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Für sie ist Bairisch wahrscheinlich keine Fremdsprache: Kinder beim Gaujugendtag in Eschenlohe.

Streit um Bairisch an Schulen

Rektor: "Dialekt hat im Unterricht nichts verloren"

München/Penzberg - Ist der Dialekt für das Erlernen von Sprachen nützlich? Ein Schulrektor bestreitet das – und hat sich bei den Fördervereinen des Bairischen in die Nesseln gesetzt.

Eigentlich ist die Diskussion über Sinn oder Unsinn von Dialekten gelaufen. Vorbei die Zeit, da die Lehrerin (so geschehen in Otterfing 1999) dem Zweitklässler ins Zeugnis schrieb, er habe „Probleme, sich verständlich auszudrücken, da er zu Hause nur bayerisch redet“ – was für einen Sturm der Entrüstung sorgte. Dass Dialekt den Schülern nicht schadet, hat sich, so scheint’s, heute auch in den Schulen herumgesprochen. Erst vergangene Woche attestierte der Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Klaus Wenzel, Dialekt sprechenden Schülern „sogar Vorteile beim Erlernen einer Fremdsprache“. Er müsse im Unterricht mehr gepflegt werden – ideal seien zum Beispiel Theateraufführungen in Mundart oder Projektstunden, in denen der Herkunft einzelner Wörter nachgegangen werde.

Doch es gibt auch Gegenstimmen unter der Lehrerschaft. Der Direktor der Realschule Penzberg, Johann-Georg Schedler, hält es nicht für die Aufgabe von Lehrern, den Dialekt zu fördern. Er sei am besten in der Familie aufgehoben, habe aber im Unterricht nichts verloren, sagte er gegenüber „Radio Oberland“, als ihn der Sender zu Wenzels Stellungnahme befragte.

Niklas Hilber vom Bezirksverband Werdenfels des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte ärgert das. Von der Sprachwissenschaft werde Dialekten einhellig zuerkannt, gegenüber der Standardsprache „absolut vollwertige Sprachsysteme zu sein“, sagt Hilber, der selber in Weilheim als Lehrer arbeitet. Wer mit zwei oder mehr Sprachen heranwachse – und Bairisch sei dabei als eigenes Sprachsystem zu sehen – der habe später Vorteile beim Erlernen von Fremdsprachen und im abstrakten Denken. Seinem Kollegen in Penzberg empfiehlt Hilber sogar ein Zweitstudium, um seine Erkenntnisse hier aufzufrischen.

Doch der Realschulrektor bleibt bei seiner Meinung. Die Hochsprache, so erläuterte Schedler gegenüber unserer Zeitung, sei nun mal die Sprache des Intellekts; der Dialekt sei „die Muttersprache des Herzens“. Bairisch könne vielleicht in kleinen Gemeinden etwa im Tölzer Land gepflegt werden. In der Stadt Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau) aber gebe es 74 Nationen, mindestens ein Dutzend seien es an seiner Schule, zudem auch zugezogene Schüler aus anderen Teilen Deutschlands. Wenn man da mit Bairisch anfange, sei man verloren. „Außerdem müsste man dann auch Sächsisch fördern“, sagt Schedler, der betont, selbst Allgäuer zu sein und bairische Sprachkompetenz zu besitzen: „Für mi is dös doch goa koa Problem.“

Sepp Obermeier vom Bund Bairische Sprache kann da nur den Kopf schütteln. „Da fällt mir der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Günther Oettinger ein, der Englisch bei uns als Amtssprache und Deutsch nur noch in den Familien zulassen wollte“, spottet er. Die Hirnforschung habe gezeigt, dass mehrsprachige Personen mehr Synapsen (Schaltstellen) im Gehirn angelegt haben, führt Obermeier aus. Sie müssten bei der Wortfindung nicht den langwierigen lexikalischen Weg beschreiten, sondern könnten durch den Klang den Sinn der Worte schneller erfassen. Alles andere, so Obermeier, sei „eine Irrlehre“.

Dirk Walter

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