Auf der Suche nach dem magischen Schlauchpilz: Klaus Wilhelm Gérard mit den Hunden Attila und Leo bei der Trüffelsuche. In der Hand hat er eine „Vanghetta“, eine Art Lanze zum Graben. Fotos (6): Gérard

Er darf als erster Bayer in Italien graben

Der Trüffel-König von Peißenberg

Peißenberg - Er liebt sie, er isst sie und er sucht sie in Wäldern: Trüffeln. Ein Leben ohne den kostbaren Schlauchpilz – für Klaus Wilhelm Gérard aus Peißenberg inzwischen unvorstellbar. Er ist der erste Bayer, der in Italien danach graben darf. Aber eigentlich macht Leo die ganze Arbeit. Sein Hund.

Ein Trüffelsucher, ein echter tartufaro – nie, nie, nie, nie verrät er seine Plätze. Vorher fliegt er auf den Mond, beißt sich den Zeigefinger ab oder lernt die Bibel auswendig. Und zwar auf Hebräisch. Aber seine Fundstellen, seine geheimen Pilz-Reviere, die sind heilig. Nur über seine Leiche. Wär ja noch schöner. Allerhöchstens Familiemitglieder erfahren die besten Plätze, aber auch nur, wenn sie brav sind.

Bei Klaus Wilhelm Gérard, Jahrgang 1946, Buchautor, Oberlippenbartträger und Wohnwagenhändler aus Peißenberg, Kreis

Gérards Rekord-Sommertrüffel: 537 Gramm schwer. Am gleichen Abend hat er 15 Freunde zum Trüffel-Essen eingeladen.

Weilheim-Schongau, war das anders. Vor ein paar Jahren, da hat er einen Schatz geschenkt bekommen. Mehr noch: ein unbezahlbares Heiligtum. Der gebürtige Oberbayer hat das Trüffeltagebuch eines alten, italienischen Trüffelsuchers geerbt. Unfassbar. Alle seine Plätze hat der tartufaro da in seiner altmodischen Schrift genau beschrieben, bis hin zu den Bäumen, unter denen er die Trüffeln entdeckt hat. Selbst die Mondphase am Tag des Funds hat er notiert. Eine wertvollere Schatzkarte ist im Trüffelgewerbe kaum denkbar. Wirklich nicht.

Der Sohn des Trüffelsuchers hat sie Klaus Wilhelm Gérard übergeben. Kurz nach dem Tod des Vaters. Er habe kein Interesse an Trüffeln, hat der Sohn gesagt. Aber bei dir, das weiß ich, ist die Karte in guten Händen. In den allerbesten Händen.

Wahre Worte. Seit 30 Jahren erntet der freundliche Mann mit dem sonnenbraunen Teint den sagenumwobenen Schlauchpilz jetzt schon. Seit 1993 hat er ein Haus in Monte San Vito in den Marken. Dort in Italien, da ist auch sein Jagdrevier. Sein gelobtes Trüffelland. Klaus Wilhelm Gérard ist der erste Deutsche mit der Lizenz zum Trüffelsuchen. So erzählt er es.

Nachbarin Innocenza und ihre selbstgemachten Tagliatelle. Passen perfekt zu Trüffeln.

Der erste bayerische tartufaro. Aber verkaufen, nein, verkaufen tut er seine Beute, die er mit Hilfe seines Trüffelhunds aus dem Waldboden klaubt, nicht. Lieber isst er sie gleich am Abend auf oder verschenkt sie an Freunde. So einen Trüffelsucher zum Freund – schlicht beneidenswert.

Gérard ist ein Genießer, ein Jäger, ein Trüffelbesessener. Er sagt: „Ich liebe den Geschmack und das Image.“ Die Trüffel soll sogar aphrodisierend wirken. Sie galt als Inbegriff der Sünde. Die Kirchenoberen haben ihren Schäflein früher bei Androhung des Fegefeuers verboten, Trüffeln zu essen. Aber wahrscheinlich hatten die Kardinäle weniger Angst um den Seelenfrieden der Menschen als um den eigenen Trüffelhunger. Denn selber haben sie den teuflischen Pilz natürlich in rauen Mengen verzehrt. So erzählt es Klaus Wilhelm Gérard, dieses wandelnde Trüffel-Lexikon. Gérard ist einer der anerkanntesten Trüffelexperten Deutschlands. Er hält Vorträge über das Thema, er organisiert Trüffelreisen und er hat sogar schon ein „romanhaft geschriebenes Fachbuch“ über seine liebste Liebhaberei geschrieben – „Die Geheimnisse des Trüffelsuchers“. Durchaus lesenswert.

