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Feiert heute seinen 100. Geburtstag: Karl Theodor Emmel aus Seeshaupt.

Ein Jubilar blickt zurück

Er erlebte 100 Jahre deutscher Geschichte und kämpft deshalb für ein geeintes Europa

Karl Theodor Emmel aus Seeshaupt feierte am Samstag seinen 100. Geburtstag. Im Gespräch schilderte er seine ganz persönliche Sicht auf wichtige Kapitel der deutschen Geschichte.

Seeshaupt – Es ist schon etwas Besonderes, mit einem 100-Jährigen wie Karl Theodor Emmel zu sprechen. Dessen kluge Reflexionen über Vergangenheit und Gegenwart basieren nicht auf angelesenem Wissen, sondern auf eigenen Erlebnissen und den Erfahrungen eines langen Lebens. Dabei muss man sich während des Gesprächs immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass dieser freundliche, vornehme Herr wirklich so betagt ist, dass er die Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg, der Inflation und Machtergreifung, des Zweiten Weltkriegs und der Kriegsgefangenschaft, der Währungsreform und des Wirtschaftswunders, des Beginn der deutsch-französischen Freundschaft und der EU selbst erlebt hat: als Kind, als Soldat, als Kriegsgefangener, als erfolgreicher Geschäftsmann im Fahrradhandel und jetzt im Ruhestand.

Emmels Leben fing höchst dramatisch an. Seine Geburt am 4. Mai 1919 fiel mit dem blutigen Ende der Rätezeit zusammen. „Nix wie weg mit dem Buben aus München und hinaus nach Seeshaupt“, forderte Großvater Julius Holz angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände. Dort hatte der Kaufmann 1917 den heutigen Tannenhof gekauft, den sich der Bayrisch-Königliche Pferdelieferant Ludwig Sedlmayer 1880 malerisch auf einem Drumlinhügel gebaut hatte.

Seit 100 Jahren mit Seeshaupt verbunden

So kommt es, dass Theodor Emmel genau seit 100 Jahren mit Seeshaupt verbunden ist. Großvater Holz war auch derjenige, der ins Fahrradgeschäft einstieg. In Amsterdam und Brüssel hatte er damit gutes Geld verdient. Aber weil er Deutscher war, wurde nach dem Ersten Weltkrieg sein Vermögen beschlagnahmt. In München, in der Schillerstraße, begann er mit Unterstützung der Familie wieder von vorn.

Enkel Theodor wuchs derweil in Seeshaupt auf, ging dort die ersten zwei Jahre zu Lehrer Kiesmüller in die Schule und wechselte dann nach München. Wie viele Menschen seiner Generation hat Emmel keine guten Erinnerungen an Kindheit und Jugendzeit: „Eigentlich hat es mich gebeutelt, seit ich denken kann“, resümiert er.

Hass auf die Nazis - von Anfang an

Es fing damit an, dass die elterliche Firma Ende der 1920er Jahre immer schlechter lief. Die ganze Familie litt unter Existenzsorgen. „Ehrlicherweise muss man aber zugeben, dass es mit der Machtergreifung 1933 wieder aufwärts ging. Die Menschen hatten damals halt Hoffnung auf bessere Zeiten“, sagt Emmel.

Trotzdem hasste er die Nationalsozialisten von Anfang an, auch aus persönlichen Gründen: „Sie haben uns alle Freiheiten genommen und unser Leben bestimmt. Natürlich musste ich zur Hitlerjugend, wir hatten keine andere Wahl. Und im Gymnasium wurde ich automatisch Scharführer. Ich war plötzlich für 30 Kinder verantwortlich, das hat mich sehr belastet.“

Zweiter Weltkrieg: Vom ersten bis zum letzten Tag dabei

Nach dem Abitur ging Emmel zum Militär, „weil man uns da größere Freiräume versprach“. Schon ein Jahr später begann der Krieg, Emmel war vom ersten bis zum letzten Tag dabei, erst 1948 kam er aus englischer Gefangenschaft frei. Schlimmes musste er erleben, das sich in sein Gedächtnis eingebrannt hat, zuletzt in Kreta: „Da war ich froh, dass ich als Funkoffizier nicht direkt an den deutschen Gräueltaten beteiligt war.“ Nach drei Jahren in einem englischen Kriegsgefangenenlager in Ägypten war auch für Emmel endlich der Krieg vorbei. Im Gepäck hatte er 2000 englische Zigaretten, die hatte sich der Nichtraucher bis zur Heimkehr zusammengespart.

Doch zu Hause waren Fabrik und Wohnhaus durch Bomben völlig zerstört, man musste wieder von vorn anfangen. Die begehrte „Zigarettenwährung“ war in diesen Tagen eine große Hilfe.

Sein privates Wirtschaftswunder wurde wahr

Erneut wurde der Tannenhof zum Zufluchtsort. Dort hatte die Familie Emmel ein Dach über Kopf und dank der Landwirtschaft genug zum Essen. Dazu gab es auf dem fünf Hektar großen Gelände viel Holz für den Wiederaufbau in München. Der junge Theodor hatte ehrgeizige Pläne: Er wollte die Firma wieder in die Höhe bringen, und zwar größer und erfolgreicher als je zuvor. Sein privates Wirtschaftswunder wurde wahr, das Geschäft mit Fahrrädern lief glänzend – „der Bedarf war damals enorm, wir kamen kaum nach mit der Radl-Produktion“, erinnert sich Emmel.

In den 1980er Jahren kreierte er eine eigene Marke. Seine „Bavaria-Räder“ wurden bei den Kunden zwischen Königssee und Bodensee schnell bekannt. Bald konnten es sich die Leute aber leisten, vom Fahrrad aufs Auto umzusteigen. Viele Konkurrenzunternehmen mussten schließen, nicht aber Emmel. Der hatte das richtige Gespür für neue Marktentwicklungen und profitierte von der Klapprad-Welle genauso wie von der Entdeckung des Rads als gesundes Fortbewegungsmittel.

Mit 60 Jahren fiel der Entschluss: „Jetzt reicht es!“

An seinem 60. Geburtstag entschied er: „Jetzt reicht es!“ Emmel gönnte sich als Entschädigung für sein „gebeuteltes“ Leben einen frühen Ruhestand und verkaufte die Firma. Er zog mit Ehefrau Maria ganz auf den Tannenhof und ließ das alte Gemäuer von Grund auf sanieren, das die Familie während der arbeitsreichen Jahrzehnte vor allem für gemeinsame Ferien genutzt hatte.

Endlich hatte er auch genügend Zeit für seine Hobbys, fürs Skifahren, Segeln und für die Jagd. Und natürlich für die Familien der beiden Töchter. „Die vier Enkel und bald vier Urenkel aufwachsen zu sehen, das ist meine größte Freude im Alter“, sagt er.

„Wir müssen für Europa kämpfen und gegen die Ewiggestrigen“

Da ist aber noch mehr: Demmel will die junge Generation mit seiner Faszination für ein gemeinsames Europa anstecken. Den Hass auf die Franzosen hat er selbst erlebt, aber auch den Beginn der deutsch-französischen Freundschaft, als er 1962 Kanzler Konrad Adenauer mit General Charles de Gaulle durch Münchens Straßen fahren sah. „Wir müssen für Europa kämpfen und gegen die Ewiggestrigen“, fordert er leidenschaftlich – und wirkt dabei wirklich nicht wie ein 100-Jähriger.

VON RENATE VON FRAUNBERG

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