Schaut schön aus, ist aber giftig: Uli Kennerknecht mit einem Wasserkreuzkraut auf seiner Weide, das er per Hand ausstechen muss.
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Schaut schön aus, ist aber giftig: Uli Kennerknecht mit einem Wasserkreuzkraut auf seiner Weide, das er per Hand ausstechen muss.

SERIE: WAS WÄCHST DENN DA?

Das Wasserkreuzkraut: Früher gewünscht, heute der giftige Landwirts-Albtraum

  • Boris Forstner
    VonBoris Forstner
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Mittlerweile gibt es eine Fülle von Zwischenfrüchten, neuen oder wiederentdeckten alten Pflanzen, die auf den Feldern gedeihen – und nur die wenigsten Bürger wissen, um was es sich dabei handelt. In unser neuen Serie „Was wächst denn da?“ stellen wir sie vor. Heute mal eine ungeliebte Pflanze: das Wasserkreuzkraut.

Sindelsdorf – In strahlendem Gelb blüht die Blume, doch Uli Kennerknecht will nicht daran riechen oder sie in die Vase stellen, er will sie ausrupfen. Routiniert stülpt der 20-Jährige einen handelsüblichen Löwenzahn-Ausstecker über die Blume, mit dem Fuß tritt er den Ausstecher tief in die Erde, verlagert das Gewicht – und heraus ist die Blume mitsamt Wurzel. Gestatten: das Wasserkreuzkraut, der Schrecken von Rinder- und Pferdehaltern.

Normalerweise beschreiben wir in dieser Serie Getreide oder Pflanzen, die der Landwirt anbaut und die ihm nützlich sind. Beim Kreuzkraut – bei uns kommen noch das höher wachsende Jakobskreuzkraut und im Gebirge das Alpenkreuzkraut vor – ist das anders: Kein Landwirt will es, denn es kann tödlich für die Tiere sein.

Früher bewusst angepflanzt, heute ein Problem

„Das Wasserkreuzkraut ist bei uns heimisch, das ist nicht eingewandert wie andere Pflanzen“, sagt Kennerknecht, der künftige Hofnachfolger von Benedikt Zwink nahe Sindelsdorf. Früher wurde Kreuzkraut sogar von Behörden bewusst angepflanzt, um frisch gebaute Hänge an Straßenrändern mit der tief wurzelnden Pflanze zu stabilisieren. Zuletzt hat sich das Wasserkreuzkraut im Voralpenland ausgebreitet, und damit rückte eine fatale Eigenschaft in den Vordergrund: Es ist hochgiftig.

Auf der Weide würde keine Kuh und kein Pferd ein Wasserkreuzkraut fressen. Doch in der Silage ist das anders, da merken es die Tiere nicht. Das heimtückische am Kreuzkraut: Die Kühe und Pferde werden nicht sofort krank, sondern das Gift reichert sich so lange in der Leber an, bis das Tier bei einer bestimmten Konzentration stirbt. „Und man weiß nicht, woran es verendet ist, man obduziert eine tote Kuh ja in der Regel nicht“, sagt Kennerknecht.

Ausrupfen ist mühsam

Selbst für den Menschen ist das Kreuzkraut gefährlich. „Die Blume ist in vielen Sträußen drin, die Kinder auf der Wiese sammeln, weil die Pflanze schön ausschaut“, weiß Kennerknechts Mutter Gabi. Wenn sich die Kinder oder Erwachsenen dann mit kontaminierten Finger in den Mund greifen oder die Augen reiben, passiert der selbe Effekt wie bei Kühen und Pferden. Deshalb geht Kennerknecht nur mit Handschuhen zum Ausrupfen des Wasserkreuzkrauts.

Die Arbeit ist extrem mühsam. Bei Kennerknecht auf der Kälber-Weide direkt neben dem Hof steht nur ab und zu ein Wasserkreuzkraut. „Trotzdem brauche ich zum Ausrupfen für einen Hektar zehn Stunden, weil eben alles Handarbeit ist“, sagt der 20-Jährige. Einfach liegenlassen kann er die Blume auch nicht, weil sie dann in Notreife gehen und die Samen abfallen. „Eine einzige Pflanze kann bis zu 20 000 Samen abgeben, die auch lange im Boden bleiben“, weiß Kennerknecht.

Auf den Kompost damit? Bloß nicht!

Auch der eigene Kompost ist deshalb tabu. Das Kreuzkraut muss in größeren Mengen an spezielle Kompostieranlagen mit Haussrotte-Verfahren geliefert werden, auch manche Biogasanlagen können bei höher Temperatur damit umgehen. Viel Aufwand für einen Landwirt. Doch ignorieren funktioniert nicht – ist einmal zu viel Kreuzkraut auf einer Weide, kann ein ganzer Schnitt nicht genutzt werden. Und Chemie ist für Kennerknecht keine Option, denn auch dann ist die Silage für ein ganzes Jahr hinüber. Als wird Kennerknecht weiter mit dem Ausstecher durch die Wiesen ziehen.

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