Der Verkaufsschlager: Johann Hintermeyer, Inhaber des gleichnamigen Peugeot-Autohauses in Schongau, mit dem elektrisch angetriebenen 208. Derzeit sei etwa jeder zweite Neuwagen, der bei ihm verkauft wird, ein E-Auto oder ein Plug-in-Hybrid, berichtet er.
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Der Verkaufsschlager: Johann Hintermeyer, Inhaber des gleichnamigen Peugeot-Autohauses in Schongau, mit dem elektrisch angetriebenen 208. Derzeit sei etwa jeder zweite Neuwagen, der bei ihm verkauft wird, ein E-Auto oder ein Plug-in-Hybrid, berichtet er.

9000 Euro Prämie sorgen für Ansturm auf die Händler

Elektroauto-Boom: „Jeder zweite Neuwagen ist mittlerweile elektrisch“ - wie kommt man an den Zuschuss vom Staat?

  • Sebastian Tauchnitz
    VonSebastian Tauchnitz
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Aufgrund der hohen Fördersummen für den Kauf von Elektroautos und Plug-in-Hybriden entscheiden sich immer mehr Menschen im Landkreis für den Kauf eines solchen Fahrzeugs. Das sorgt bei den Händlern für Begeisterung, aber auch für Stress und Zukunftssorgen. Denn die Lieferfristen sind lang und die Zukunft der Werkstätten durch die wartungsarmen E-Fahrzeuge durchaus unsicher.

Landkreis – Der Kauf eines neuen Autos war ziemlich lange eine ziemlich einfache Angelegenheit. Man schaute im Autohaus vorbei, trank einen Kaffee, unterschrieb, wenn alles passte, einen Vertrag und ein paar Wochen später stand das Wunschmodell auf dem Hof, wenn man es nicht sogar gleich mitnehmen konnte. Diese Zeiten sind vorbei: Einen Kaffee gibt es in Pandemie-Zeiten nicht mehr.

Und einfach so ein Auto zu kaufen und mitzunehmen, ist mittlerweile schwieriger als gedacht. Zumindest, wenn man sich von der derzeit extrem großzügigen Förderung (siehe Kasten) zum Kauf eines Elektroautos animieren lässt. Und das tun immer mehr Bewohner des Landkreises. Bei einigen Herstellern ist es bereits jetzt ausgeschlossen, das ein heute bestellter Wagen noch in diesem Jahr ausgeliefert wird.

Elektroauto-Boom: „Jeder zweite Neuwagen ist mittlerweile elektrisch“ - wie kommt man an den Zuschuss vom Staat?

„Im Vergleich dazu sieht es bei uns noch gut aus“, sagt Johann Hintermeyer, Inhaber des Peugeot-Autohauses in Schongau. Der Hersteller habe die Kapazitäten richtig geplant und könne noch liefern. „Wer jetzt bestellt, kann sein Fahrzeug spätestens im Herbst übernehmen“, verspricht Hintermeyer. Und das sei auch notwendig, wenn man die Extra-Förderung kassieren wolle, die bis jetzt nur bis Jahresende vom Bund überwiesen wird. Wer die vollen 9000 Euro Zuschuss kassieren möchte, muss seinen Wagen also bis spätestens zum 31. Dezember zugelassen haben. So dreist nutzen Autofahrer übrigens eine klaffende Gesetzeslücke* aus.

So funktioniert der neue Umweltbonus

Wer jetzt ein neues E-Auto oder einen Plug-in-Hybriden kauft, der darf sich über eine großzügige Förderung freuen. Für reine Elektroautos ohne Verbrennermotor gibt es von der Bundesregierung einen Zuschuss von 6000 Euro. Da die Hersteller verpflichtet sind, sich mit weiteren 3000 Euro an der Förderung zu beteiligen, können am Ende beim Neukauf eines Elektroautos 9000 Euro gespart werden. Allerdings darf der Nettolistenpreis des Autos nicht über 40 000 Euro liegen, um die volle Förderung zu erhalten. Liegt er darüber, werden nur noch 5000 Euro vom Bund bezahlt.

Für Plug-in-Hybride gibt es vom Bund 4500 Euro Zuschuss, den die Hersteller auf 6000 Euro aufstocken, wenn der Nettolistenpreis unter 40 000 Euro liegt. Liegt er drüber, gibt es nur 3750 Euro vom Staat. Wichtig ist, dass nur Fahrzeuge gefördert werden, die auf der Bafa-Liste verzeichnet sind. Wer auf Nummer sicher gehen will, schaut im Internet unter www.bafa.de/SharedDocs/Downloads/DE/Energie/emob_liste_foerderfaehige_fahrzeuge.html nach.

Wer jetzt mit dem Gedanken spielt, sich ein neues E-Auto zuzulegen, sollte auch beachten, dass die Förderung rückwirkend gezahlt wird. Das bedeutet, dass man sie erst beantragen kann, wenn das Auto ausgeliefert und zugelassen ist. Mit anderen Worten: Egal, ob man least, finanziert oder bar zahlt, in der Regel muss man die Bundesförderung aus eigener Tasche vorfinanzieren und bekommt sie dann vom Bund zurücküberwiesen.

