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Cvi Schwarcz besuchte mit seiner Enkelin Maya Rinderer, die auch für ihren Großvater übersetzte, das Mahnmal in Seeshaupt.

Am Mahnmal in Seeshaupt

Gedenkfeier in Seeshaupt: Nach 74 Jahren Besuch am Ort der Befreiung

74 Jahre hat sich Cvi Schwarcz Zeit gelassen, an seinen Befreiungsort zurückzukommen. Am 30. April 1945 war der damals 15-Jährige aus einem Güterzug befreit worden.

Seeshaupt – Der rüstige Ungar, der seit 1947 in Israel lebt, war mit seiner Familie angereist, die von dieser Lebensstation erst vor zwei Monaten erfahren hatte. Am Mahnmal, am Bahnhof und am ehemaligen Massengrab auf dem Friedhof erzählte Schwarcz immer wieder aus seinen Erinnerungen, die seine Enkelin aus dem Hebräischen übersetzte. Aber einen wichtigen Platz musste er noch finden, die große Scheune, in der er sich mit einem Freund eine Woche lang versteckt hatte.

Schwarcz wusste nur noch, dass sie den See sehen konnten, und dass in der Garage zwei Autos standen. Gut, dass der Initiator des 1995 aufgestellten Mahnmals, Uwe Hausmann, bei der kleinen Gruppe dabei war, die Cvi Schwarcz begleitete. Die beiden Hinweise genügten dem gebürtigen Seeshaupter für die Identifizierung. Es musste sich um Gut Schalleck handeln, um die Ökonomie von Schloss Seeseiten, damals in Besitz von Baron von Simolin, jetzt der Familie von Finck gehörend. Hausmann hatte Recht. Und so konnte sich der 89-Jährige vom Ehepaar Wagner, das den Hof heute bewirtschaftet, die steile Stiege hinauf zur Tenne führen lassen, wo er sich überglücklich ins Heu legte, wie vor 74 Jahren. „Das ist der befreiendste Augenblick meiner Reise“, bedankte er sich bewegt.

1944 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert - nur er entkam den Gaskammern

Cvi Schwarcz kam 1929 in einem Bauerndorf südöstlich von Budapest zur Welt. 1944 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert, nur er, sein Vater und sein Onkel entkamen den Gaskammern. Sie wurden ins KZ-Außenlager Mühldorf überführt. Vater und Onkel mussten dort unter unmenschlichen Bedingungen auf der gefürchteten Hauptbaustelle der unterirdischen Flugzeughalle schuften, sie überlebten die Strapazen nicht.

Am 25. April 1945 waren die 5200 Überlebenden des Lagers in Güterwaggons evakuiert worden, der Transport mit Cvi Schwarcz strandete nach einer fünftägigen Irrfahrt am Seeshaupter Bahnhof. Schwarcz hatte noch den Lokführer vor Augen, der aus Angst vor den einrückenden Amerikanern die Zugmaschine einfach abkoppelte und mit ihr davonfuhr. Er meinte sich auch zu erinnern, dass zunächst deutsche Soldaten die Waggontüren geöffnet hätten, die Häftlinge nach Schüssen aus amerikanischen Tieffliegern aber wieder zurückgescheucht hätten. Erst danach seien US-Soldaten mit Jeeps am Bahnhof eingetroffen, um sie offiziell zu befreien.

Ohne Hilfe bis ins Heimatdorf

Zeitzeugen aus Seeshaupt wissen allerdings nichts von Tieffliegern. Schwarczs Beschreibung trifft aber genau auf den Vorfall einen Tag zuvor in Beuerberg zu, bei dem 29 KZ-Häftlinge getötet wurden. Der KZ-Transport führte von München über die frühere Isartalbahn-Strecke nach Kochel und von dort nach Seeshaupt. Diese Bahnstrecke wurde in den 1970er Jahren stillgelegt.

Schwarcz und sein Freund verließen eine Woche später ihren Unterschlupf in der Scheune und machten sich nach München auf. Ohne irgendeine Hilfe schlug sich der Bub bis in sein Heimatdorf durch, zu seiner jüdischen Tante, die als Ehefrau eines Christen überlebt hatte. Aber schnell war ihm klar, dass er in seiner ungarischen Heimat keine Zukunft hat, und so entschloss er sich, nach Israel auszuwandern. Zwei Jahre brauchte er in den Wirren der Nachkriegszeit bis dorthin, ganz auf sich allein gestellt war, ohne jegliche finanzielle Unterstützung.

In Israel konnte Cvi Schwarcz endlich Fuß fassen, er fand Arbeit in der Landwirtschaft und gründete eine Familie. Wenn man ihn heute fragt, wie er sein Schicksal zumindest äußerlich so gut gemeistert hat, dann antwortet er lapidar: „Mein Humor hat mir geholfen, alles zu ertragen und die Hoffnung nicht zu verlieren.“

Info

Bei der Gedenkfeier am Dienstag, 30. April, 18 Uhr, am Seeshaupter Mahnmal spricht heuer Marita Krauss. Die Historikerin ist Professorin für europäische Regionalgeschichte sowie für bayerische und schwäbische Landesgeschichte an der Augsburger Universität. In zahlreichen Büchern und in Fachbeiträgen für den Bayerischen Rundfunk hat sie sich u.a. mit Migration und Integration beschäftigt. Die Gedenkfeier wird der Saxophonist Thomas Bouterwek aus Tutzing musikalisch begleiten.

Von Renate von Fraunberg

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