Ab ins Wasser: Im Gebiet des Forstwaldes an der Ammer ließ Gerhard Hofauer den Biber frei, den er aus der Tiefgarageneinfahrt in Weilheim befreit hatte.
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Ab ins Wasser: Im Gebiet des Forstwaldes an der Ammer ließ Gerhard Hofauer den Biber frei, den er aus der Tiefgarageneinfahrt in Weilheim befreit hatte.

Kuriose Rettungsaktion in Weilheim

Biber verirrte sich in Tiefgarage - die Retter kamen mit der Mülltonne

Die Aufregung war zunächst groß, die Lösung eher unspektakulär: Ganz ruhig hat Biberberater Gerhard Hofauer einen Biber eingefangen, der sich in eine Tiefgaragen-Einfahrt an der Blumenstraße in Weilheim verirrt hatte. Ein Vorfall wie dieser, beruhigt der Experte, sei die absolute Ausnahme – und kein Alarmsignal.

Weilheim – Am Samstagvormittag erreichte Gerhard Hofauer, einen der drei Biberberater des Landkreises, zuhause in Böbing ein dringender Anruf der Weilheimer Polizei: Mehrere Passanten hätten einen Biber entdeckt, der sich in der Einfahrt zu einer Tiefgarage an der Blumenstraße verirrt habe. „Ich hab’ mein Fangbehältnis eingepackt und mich sofort auf den Weg gemacht“, erzählt Hofauer. Bange Frage: Was soll man sich unter einem solchen Fangbehältnis vorstellen? Beruhigende Antwort: „Eine selbst gebastelte Mülltonne mit Luftlöchern. Dazu noch einen Naturbesen.“ Den brauche er nicht etwa, um sich das fangunwillige Tier vom Leibe zu halten, sondern nur, um den Biber in die Tonne hinein zu dirigieren. „Man muss dem Tier gut zureden, muss ringsum für Ruhe sorgen. Nur wenn sich der Biber bedroht fühlt, reagiert er aggressiv.“ Letzteres hat Hofauer selbst aber noch nie erlebt.

Als der Biberberater in der Blumenstraße ankam, fand er einen Streifenwagen der Polizei und etliche Passanten vor. Und den verängstigen Biber. „Ich bin ruhig hinunter gegangen und habe ihn behutsam in die Tonne bugsiert.“ Und das hat der so ohne weiteres mit sich machen lassen? Die Tiere, die er in solchen Situationen auffinde, seien geradezu erleichtert, wenn sie ihn mit seiner Tonne erblickten, erklärt Hofauer. „Das sieht für die aus wie ihre vertraute Höhle.“ Also Tonne zu, rein ins Auto und zurück nach Böbing.

Dort kontaktierte der Biberexperte den Forstdienststellenleiter Peter Schöler, um zu fragen, ob er den in Weilheim eingefangenen Biber im Naturschutzgebiet des Forstwaldes frei lassen dürfe. Der habe leicht resigniert geantwortet: „Passt scho! Auf einen mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an…“ Denn nachdem die Tiere vor etwa 20 Jahren in Bayern wieder auftauchten, ist mittlerweile der ganze Ammerlauf besiedelt. So fuhr Hofauer in die Ammerschlucht und öffnete seine Spezialtonne. „Der Biber ist sofort in die Ammer gelaufen. Der wird sich dort schon ein Revier suchen.“

A propos: Stimmen die Befürchtungen, dass sich hierzulande mittlerweile so viele Biber angesiedelt haben, dass es mit der Reviersuche einfach nicht mehr klappt? Müssten also Maßnahmen zur Reduzierung der Biberzahl vorgenommen werden? „Nein“, antwortet Hofauer ohne Umschweife. „Das reguliert sich schon von selbst, jedenfalls hier bei uns.“ An der Donau und am Lech, im Schwäbischen, sehe es jedoch anders aus. Dort seien tatsächlich mehr Biber vorhanden, als zu verkraften. Und dort könne man „Entnahmen“, die blumige Umschreibung für die Tötung der Tiere, nicht mehr überall verhindern.

Hat er denn selbst schon einen Biber „entnommen“ während seiner dreijährigen Tätigkeit als Biberberater? „Nein. Und das würde ich auch nicht tun“, erklärt Hofauer mit Nachdruck. „Was soll das denn bedeuten? Erst ergreift man alle möglichen Schutzmaßnahmen, damit sich die Tiere endlich wieder bei uns ansiedeln. Und dann soll man sie abschießen?“

Aber warum passiert ein solcher Vorfall wie der am Samstagmorgen in Weilheim? Das seien wirkliche Ausnahmen, beruhigt der Fachmann. „So mit zwei Jahren werden die Jungbiber von ihrer Familie verstoßen und müssen ein eigenes Revier suchen. Wenn ein solches Jungtier dann in eine Situation gerät, die es erschreckt, kann es sich ausnahmsweise auch mal in bewohnte Gegenden verirren.“ Ein Alarmsignal für Überbevölkerung sei das aber nicht. Und was ist mit den Klagen vieler Landwirte, die wachsende Biberschar beeinträchtige die Arbeit auf den Feldern und schmälere die Erträge? „Da wird viel übertrieben“, kontert Hofauer. „Es gibt geeignete Maßnahmen, um das weitgehend zu verhindern.“ So sollten beispielsweise die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände von landwirtschaftlich genutzten Flächen zu den Gewässern beachtet werden. „Das sollten fünf Meter sein. Dieser Abstand wird aber nicht überall eingehalten.“ Und Bäume, die man erhalten wolle, könne man schließlich mit Maschendrahtgeflecht umwickeln, um sie vor den scharfen Zähnen der Biber zu schützen.

Dass die Tiere im Spätherbst massenhaft Bäume umlegen, hat übrigens einen triftigen Grund: Im Winter ernähren sie sich von der Rinde, die sie Stück für Stück abnagen. „Kleinere Bäume ziehen sie sich auch unter Wasser. So haben sie im Winter einen Vorrat an grünen Blättern“, weiß Hofauer. „Viele Leute sehen nur den Schaden, den der Biber anrichtet, machen sich aber keine Gedanken darüber, warum er das tut.“ Bräuchte es da nicht mehr Aufklärung in der Öffentlichkeit? Das denke er schon, meint der Biberberater – und fügt an: In letzter Zeit seien immerhin einige Dokumentationen und Berichte zum Thema im Fernsehen gelaufen. „Allerdings leider nicht im BR…“ Von Sabine Näher

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