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Feste Werte im Hintergrund: Dr. Ulla Henning übt ihren Beruf mit Leidenschaft aus, braucht aber auch die Ruhe in ihrer Wohnung in der Lichtenau. 

Die Ärztin Dr. Ulla Henning im Porträt

Den Sterbenden ganz nah

Dr. Ulla Henning (55) ist niedergelassene Ärztin mit einer ganz besonderen Zusatzaufgabe: Sie begleitet schwer kranke und sterbende Menschen.

Dr. Ulla Henning zieht die Jacke an, packt die Patientenakten unter den Arm, greift nach der Arzttasche und verlässt ihre Praxis, die in einem Wohngebiet in Polling liegt. Zuerst geht es ins Kloster, wo sie für die Patienten im Hospiz zuständig ist, die von ihren Hausärzten nicht betreut werden können. Dann macht sie Hausbesuche, anschließend hat sie wieder Sprechstunde in ihrer allgemeinmedizinischen Praxis. Dr. Ulla Henning ist voll und ganz Ärztin – und das mit Engagement und Leidenschaft.

Dass sie heute diesen Beruf ausübt, hat viel mit Zufall, Glück und Mut zu tun – und einem Machtwort ihres Vaters. Ulla Henning wollte nämlich, nachdem sie die Mittlere Reife in der Tasche hatte, von der Schule abgehen und Krankenschwester werden. „Da hat mein Vater gesagt: ,Du bleibst auf der Schule, bis du Abitur hast, dann kannst du das immer noch machen.‘“ Die 55-Jährige lächelt. Dass sie oft lächelt und lacht, zeigen die Lachfältchen um die hellblauen Augen, die das Gegenüber freundlich und offen anschauen. Während der Schulzeit in Taufkirchen war in ihr bereits der Wunsch gewachsen, Ärztin zu werden, sodass sich Ulla Henning mit Abiturzeugnis in der Tasche für einen Medizinstudienplatz bewarb.

Doch weil sie die Schule nicht mit einem sehr guten Abschluss beendet hatte, wurde sie abgelehnt. „Da habe ich erstmal eine Ausbildung zur Arzthelferin gemacht“, erzählt die Medizinerin. Anschließend habe sie sechs Jahre in ihrem Beruf gearbeitet und sich dann entschieden, noch einen weiteren Beruf zu lernen: „Ich bin Sekretärin geworden.“ Als Sekretärin war sie noch ein paar Jahre in der Pharmaindustrie tätig, bis sie wusste, dass sie das nicht bis zum Ruhestand machen möchte. „Da geht es nur ums Geld“, und das sei ihr auf Dauer zu wenig gewesen.

Im Alter von 29 Jahren hat sie sich schließlich entschlossen, es nochmal mit dem Medizinstudium zu versuchen. Doch auch diesmal bekam sie eine Absage. „Bei der Vergabestelle hatten sich verrechnet, und ich habe Widerspruch eingelegt“, erzählt Dr. Ulla Henning. Dem Widerspruch wurde stattgegeben und sie hatte ihren Studienplatz. Das Studium hat sie dann innerhalb von sechs Jahren durchgezogen – schneller geht es im Studiengang Medizin nicht.

Am 1. Oktober 2001 eröffnete sie ihre Allgemeinarztpraxis in Polling. Damals ahnte sie noch nicht, dass wenig später die Arbeit mit todkranken und sterbenden Patienten auf sie zukommen würde.

„Es kamen zwei Schwestern zu mir, die sagten, dass im Kloster ein Hospiz entstehen soll und mich fragten, ob ich bereit wäre dieses medizinisch zu versorgen.“ Dr. Ulla Henning sagte zu. „Ich habe nicht gezögert“, sagt sie. Diese Entscheidung hat sie als Ärztin und Mensch verändert und bereichert, wie sie mit warmer Stimme erzählt.

Die Arbeit mit Sterbenden sei eine ganz andere als die mit den Patienten, die sie sonst in ihrer Praxis aufsuchen. „Wir führen sehr tiefe und ganz andere Gespräche, es ist eine ganz besondere Beziehung zu diesen Patienten.“

Inzwischen ist Dr. Ulla Henning auch ausgebildete Palliativmedizinerin. Vor fünf Jahren kam dann über „PalliaHome“ noch die medizinische Versorgung von sterbenden Menschen (SAPV) hinzu, die von den Angehörigen zu Hause gepflegt werden. Diese Aufgabe, die sich mehrere Helferinnen, Pflegerinnen Krankenschwestern mit Palliative Care-Ausbildung und Ärztinnen teilen, fordert Kraft und Zeit. Seitdem braucht die 55-Jährige ihre freien Tage, um sich zu erholen und mal nicht erreichbar sein zu müssen. Sie lebt mit zwei Kolleginnen in einem Hof in der Weilheimer Lichtenau – jede Frau in ihrer eigenen Wohnung. Vor ihrer Arbeit in der SAPV hat sie, wenn sie Urlaub hatte, immer wieder große Reisen unternommen. Fotos in ihrer Praxis erzählen davon.

Manchmal hat sie in dieser Zeit auch als Ärztin in Entwicklungsländern gearbeitet, doch dafür ist im Moment kein Raum, was die Medizinerin aber nicht bedauert: „Diese Arbeit hat meine Sicht auf das Leben verändert und mir die Angst vor dem Tod genommen.“

Und es macht sie zufrieden, wenn sie Schmerzen und Ängste lindern und beseitigen kann. „Du lebst mit den Patienten mit“, sagt sie, „ihre Zufriedenheit ist auch meine Zufriedenheit.“ Und bei Dr. Ulla Henning hört sich das nicht nach Aufopferung, sondern nach Freude an der Arbeit und am Leben an.

Kathrin Hauser

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