Natürlich kennt Gérard auch die aktuellen Trüffel-Preise, die einen mit den Ohren schlackern lassen. Bei einem Münchner Feinkosthändler kostet das Kilo Sommertrüffeln 500 bis 1000 Euro, Perigord-Trüffeln 5000 Euro und weiße Herrentrüffeln 9000 Euro. In einem Münchner Sternerestaurant verlangen sie 15 Euro für Trüffeln.

Berufung Trüffeln, Beruf Wohnmobile: Gérard zu Hause in seiner Firma in Peißenberg. Foto: preller

Pro Gramm. In einem anderen Edel-Lokal gibt’s für 58 Euro zwei Spiegeleier mit Trüffeln. „Trüffeln“, sagt Gérard, „das ist für manche die Eintrittskarte in die Feinschmeckerei.“ Oder auch nur in die Möchtegern-Feinschmeckerei. Denn manchmal, das sagt auch Gérard, ist das Tamtam, das Am-Platz-drüber-Gehobele, der schrille Preis wichtiger als das Essen selber. Als der Geschmack. Aber auch das gehört zur Magie der Trüffeln. Irgendwie.

Ja, so ein Leben als Trüffelsucher kann sehr aufregend sein. Einmal hat Gérard eine gigantische Sommertrüffel gefunden, so groß wie eine Kokosnuss. 537 Gramm schwer. Danach schwebte er auf Trüffel-Wolke Nummer sieben und hat auf der Stelle bei seiner italienischen Nachbarin Innocenza angerufen, sie solle sofort ihre wunderbaren Tagliatelle machen. Heute Abend wird gefeiert. Zu fünfzehnt haben sie die Wunder-Trüffel dann samt den Nudeln und einigen Flaschen Rotwein verputzt. Was für ein Fest.

Aber manchmal, da kann das Leben eines Trüffelsuchers auch arg gefährlich sein, Gérard ist zum Glück noch nie was passiert, aber er kennt die wildesten Geschichten. Einige niederträchtige, italienische Trüffelsucher verteidigen ihre Reviere mit allen, wirklich allen Mitteln. Sie zerstechen die Reifen, wenn sie irgendwo tief im Wald das Auto eines Nebenbuhlers entdecken. Sie zerkratzen den Lack. Oder, besonders hinterhältig: Sie legen Giftköder aus. Es gab mal eine Saison, schreibt Gérard in seinem Buch, da sind 16 Trüffelhunde auf diese Art ums Leben gekommen. 16 treue, wertvolle, jahrelang trainierte Suchhunde. Unfassbar. Aber bei Trüffeln geht es um viel Geld. Die Preise auf den Trüffel-Märkten vor Ort haben sich in den letzten 20 Jahren teilweise verdoppelt. Ganze Familien leben von dem wertvollen Pilz. Kein Wunder: Trüffelland ist manchmal Feindesland.

Diesen Stress hat Gérard natürlich nicht. Er ist professioneller Hobby-Sucher. Ein Trüffel-Flaneur, der die Plätze manchmal an den Rissen im Boden erkennt oder an unscheinbaren Bodenwellen. „Man kriegt einen unglaublichen Blick“, sagt er. „Das läuft bei mir im Unterbewusstsein.“ Wenn er in aller Herrgottsfrüh mit Leo, seinem Trüffelhund, Jahrgang 2005, Rasse Lagotto, durch den Wald streunt, will er natürlich unbedingt was finden. Er will, dass Leo plötzlich stehen bleibt – angelockt vom Duft reifer Trüffeln. Aber wenn es mal nicht so hinhaut und der Trüffelsucher nur ein paar mickrige Gramm mit seiner vanghetta, einer Art Lanze, ausgräbt, dann geht die Welt auch nicht unter. Dafür findet er an guten Tagen bis zu zwei Kilo. Das ist sie, die wundersame, unvorhersehbare Trüffel-Lotterie.

Vor einiger Zeit hat Gérard eine Trüffel-Lotterie der ganz anderen Art aufgedeckt. Er ist für das ZDF-Verbrauchermagazin WISO mit versteckter Kamera über den Viktualienmarkt gegangen. An einem Stand hat er vermeintlich edle Trüffeln gekauft, Kilopreis 4950 Euro. In Wahrheit waren es minderwertige Billig-Trüffeln aus Marokko. „Das Thema ist wahnsinnig schwierig“, sagt Gérard. Für einen Laien mit ungeübtem Gaumen ist es schwer, so einen Betrug rauszuschmecken. Da braucht’s Erfahrung.

Wahrscheinlich gibt es sowieso nur einen goldenen Tipp, wie Glücksmomente in der Welt der Trüffeln zu jeder Zeit garantiert sind: Man fragt Klaus Wilhelm Gérard, ob man sein Freund werden darf.

Stefan Sessler

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