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Seit über 30 Jahren wohnen sie in einem Bahnhofsgebäude: Das Ehepaar Büchler erzählt

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Von: Jennifer Battaglia

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Bernhard und Katharina Büchler vor dem Bahnhofsgebäude in Seeshaupt. Sie bewohnen seit über 30 Jahren das erste Obergeschoss.
Bernhard und Katharina Büchler vor dem Bahnhofsgebäude in Seeshaupt. Sie bewohnen seit über 30 Jahren das erste Obergeschoss. © EMANUEL GRONAU

Im Seeshaupter Bahnhofgebäudes wohnen seit über 30 Jahren Bernhard und Katharina Büchler. Wie es sich so direkt neben den Bahnschienen lebt, hat das Ehepaar der Heimatzeitung erzählt.

Seeshaupt – Wie lebt es sich in einem Bahnhofsgebäude? Diese Frage können Bernhard Büchler und seine Frau Katharina ganz genau beantworten. Das Ehepaar wohnt seit über 30 Jahren am Bahnhofsplatz 1 in Seeshaupt. „Seit 30 Jahren, einen Monat und 8 Tagen“, präzisiert der 73-Jährige Anfang Oktober. Am 1. September 1990 war die Familie in den ersten Stock des Empfangsgebäudes gezogen und lebt dort auch heute noch.

Ein Leben im Seeshaupter Bahnhofsgebäude: Ehepaar Büchler erzählt

Zur Neueröffnung des Küchenstudios kitchenz war das Ehepaar Büchler ins Erdgeschoss gekommen. Dort erinnert nicht mehr viel an die ehemalige Nutzung des 156 Jahre alten Hauses. Zwar kann man durch die Fensterscheiben noch immer direkt auf die Bahnsteige und den Fahrkartenautomat blicken, doch die Wartehalle und der Schalter für Zugreisende im Inneren des Gebäudes sind verschwunden. Ebenso wurde das alte Stellwerk entfernt. Stattdessen kann man hier ab sofort Küchen des Peitinger Unternehmers Christoph Hirschvogel bestaunen. Bernhard Büchler und sein Frau freut’s.

Aussicht aus dem ehemaligen Stellwerk auf die Bahnschienen.
Aussicht aus dem ehemaligen Stellwerk auf die Bahnschienen. © EMANUEL GRONAU

„Unsere größte Angst war, dass hier ein Lokal reinkommt“, sagt der Seeshaupter. Bahnhofskneipen würden schließlich selten gegen acht Uhr abends schließen. „Und das Klientel dort ist auch nicht gerade das Beste.“

Leben durch die Deutsche Bahn geprägt

Büchler lebt nicht zum ersten Mal direkt am Bahnhof. „Ich bin in einem Bahnhaus aufgewachsen“, sagt er. Aber nicht in Oberbayern, sondern im fränkischen Pappenheim. „Bis ich ungefähr zehn Jahre alt war, haben wir direkt an den Bahnschienen gelebt.“ Denn Bernhard Büchler stammt aus einer Eisenbahnerfamilie – sowohl sein Vater als auch sein Großvater arbeiteten seinen Angaben nach bei der Deutschen Bahn (DB).

Da ist es nicht verwunderlich, dass auch er zur DB ging. 38 Jahre war Büchler im Bereich Fernmeldedienst tätig. Er übernahm die Entstörung und Wartung der Anlagen und war deswegen viel in Bayern unterwegs. Auf seinem Weg zur Arbeit lernte er seine Frau Katharina kennen. Und wie könnte es anders sein – sie trafen sich im Zug. „Wir fuhren damals täglich mit der gleichen Bahn nach München“, sagt er. „Da hat es dann irgendwann gefunkt.“

Drei Kinder hat das Paar bekommen: Christine, Alexandra und Tobias. Die beiden Töchter wohnten schon nicht mehr zuhause, als die Familie 1990 in das Empfangsgebäude am Seehaupter Bahnhof zog. Nur Sohn Tobias bewohnte die 100-Quadratmeter-Wohnung gemeinsam mit seinen Eltern.

Am Bahnhof wohnt es sich gut

Heute leben Bernhard und Katharina Büchler allein im ersten Stock. Nach über 30 Jahren nehmen sie den Zugverkehr gar nicht mehr wahr. „Das ist doch alles viel leiser als früher“, sagt Katharina Büchler. „Es gibt ja auch keine pfeifenden Schaffner mehr.“ Das Leben am Bahnhof scheint nicht laut zu sein. „Manchmal gibt es nachts grölende Jugendliche“, sagt die 71-Jährige. „Aber da schreit man dann einmal runter, dass man die Polizei holt und schon ist es wieder still.“ Der Besitzer des Hauses hat außerdem schallisolierte Fenster eingebauen lassen.

Der Münchner Unternehmer Nikolaus Beiler hat das Gebäude 2007 erworben und nach und nach renoviert. Er wohnt mit seiner Familie direkt über den Büchlers im zweiten Stock. „Die Balkone hat er auch anbringen lassen“, sagt Katharina Büchler. „Es war wirklich toll, während des Lockdowns einen Balkon zu haben.“ Denn von dort hat man auch die beste Aussicht auf die ein- und ausfahrenden Züge. Der Garten, der ursprünglich zur Wohnung gehörte, wurde schon vor Jahren verkauft.

Die Büchlers sind überglücklich mit ihrer Wohnung. „Mich hat das von meiner Kindheit an nie richtig losgelassen“, sagt Bernhard Büchler. „Ich wollte einfach wieder neben den Bahnschienen leben.“ Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt.

Infos zur Geschichte des Bahnhofsgebäudes in Seeshaupt:

1865 wurde das Bahnhofsgebäude für die erste Bahnlinie von Tutzing nach Penzberg erbaut. Das Gebäude ist ein sogenannter Bayrischer Würfel – eine typische frühe Bauart für Empfangsgebäude in Bayern. In den Wohnungen im ersten und zweiten Stock lebten von jeher Bedienstete der Bahn, die ursprünglich vier Wohneinheiten wurden mit der Zeit in zwei – je eine Wohnung pro Stockwerk – umgebaut. In den 1960er Jahren ließ man das Backsteingebäude verputzen. Der Münchner Unternehmer Nikolaus Beiler kaufte das Haus 2007 und verpachtete das Erdgeschoss im Anschluss an die Deutsche Bahn (DB).

Bis 2012 gab es dort eine Wartehalle, bis 2015 einen DB-Schalter und bis 2018 war das 1904 eingebaute Stellwerk in Betrieb. Seitdem erfolgt die Steuerung des Zugverkehrs voll elektrisch von Weilheim aus. An der Außenseite des Hauses erinnert eine Plakette an den Todeszug von 1945. Am 30. April befreiten damals US-Soldaten 2000 Häftlingen aus einem Güterzug, der aus dem KZ Außenlager Mühldorf kam und in Seeshaupt abgekoppelt wurde. Etwa 80 Menschen überlebten den Zug nicht.

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