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Das Baiuvarendorf in Sindelsdorf.

Das Dorf der alten Baiuvaren - wie die Vorfahren in Sindelsdorf lebten

  • Franziska Seliger
    vonFranziska Seliger
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Seit etwa fünf Jahren ist es am Entstehen: Das Baiuvaren-Dorf, das Mitglieder des FC-Bayern-Fanclubs „Red Kini“ am Ortsrand von Sindelsdorf errichten. Nun steht es kurz vor seiner Fertigstellung. Pläne für seine Nutzung gibt es schon so einige.

Sindelsdorf – Die Baiuvaren, auch Bajuwaren geschrieben, lebten bereits seit dem 5. Jahrhundert nach Christus im Raum Sindelsdorf, weiß Norbert Linke, einer der treibenden Kräfte des Projekts. Anlässlich der Feiern zum 1250-jährigen Bestehen von Sindelsdorf im Jahr 2013 hatten er und andere „Red-Kini“-Mitglieder ein Modell von einem baiuvarischen „Grubenhaus“ gestaltet und es beim historischen Festzug zum Jubiläum präsentiert.

Grubenhäuser, erklärt Linke, waren ein Meter in die Erde eingegrabene Holzhäuser, die als Lagermöglichkeit etwa für Getreide dienten. Auch Handwerker hätten darin gelebt. Nach dem Festzug wurde dieses Grubenhaus auf die Wiese am so genannten Böhms-Weiher am Ortseingang von Sindelsdorf gestellt – damit die Kinder damit spielen können, so die erste Überlegung, erinnert sich Linke.

Doch schon bald hätten er und andere historisch Interessierte beschlossen, mehr solcher Häuser zu bauen. Ein ganzes Baiuvaren-Dorf sollte entstehen und so die Frühgeschichte von Sindelsdorf greifbarer machen für die Menschen von heute. Nach etwa fünf Jahren ehrenamtlicher Arbeit stehen mittlerweile fünf Grubenhäuser auf dem gemeindlichen Areal, das von einem Palisadenzaun umschlossen wird. Außerdem ist ein so genanntes Langhaus im Bau. Dieses große Gebäude, erklärt Linke, sei bei den Baiuvaren der Mittelpunkt des Dorfes gewesen. „Darin hat sich alles abgespielt.“ Hier hätten die meisten Dorfbewohner zusammen mit ihrem Vieh gelebt. Auch die Unfreien hätten in einer Ecke des Langhauses ihren Platz gehabt.

Das Langhaus, sagt Linke, hätte eigentlich bereits fertig gestellt sein sollen. Aber wegen der Corona-Pandemie seien die Arbeiten ins Stocken gekommen. Unter anderem fehlten noch Türen sowie die Innenverkleidung. Wie schnell das Holzhaus nun fertig werde, hänge auch von der Witterung ab. Denn bei starken Niederschlägen, wie es sie in den vergangenen Wochen immer wieder gab, stehe das Gelände unter Wasser, so dass die Freiwilligen nicht arbeiten könnten. Finanziert werde das Projekt unter anderem durch Spenden, sagt Linke. Das Holz für die Gebäude stamme aus dem Gemeindewald.

Linke, der vor etwa 30 Jahren aus Dresden in die Region gezogen ist, interessiert sich schon sein ganzes Leben für historische Themen. „Geschichte war mein Lieblingsfach.“ In den vergangenen Jahren hat der Rentner unheimlich viel Wissen über das Leben der Baiuvaren in der Region zusammengetragen. Er weiß, was sie gegessen haben („fast kein Fleisch“), welche Tiere sie hielten (Schafe, Hühner und, wenn‘s gut ging, eine Kuh) und welche Bräuche sie pflegten (heidnische Rituale). Er weiß, wie sie ihre Kleidung und ihren Schmuck herstellten und welche Waffen sie benutzten.

Einige dieser Gebrauchsgegenstände hatten er und seine Mitstreiter bereits für die 1250-Jahr-Feier nachgebaut. Zwar sei vor vielen Jahren in den Baiuvaren-Gräbern in Sindelsdorf einiges gefunden worden. Doch diese Originale lägen alle im archäologischen Museum in München. Linke zeigt etwa die Nachbildung einer Kette mit farbigen Glasperlen, wie sie in einem Frauengrab in Sindelsdorf gefunden worden sei. Dazu Amulette aus Gold oder eine so genannte Gewand-Fibel mit Edelsteinen. Damit hätten die Baiuvaren ihre Kleidung zusammengehalten. Auch Stichwaffen wurden nachgebaut oder Gürtelschmuck mit Fruchtbarkeitssymbolen.

Wenn das Baiuvaren-Dorf mit dem Bau des Langhauses fertiggestellt ist, sollen diese Utensilien dort in Vitrinen gezeigt werden, sagt Linke. Schon jetzt dürften die Ministranten aus dem Ort das Baiuvaren-Dorf für ihr jährlich stattfindendes Ministranten-Lager nutzen. Auch der Kindergarten halte hier einmal im Jahr seine Übernachtung der Vorschulkinder ab.

Doch Linke und seine Mitstreiter haben größere Pläne: In ihrem Dorf wollen sie die Geschichte der Sindelsdorfer-Vorfahren für Groß und Klein erlebbar machen; etwa im Rahmen von Führungen. „Mir liegen vor allem die Schulklassen am Herzen“, sagt Linke. Denn die Jugend lerne durch das Fernsehen so viel geschichtlichen Unsinn. Als Beispiel nennt er die Rille, die sich mittig in Schwertern befinden: Viele Kinder dächten, sie diene dazu, damit das Blut der Feinde darin herablaufen könne – aber weit gefehlt. „Sie sorgt dafür, dass das Schwert nicht zu schwer ist“, erläutert Linke.

Er könnte sich auch vorstellen, dass historische Gruppen im Dorf das Lagerleben der Baiuvaren szenisch nachstellen. Außerdem würde er gerne handwerkliche Kurse anbieten, die sich mit der Kunst der Baiuvaren befassen; etwa Weideflechtarbeiten oder die so genannte Brettchenweberei, mit der man dereinst Schmuckbänder gefertigt hat. Denkbar wären auch Musikveranstaltungen. „Wir haben einige Pläne im Hinterkopf.“

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