer noch Schlimmeres – leider. 

Was haben Sie genau vor Ort gemacht?

Ich habe die Koordination für die Nachbetreuung der Einsatzkräfte übernommen.

Iris Schessl, die KIT-Teamleiterin in Seeshaupt.

Da geht es um Stressbewältigung nach belastenden Einsätzen. Ich bin am Dienstag um 8.28 Uhr alarmiert worden und war um 17.09 Uhr wieder zu Hause. 

Was hat Sie am meisten belastet? 

Die Einsatzkräfte an vorderster Front vor Ort haben große Probleme, erstens, mit den gesehen Bildern zurechtzukommen, und zweitens weil sie sich hilflos fühlen, mit nur zwei Händen bei diesem un- überschaubaren Chaos und der Vielzahl an Verletzten, Betroffenen und Toten. Das empfinden sehr viele und auch ich als belastend. Im Einsatz merkt man das erst mal gar nicht, erst hinterher. Da beginnen die ersten Belastungsreaktionen wie Schwitzen, Zittern, Gereiztheit, Flashbags oder auch Schuldgefühle. Aber die Helfer in Bad Aibling haben wirklich klasse Arbeit geleistet, und haben versucht, das Unmögliche möglich zu machen. 

Hatten Sie das Gefühl, den Menschen geholfen zu haben?

Ja, den Einsatzkräften bieten wir eine strukturierte Gruppennachbesprechung des Einsatzes an. Da sagen wir ihnen, was die nächste Zeit für Reaktionen kommen können. Wenn man darauf vorbereitet wird, was normale Reaktionen eines gesunden Menschen auf ein außergewöhnliches Ereignis sind, kann man diese besser und schneller bewältigen. Die Einsatzkräfte sollen ganz viel über das Erlebte sprechen und sich selbst etwas Gutes tun. Manche gehen dann zur eigenen Stressbewältigung mit dem Hund spazieren, zum Joggen oder in die Muckibude. Früher wurden wir oft kritisch beäugt. Das hat sich geändert, wir werden sehr viel mehr akzeptiert von den Einsatzkräften.

Wo ist das Kriseninterventionsteam bei uns im Landkreis im Einsatz?

Überall. Wir hatte im vergangenen 83 Einsätze. Die meisten davon im häuslichen Bereich, gefolgt von schweren Verkehrsunfällen. Das ist im Prinzip das Gleiche wie in Bad Aibling, nur eben etwas kleiner. 

Durften Sie in Bad Aibling irgendwelchen Promis die Hand schütteln, oder haben Sie sonst irgendwie Dank erfahren? 

Nein, Promis habe ich keine getroffen. Aber beim G 7-Gipfel vergangenes Jahr durfte ich Frau Merkel die Hand schütteln. Aber das ist ja auch überhaupt nicht wichtig oder gewollt. Wir sind an so einem Tag nur für unsere Einsatzkräfte da. Deren Wohlergehen liegt uns am Herzen, damit sie nicht nur medizinisch unversehrt aus einem Einsatz gehen, sondern auch psychisch. 

Und wer hilft Ihnen?

Wir haben die Möglichkeit, eine Supervision anzufordern. Die benötigen wir so zwei- bis dreimal pro Jahr. Das hat mir persönlich immer sehr weitergeholfen. Ich habe gelernt, mir zu sagen, dass das Ereignis zwar schlimm ist, aber nicht Teil meiner Biographie. Deshalb kann ich bei den Einsatzkräften für seelische Stabilität sorgen. Aber wir sind auch nur Menschen, manchmal kann ich die Tränen nicht unterdrücken. Zu Hause erzähle ich nichts von meinen Einsätzen, ich will ja meine Familie nicht belasten. Dafür habe ich meine Kollegen aus dem Team, mit denen ich über das Erlebte bei den Einsätzen reden kann.

Das Gespräch führte Johannes Thoma

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