15 Verletzte nach Kellerbrand in Münchner Hochhaus

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Arbeitseinsatz: Hans Günther als „sozialistischer Held der Arbeit“ auf dem Arbeitseinsatz der Belgrader Studentenbrigade1961 beim Bau der Autobahn „Brüderlichkeit und Einheit“ zwischen Ljubljana und Skopje.

Einst war er Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS)

Interview mit Alt-68er aus Seeshaupt: „Die politischen Fronten waren klarer“

Hans Günther aus Seeshaupt war in jungen Jahren ein aktiver Linker - ein echter „Alt-68er“. Er half sogar beim Bau einer Autobahn in der Sowjetunion.

Seeshaupt – Zu den 68er Jahren gehörte die Musik der „Beatles“ und „Rolling Stones“. Es war die Zeit der Kommunen, „wilden Ehen“ und antiautoritären Erziehung, der Loslösung von den Traditionen und Zwängen des Elternhauses. Es war aber auch die Zeit der Studentenunruhen, der Forderung der linken Intelligenz nach Aufarbeitung der NS-Zeit, der Proteste gegen den Vietnamkrieg, des Sympathisierens mit marxistischen Revolutionären wie Che Guevara und eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz.“

Diese Vision wurde vor 50 Jahren, in der Nacht vom 20. Auf den 21. August 1968, mit dem gewaltsamen Ende des „Prager Frühlings“ zerstört: Sowjetische Panzer rollten in der Hauptstadt der Tschechoslowakei ein, 500 000 Soldaten aus dem Warschauer Pakt besetzten das Land, es gab fast 100 Tote. Ein Traum war geplatzt – auch für Hans Günther aus Seeshaupt, heute emeritierter Professor für slawistische Literaturwissenschaft, und seine Frau Karla Hielscher, eine promovierte Slawistin. Die beiden sind 68er durch und durch. Sie standen ganz vorne bei den Münchener Demonstrationen gegen Notstandsgesetze, kapitalistische Wirtschaftsordnungen und Vietnamkrieg, auch bei der später „Blut-Ostern 1968“ genannten Aktion gegen die Springerpresse nach den Schüssen auf den linken Studentenführer Rudi Dutschke. Beide waren Mitglieder im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), Günther zeitweise Vorsitzender der Münchner Sektion. Dieser bunte und manchmal etwas verrückte Schmelztiegel sozialistischer, maoistischer, anarchistischer und DDR-orientierter Studenten war ein rotes Tuch für konservative Bürger.

Hans Günther pflegt noch Kontakte nach Osteuropa

Ein „Linker“ wurde aus dem 1945 mit seinen Eltern aus Polen geflohenen Günther schon im ehemaligen Jugoslawien während des Studiums 1961/62. Begeistert vom Sozialismus unter Tito und der „Arbeiter-Selbstverwaltung“, meldete er sich gleich bei der Brigade der Belgrader Universität zum Bau der Autobahn „Brüderlichkeit und Einheit“, die von Ljubljana nach Skopje führt. Es folgten aufregende Studienjahre in München – und die große Enttäuschung nach dem Ende des Prager Frühlings. Geblieben sind jedoch berufliche und private Kontakte nach Osteuropa, wissenschaftliche Publikationen über russische Literatur des 20. Jahrhunderts und viele internationale Tagungen.

-Wie haben Sie den sowjetischen Einmarsch erlebt?

Wir verfolgten die Ereignisse rund um die Uhr übers Radio. Uns war zum Heulen zumute, wahrscheinlich haben wir auch geheult. Alle unsere Hoffnungen auf Freiheit und Demokratie – auf den Sozialismus mit menschlichem Antlitz – waren geplatzt. Die nächste Ernüchterung folgte ein paar Jahre später, als ich zu Forschungsarbeiten nach Moskau fuhr. Da habe ich den Alltag im realen Kommunismus und die erstarrte sowjetische Ideologie hautnah erlebt, und dabei haben mir noch kritische Gesprächspartner die Augen über die Stalinzeit geöffnet.

- Ihre Studentenzeit bestand aber nicht nur aus Studieren und Politisieren?

Aber nein, wir haben auch amüsante Aktionen durchgeführt, z. B. für die Einrichtung eines Studenten-Kindergartens. Mit Schubkarren transportierten wir Sand in den Lichthof der Uni und ließen unsere Kinder dort spielen; auch unser Töchterchen war dabei. Wie provozierend das damals war, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Es war jedenfalls ein großes öffentliches Ärgernis, und Ordnungskräfte mussten alles schnell wieder wegräumen.

-Populistisches Gedankengut wird wieder populär, populistische Politiker gewinnen Wahlen. Müssten die Menschen wieder mehr auf die Straße gehen?

Sie gehen ja auf die Straße, aber in unseren Augen sind das meist die Falschen, und die „Richtigen“ organisieren eher die Gegendemonstrationen. Es ist heute einfach schwieriger als vor 50 Jahren, weil die politischen Fronten nicht mehr so klar sind und auch begeisternde Ideen fehlen. Dabei ist das große Unbehagen ja da. Das merke ich bei jedem Gespräch im Kollegen- und Freundeskreis. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dort habe ich keinen einzigen Anhänger der AfD getroffen.

-Was bleibt für Sie im Rückblick auf die „68er-Jahre? Schöne Erinnerungen an eine aufregende Zeit oder eher Wehmut angesichts der aktuellen Entwicklung?

Beides! Mein beruflicher Weg an der Uni Bielefeld war natürlich sehr von dieser Zeit geprägt. Und eine Reihe unserer Forderungen wurden ja auch erreicht: vor allem die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und eine Gesellschaft, die viel offener und demokratischer ist,, als wir sie damals kannten. Leider geht davon gerade wieder einiges kaputt. Vielleicht müsste man statt für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ nun für einen „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ kämpfen.

Von Renate von Frauenberg

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