+
Ihr war die Nummer 1 der „Weilheimer Hefte zur Literatur“ gewidmet, erschienen am 23. April 1980: Die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger (1921-2016), hier bei ihrer Lesung am 26. September 1980 im Musiksaal des Gymnasiums Weilheim.

40 Jahre „Weilheimer Hefte zur Literatur“

Weilheims ganz besonderer „Welttag des Buches“

  • Magnus Reitinger
    vonMagnus Reitinger
    schließen

Vor genau 40 Jahren ist die Nummer 1 der „Weilheimer Hefte zur Literatur“ erschienen. Damit begann ein europaweit einzigartiges Projekt - das heuer noch groß gefeiert wird.

Weilheim – Weilheim? Wo bitte ist Weilheim? So hätten bis 1980 wohl die meisten Schriftsteller geantwortet, wären sie je nach dieser Stadt gefragt worden. Heute, vier Jahrzehnte später, ist Weilheim unter den wichtigsten deutschsprachigen Autoren bestens bekannt – und genießt einen hervorragenden Ruf. Grund dafür sind die „Weilheimer Hefte zur Literatur“, deren erste Ausgabe am 23. April 1980, also heute vor 40 Jahren, am Gymnasium Weilheim erschienen ist.

Das 16-seitige Heft mit dem schlichten Titel „Ilse Aichinger – Gedichte und Prosa“, redigiert von den Weilheimer Deutschlehrern Friedrich Denk, Peter Lippert und Thomas Schröer, begründete ein europaweit einzigartiges Literaturprojekt. 75 „Weilheimer Hefte“ haben die Deutschlehrer des Gymnasiums bis heute herausgegeben, an den dazugehörigen 110 Veranstaltungen nahmen laut Initiator Denk „mehr als 55 000 Zuhörer teil, etwa zur Hälfte Jugendliche“.

Mehr als 55 000 Zuhörer

Auch der Weilheimer Literaturpreis ist eine Frucht dieses Projekts: Dessen Preisträger wird (zurzeit alle fünf Jahre) von einer Schülerjury ausgewählt – unter all den Autoren, die am Gymnasium Weilheim bis dato gelesen haben. Der erste „Weilheimer Literaturpreis“ ging 1988 an Ilse Aichinger, der zwölfte soll heuer noch Saša Stanišić verliehen werden.

Die Liste der Autoren, denen „Weilheimer Hefte“ gewidmet wurden, liest sich wie ein „Who’s who“ der deutschsprachigen Literatur: von Wolfgang Hildesheimer über Ernst Jandl, Martin Walser, Michael Ende, Gertrud Fussenegger, Wolf Biermann, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Rafik Schami und Robert Gernhardt bis zu Vea Kaiser. „Wer nicht in Weilheim war, gehört nicht zur deutschen Literatur“, befand 2010, zum 30-jährigen Bestehen des Projektes, der Verleger und Autor Michael Krüger. Und der große Komiker Loriot – der 1983 zweimal in der „literarischen Turnhalle“ des Gymnasiums las, 1999 den Weilheimer Literaturpreis bekam und mehrere Lesungen als Gast besuchte – gratulierte zum 30-Jährigen mit dem Gedicht „WEIL-HEIM“: „Weil-heimlich jeder Literat / Gedanken Richtung Weilheim hat, / dürft er zum Augenblicke sagen: / Verweile doch, Du bist so schön, / ich will jetzt ins Gymnasium geh’n.“

Ein Weilheim-Gedicht von Loriot

Auch das 40-jährige Bestehen der „Weilheimer Hefte“ soll heuer mit einer illustren Dichterschar gefeiert werden. Auf Einladung von Friedrich Denk (77) wollen sich am Mittwoch, 23. September, im Weilheimer Stadttheater sieben Autoren an ihre hiesigen Lesungen erinnern und aus ihren neuesten Büchern vorlesen: Nora Gomringer, Katja Huber, Reiner Kunze, Sten Nadolny, Albert von Schirnding, Arnold Stadler und Guntram Vesper. Die Einführung wird Dieter Borchmeyer halten, der langjährige Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

An diesem Abend wird das Archiv der „Weilheimer Hefte“ offiziell an die Bayerische Staatsbibliothek übergeben. Es enthält neben Plakaten, Fotos und Tonaufnahmen der Dichterlesungen über 2600 Briefe, Karten und Faxe von Autoren, Verlegern und anderen Persönlichkeiten. Darunter sind allein 41 von Walter Kempowski – der 1982 nach seinem Auftritt in Weilheim schwärmte: „Die Atmosphäre, die Begeisterung, ja die Fröhlichkeit an Ihrer Schule haben mich tief beeindruckt und gerührt. Bei meinen über 800 Lesungen ist mir so etwas noch nicht vorgekommen.“

Vorbild für viele weitere Projekte  

Die „Weilheimer Hefte“, die auch mehrfach auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert wurden, waren beispielhaft für eine Reihe weiterer Projekte. Denk selbst gründete 1982 die „Londoner Lesehefte“ und 1989 für zwölf Gymnasien in Bayern das Projekt „Lesebogen“. Auch an anderen Schulen nahm die Zahl der Lesungen in der Folge deutlich zu, wie es in einem ausführlichen „Wikipedia“-Artikel über die „Weilheimer Hefte zur Literatur“ heißt.

Wie dieser Erfolg „möglich wurde und wird“, das will Friedrich Denk am 23. September im Stadttheater erklären – und dabei an drei Abende besonders erinnern: an die Lesung von Hans Werner Richter im Gymnasium (1980), von Siegfried Lenz in der Stadthalle (1990) und von Peter Ustinov in der Hochlandhalle (2001). Übrigens: Der Erscheinungstag des allerersten „Weilheimer Hefts“, der 23. April, wurde 1995 (als Geburts- und Todestag von William Shakespeare) zum „Welttag des Buches“ erklärt. Manchmal passt einfach alles zusammen. 

mr

Lesen Sie hier ein Interview über Kultur in Krisenzeiten

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Geiz ist geil? Nicht bei der Bergehalden-Brücke!
Fachplaner und der Peißenberger Marktrat sind sich weitestgehend einig: Ein Brückenschlag über die Schongauer Straße zwischen Alter und Neuer Bergehalde würde …
Geiz ist geil? Nicht bei der Bergehalden-Brücke!
Bauausschuss lehnt Spielhalle neben KinoP ab
Ein Antragsteller wollte neben dem KinoP in Penzberg eine Spielhalle eröffnen. Der Bauausschuss hatte gegen das Vorhaben Bedenken, doch es gab auch Stimmen, die dafür …
Bauausschuss lehnt Spielhalle neben KinoP ab
Neuer Plan in Polling: Vom „G’schenkladerl“ zum Info-Point?
Neuer Plan in Polling: Vom „G’schenkladerl“ zum Info-Point?
Weilheim: Das nächste Gewerbegebiet schon im Blick
Weilheim sei „ein richtig guter Wirtschaftsstandort“, insbesondere das neue Gewerbegebiet Achalaich „läuft super“: Das sagte Stefan Zirngibl bei seinem ersten Bericht …
Weilheim: Das nächste Gewerbegebiet schon im Blick

Kommentare