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Ein Konzerterlebnis wie im Januar 2016 mit dem „Signum-Quartett“ ist im Pollinger Bibliotheksaal in Corona-Zeiten nicht möglich. Doch Klassikveranstalter Andreas Schessl ist optimistisch, dass es im November wieder weitergehen kann.

Im Gespräch mit Veranstalter Andreas Schessl

Wann wird es wieder Konzerte im Bibliotheksaal Polling geben?

Genau vier Monate ist es her, dass das letzte Konzert im Pollinger Bibliotheksaal stattfand. Wie geht es weiter mit der renommierten Klassik-Reihe dort? Veranstalter Andreas Schessl ist ebenso besorgt wie optimistisch.

Polling – Darf’s a bisserl mehr sein? Beim Einkauf ist man da meist nicht kleinlich. Bei der Frage zugelassener Konzertbesucher sieht das in Zeiten der Corona-Pandemie ganz anders aus. Je nach Bundesland und aktuellen Sicherheitsvorgaben schwankt diese Zahl derzeit gewaltig. Es geht dabei um Aerosolausstoß und mögliche Gesundheitsgefährdung. Das ist klug und verantwortungsbewusst, darüber muss man in keinem Falle streiten. Die Pfade des Verordnungsdschungels allerdings sind verschlungen, denn ob es um kleine Kammermusiksäle oder Klassikdomänen mit mehr als 2000 Zuschauern geht, verordnungstechnisch wird erst einmal alles über einen Kamm geschoren.

„Wer sagt uns, was medizinisch wirklich richtig ist? Nach welchen Kriterien wird entschieden? Selbst Expertenmeinungen gehen hier auseinander. Im Konzertsaal gelten strengere Regeln als im öffentlichen Nahverkehr, im Flugverkehr“ – so beschreibt Andreas Schessl, Chef von „MünchenMusik“, die momentane Situation. Und wie ist es um die renommierte Konzertreihe im Pollinger Bibliotheksaal bestellt?

Deren Grandseigneur Georg Hörtnagel verstarb am 1. Mai im Alter von 93 Jahren. Er war vor mehr als vier Jahrzehnten kreativer Schöpfer der beliebten Reihe, Spürnase für später international bejubelte Talente. Unzählig die prominenten Namen der Künstler, mit denen sich Polling schmücken durfte. Bereits vor drei Jahren hatte der „Schorsch“, wie er von vielen Wegbegleitern genannt wurde, die Weichen gestellt und sein künstlerisches Erbe in die erfahrenen Hände der Konzertagenturen von Andreas Schessl und Sonja Simmenauer gelegt.

Schessl, Gründer von „MünchenMusik“, dem größten Fixstern am Firmament privater Konzertveranstalter der Republik, hat im Laufe der Corona-Krise bereits verschiedene Stadien durchlaufen: Der anfänglich kurzen, aber heftigen „Schockstarre“, wie er sie selber beschreibt, ist ein konzentriertes, unerschrockenes Krisenmanagement gefolgt. 190 der von „MünchenMusik“ bereits annoncierten und verkauften Konzerte wurden inzwischen verlegt oder abgesagt, darunter auch die Pollinger Konzerte. „In kleinen Sälen wie dem Pollinger Bibliotheksaal die Platzkapazität drastisch einzuschränken, um die Hygieneregeln einhalten zu können, macht leider unter ökonomischen Gesichtspunkten gar keinen Sinn, ist von vorne herein komplett defizitär.“

Einen Kraftakt von gewaltiger Dimension mit siebenstelligem Minus, das für einen privaten Unternehmer eine vollkommen unabsehbare Herausforderung stellt, hat man in den letzten Monaten gestemmt. Unternehmerische Weitsicht und die in erfolgreichen Jahrzehnten aufgebauten Rücklagen bilden jetzt das Gerüst für den Fortbestand. Mit einer kurzfristigen Lockerung und Normalisierung des Konzertbetriebs rechnet Schessl nach eigenen Angaben nicht. „Es ist viel zu früh für Spekulationen. Selbst wenn wir heute in gewohntem Maße Veranstaltungen durchführen könnten, würden sie vom Publikum mit Sicherheit nicht mit der gewohnten Begeisterung, mit der hohen Auslastung angenommen.“

Erste Öffnungsversuche von Kollegen zeigen, dass die Nachfrage in der Regel höchst zögerlich und reduziert ist. „Es gehören immer zwei Determinanten zum Konzert, in Polling genauso wie im Rest der Konzertwelt: das Publikum und die Künstler. Sie bedingen einander, brauchen beiderseitiges Vertrauen.“ Noch ist die Sorge vor Infektionen der Besucher, die oft zur Risikogruppe zählen, deutlich spürbar. Die Reaktion der Pollinger Abonnenten auf die Absage sämtlicher Saison-Konzerte nach dem letzten Abend vom 13. März spiegeln die ganze Bandbreite: Zwischen sofortigen anwaltlichen Schreiben mit Regressforderungen und einer großzügigen Spendenbereitschaft pendeln Frustration und Verständnis der Konzertbesucher. Die so eingenommenen Spenden werden direkt an die Deutsche Orchesterstiftung zur Unterstützung freiberuflicher Künstler weitergeleitet. „Gerade für junge Musiker, die oft buchstäblich von der Hand in den Mund leben, von einem Auftritt zum nächsten kalkulieren müssen, ist Unterstützung existenziell. Am Anfang der Laufbahn verfügt man nicht über Rücklagen, hat kein Notfall-Polster, auch noch kaum Erfahrung im eigenen Finanzmanagement.“

Schessl, der nun die Hörtnagel-Nachfolge in Polling und München antritt, ist besorgt, aber dennoch optimistisch. Ab dem 17. November öffnen sich die Pforten des Bibliotheksaales hoffentlich wieder, vorausgesetzt, die Pandemielage ermöglicht einen gut gefüllten Saal. Und auch ein Gedenkkonzert für Georg Hörtnagel wird es dann geben. Das ist für Andreas Schessl „Ehrensache“.

Dorothe Gschnaidner

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