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„Uno, Uno“: Asylbewerber Navid Rashidi (l.) beim Kartenspielen im „Café International“ – einem Projekt des „Unterstützerkreises Asyl“. Neben ihm Organisatorin Barbara Merkel.

Treffpunkt für Asylbewerber  des "Unterstützerkreis Asyl“ 

„Wir sind überrannt worden“

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Weilheim - Der Treffpunkt für Asylbewerber im "Höckstüberl" wird bestens angenommen. „Wir sind überrannt worden“, so Organisatorin Gudrun Grill. 

 „Uno.“ Navid Rashidi knallt seine Vorletzte Spielkarte auf den Holztisch im „Höckstüberl“. Er grinst schelmisch, sodass seine Zähne wie Perlmutt glänzen, nippt kurz am Glas Apfelsaft und verdeckt seine letzte Karte – die blaue Sechs – mit der rechten Hand. Rashidi, ein Afghane, ist fast am Ziel. Auch wenn’s nur „Uno“, ein Kartenspiel, ist: Rashidi bedeutet es sehr viel.

Vier Jahre hat der 22-Jährige um eine neue Heimat gekämpft. Er flüchtete aus seiner alten, Afghanistan, wo seine beiden Eltern leben. Warum – das wollen die meisten Asylbewerber wie Rashidi nicht verraten. Sie sprechen lieber von „Problemen“. Rashidi rannte von Zuhause weg. Doch nirgendwo wollte er bleiben: nicht in seinem Geburtsland Iran, nicht in der Türkei und auch nicht in Griechenland. Also zog er weiter. „Ich bin alles zu Fuß gegangen“, sagt der stämmige Afghane. Tausende Kilometer. Erst in Weilheim endete seine Odyssee vor 15 Monaten.

Jetzt sitzt Rashidi im „Höckstüberl“ an einem der kargen Holztische, weit weg von Krieg und Verfolgung und gemeinsam mit vielen anderen Asylbewerbern. „50 bis 60 Leute sind es jede Woche“, sagt Gudrun Grill (52). Ende Oktober organisierte der „Unterstützer Asyl“ das erste „Café International“. Begegnungsmöglichkeiten wollte er schaffen zwischen den Flüchtlingen untereinander sowie zwischen den Flüchtlingen und der Weilheimer Bevölkerung. „Wir sind überrannt worden, die haben nur auf eine solche Möglichkeit gewartet“, sagt Mit-Organisatorin Barbara Merkel. Das „Höckstüberl“ ist viel zu klein. In einer Ecke hat der Unterstützerkreis einen großen Essensstand aufgebaut. Es gibt Kuchen, Kaffee und Säfte. In der anderen haben sie die Asylbewerber auf die kleinen Tische verteilt. Sie spielen „Uno“, ziehen Bauklötze aus dem Jenga-Turm, bücken sich über Grundschul-Bücher und büffeln Deutsch.

Das „Café International“ ist ein Vorzeigeprojekt. Anfang Januar bekam der Unterstützerkreis sogar eine Auszeichnung. „Für unser beispielhaftes Projekt“, sagt Initiatorin Grill. Einmal pro Woche sperren sie und ihr Team das „Höckstüberl“ auf, backen Kuchen und kochen Kaffee. „Viele Asylbewerber würden gerne ein zweites Mal in der Woche kommen“, sagt Merkel. Die 73-Jährige nennen viele der jungen Männer (Weilheim ist so etwas wie die Junge-Männer-Hochburg) einfach nur „Mama Afrika“ – aus Respekt. „In ihrer Heimat ist es nicht gebräuchlich, Fremde mit Vornamen anzureden“, sagt Merkel.

Rashidi ist wieder an der Reihe. Er ist direkt von der Schule ins „Höckstüberl“ gekommen. Montag bis Freitag ist er im Deutschkurs an der Berufsschule. „Ich muss unbedingt Deutsch lernen. Denn ich möchte hier bleiben, so lange ich kann“, sagt er. 40 Asylbewerber büffeln gemeinsam mit Rashidi. Doch die wenigsten sind so fleißig wie der 22-Jährige, der in der Freizeit Fußball beim SV Wielenbach spielt. Rashidi, der früher als Schneider arbeitete, möchte eine Ausbildung zum Automechaniker machen. „Das ist mein Ziel“, sagt er und legt die blaue Sechs auf den Stapel. „Uno, Uno.“

Das „Café International“

an der Pöltnerstraße 22 hat jeden Montag von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

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