Bald Vergangenheit: Daniela und Wolfgang Bielz schließen ihr Autohaus Schwaiger. Foto: Gronau
+
Bald Vergangenheit: Daniela und Wolfgang Bielz schließen ihr Autohaus Schwaiger.

Brief an 2000 Kunden

Drei Generationen und 88 Jahre: Traditions-Unternehmen in Weilheim vor dem Aus: „Man sollte aufhören, wenn...“

  • Boris Forstner
    vonBoris Forstner
    schließen

Nach 88 Jahren und drei Generationen sind die letzten Wochen in der Geschichte des traditionsreichen Autohauses Schwaiger angebrochen.

  • Das Autohaus Schwaiger in Weilheim steht vor dem Aus.
  • 88 Jahre und drei Generationen lang wurde es betrieben.
  • Jetzt müssen die Besitzer schweren Herzens aufgeben.

Weilheim – Als die bittere Nachricht vor einigen Wochen per Brief an die mehr als 2000 Kunden herausging, die zumindest in den vergangenen beiden Jahren die Dienste der Firma in Anspruch genommen hatten, stand das Telefon nicht mehr still, sagt Wolfgang Bielz. „Manche haben sich beschwert, wie wir ihnen das antun können, andere wollten Geld sammeln“, sagt der 60-Jährige gerührt.

Dabei ging es gar nicht unbedingt ums Geld oder auch Corona, die Entscheidung war schon vor der Pandemie gefallen. Es fehlte einfach die Nachfolge: Die beiden Töchter haben sich anders orientiert und ein Fremder hätte in die Räumlichkeiten und Technik „mindestens 500 000 Euro investieren müssen“, schätzt Bielz. Interessenten habe es trotzdem immer wieder mal gegeben, aber konkret ist nichts geworden. „Klar kamen zwischendurch immer wieder Zweifel auf, ob wir das Richtige tun“, so Bielz. Doch eine Zukunft haben nur die Großen, „deshalb sollte man aufhören, wenn es noch läuft“.

Traditions-Unternehmen vor dem Aus: Weilheimer Autohaus Schwaiger gibt auf

Dass sie sich die Entscheidung nicht leicht gemacht haben, ist bei der langen Firmengeschichte nachvollziehbar – 88 Jahre gibt man nicht mal nebenbei auf. Erhard Schwaiger hatte 1932 die Firma gegründet mit einer kleinen Werkstatt am Rathausplatz und zog einige Jahre später, bereits mit einem Opel-Vertrag in der Tasche, auf das Gelände des ehemaligen Schlachthofs um (heute Altstadtcenter).

1954 folgte der Umzug an den heutigen Standort an der Olympiastraße, 1968 der Bau der großen Halle, in der die Werkstatt untergebracht ist. Da haben schon längst Franziska und Alfred Kammermeier, Tochter und Schwiegersohn des Gründers, die Geschäfte übernommen. Trotzdem ist der Tod von Gründer Erhard Schwaiger 1982 eine Zäsurs. 1987 entschließt sich Enkelin Daniela, zusammen mit ihrem Mann Wolfgang und unterstützt von ihren Eltern, den Betrieb zu übernehmen.

Aus für Autohaus-Schwaiger: Weilheimer Betreiber sehen keine Zukunft

Während Daniela Bielz quasi in Autohaus und Werkstatt aufgewachsen ist, muss sich Wolfgang Bielz als angehender Gymnasiallehrer alles hart erarbeiten: „Ich war völlig branchenfremd und habe erst einmal die komplette Ausbildung mitsamt Meister gemacht“, sagt Wolfgang Bielz.

Das Geschäft läuft, doch Änderungen bleiben nicht aus, weil auch die Anforderungen an die Händler immer höher werden. Zwischen 2003 und 2009 etwa übernimmt die Firma Stanglmaier den Verkauf. So eine Zusammenarbeit zweier Konkurrenten war durchaus ungewöhnlich, sagt Bielz.

Der Traditions-Gasthof Funk aus Indersdorf musste bereits im vergangenen Jahr schließen. Metzgerei und Fremdenzimmer werden aber fortgeführt. Ingrid und Andreas Hanisch haben sich im Brückenwirt in Pullach kennengelernt, ihre Hochzeit gefeiert und jahrzehntelang gearbeitet. Nun müssen sie das Traditions-Unternehmen aufgeben.

Aus bei Autohaus Schwaiger: Manche Mitarbeiter bleiben ihnen treu

Jetzt folgt das schmerzhafte Aus. Von den rund 20 Mitarbeitern haben sich einige schon einen neuen Job gesucht, „das war so besprochen: Wer einen neuen Vertrag hat und gleich woanders anfangen kann, dem legen wir natürlich keine Steine in den Weg“, so Wolfgang Bielz. Doch einige Mitarbeiter bleiben, obwohl sie bereits einen neuen Arbeitsvertrag in der Tasche haben, bis zum letzten Tag, was die Chefs sehr freut.

Jetzt, wenn die Zeit der Reifenwechsel beginnt, werden viele langjährige Stammkunden zum letzten Mal vorbeischauen. „Manche leben in Norddeutschland und kommen jedes Jahr zu uns, die verbinden ihren Urlaub hier mit einem Werkstattbesuch“, sagt Wolfgang Bielz. Viele Kunden gebe es auch aus München und dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Wie allen empfiehlt er bewusst keine andere Werkstatt, „weil wir mit allen gut zusammengearbeitet haben“, klappert aber tatsächlich viele ab, um sich Service und Preise anzuschauen und so seinen Stammkunden eine mögliche Alternative anbieten zu können.

Wie ihre weitere Lebensplanung ausschaut, wissen Daniela und Wolfgang Bielz noch nicht: „Damit haben wir uns tatsächlich noch nicht beschäftigt“, sagt er. Schließlich werde es noch eine Zeit dauern, bis der Betrieb komplett abgewickelt sei. Und was sie mit dem 4200 Quadratmeter großen Grundstück machen, ist auch noch unklar. Daniela Bielz: „Wir stecken noch so drin, dafür hatten wir noch gar keine Zeit.“

1874 wurde in der Gaststätte Grätz erstmals Bier ausgeschenkt. Fünf Wirte-Generationen später ist damit Schluss. Franz Grätz (53) und seine Ehefrau Karin schließen die Traditions-Gastronomie an der Emmeringer Hauptstraße. Nur das Hotel bleibt. Personalmangel, gesundheitliche Probleme, aber auch Frust und Ärger mit Behörden zwingen die Familie zur Aufgabe. Zwei Riegseer Traditions-Gaststätten bleiben bis auf Weiteres ebenfalls geschlossen. Damit verliert die Gemeinde auch ihren Geheimtipp, in dem auch mancher Promi gern zu Gast war.

Auch interessant

Kommentare