„Die Leute wollen das natürlich mitnehmen“, sagt Hintermeyer, der aus dem Staunen nicht herauskommt. „Wenn mir vor ein paar Jahren jemand erzählt hätte, dass jedes zweite Auto, das wir heuer ausliefern, einen Elektroantrieb hat, hätte ich nur gelacht“, sagt er. Aber mittlerweile sei es genau so. Da komme ihm zugute, dass Peugeot als Hersteller mittlerweile eine breite Palette an Elektro- und Plug-in-Hybriden im Angebot habe. Plug-in-Hybride sind Autos, die sowohl einen Verbrennungs-, als auch einen Elektromotor haben und kurze Strecken zwischen 50 und 100 Kilometer rein elektrisch zurücklegen können. Sie können an der Steckdose aufgeladen werden. Für sie gibt es ebenfalls eine Förderung, die zwar nicht ganz so üppig ausfällt wie für reine E-Autos, dafür kann man auch längere Urlaubsfahrten ohne Ladepausen planen. Sie seien ähnlich stark nachgefragt wie reine E-Autos, sagt Hintermeyer.

Bereits vor dem offiziellen Verkaufsstart gab es rund 150 Vorbestellungen für den Skoda Enyaq. Das sei schon außergewöhnlich, meint Edwin Brummer von der Auto & Service PIA GmbH.

Elektro-Auto: Boom am Markt - trotzdem weiterhin Minderheit

Also herrscht eitel Sonnenschein im Autohaus, weil die Autos fast schneller verkauft werden, als sie geliefert werden können? „Klar freuen wir uns darüber, dass wir es gut läuft“, sagt Hintermeyer. Probleme gibt es dennoch: „Wir kämpfen um jedes Auto, um sicherzustellen, dass es rechtzeitig geliefert wird.“

Zudem bestehe ein immenser Schulungs- und Investitionsbedarf im Autohaus durch den E-Auto-Boom dieser Tage. „E-Fahrzeuge verkaufen darf bei Peugeot nur, wer die entsprechende Qualifikation nachweist“, so Hintermeyer. Kaum ein Tag vergehe, an dem nicht einer seiner zwölf Mitarbeiter einen Online-Weiterbildungskurs absolviere. Je mehr E-Autos verkauft werden, umso ungewisser ist auch die Zukunft des Werkstattgeschäfts, räumt Hintermeyer ein. An einem normalen Verbrennerauto gibt es viel zu tun. Ölwechsel, Einstellungsarbeiten, zahllose Teile greifen ineinander. Elektroautos sind indes sehr einfach aufgebaut. Die E-Motoren sind wartungsarm und nahezu unzerstörbar, auf die Akkus gibt es meist langjährige Garantien. Da muss beim Kundendienst zwar viel dokumentiert werden, zu schrauben ist aber vergleichsweise wenig. Wie sich das in Zukunft auf die Auslastung der Werkstätten auswirkt, werde sich zeigen, so der Peugeothändler aus Schongau.

Derzeit überwiegt bei ihm aber die Freude, viele Kunden mit neuen Elektrofahrzeugen beliefern zu können. Meist seien das allerdings Leute mit einem eigenen Haus, die sich eine (ebenfalls großzügig geförderte) Wallbox montieren lassen, um direkt in der Garage laden zu können.

E-Autos und Plug-in-Hybride: Immer noch eine kleine Minderheit

Auch wenn derzeit extrem viele E-Autos und Plug-in-Hybride verkauft werden, sind diese Fahrzeuge mit Blick auf alle Autos, die im Landkreis unterwegs sind, immer noch eine sehr kleine Minderheit. Im Landkreis Weilheim-Schongau sind derzeit nach Angaben des Landratsamtes insgesamt 139 293 Fahrzeuge aller Art zugelassen. Insgesamt wurden im Jahr 2020 immerhin 18 135 Autos im Landkreis zugelassen – das waren allerdings längst nicht alles Neuwagen. 2021 waren es bislang 4607.

Blickt man jetzt gezielt auf das Thema Elektromobilität, dann fällt auf, dass Ende April 2021 im Landkreis insgesamt 973 Elektrofahrzeuge und 902 Hybridfahrzeuge zugelassen waren. Neu zugelassen wurden im Jahr 2020 281 Elektro- und 272 Hybridfahrzeuge. Dass heuer deutlich mehr Bewegung in die Sache gekommen ist, erkennt man daran, dass allein in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres 149 Elektro- und 139 Hybridfahrzeuge im Landkreis neu zugelassen wurde. Dennoch ist ihr Gesamtanteil nach wie vor sehr gering.

Auch bei der Auto & Service PIA GmbH, die unter anderem in Weilheim, Penzberg und Landsberg Fahrzeuge der Hersteller VW, Audi, Skoda, Seat und neuerdings Cupra verkauft, hat sich in den vergangenen Monaten der Anteil an Elektroautos, die abgesetzt werden, dramatisch erhöht. Vertriebsleiter Edwin Brummer geht im Gespräch mit der Heimatzeitung von einem Anteil von „20 bis 25 Prozent am Portfolio“ aus. Einzelne Modelle hätten bereits, wenn sie jetzt bestellt werden, erst ein Produktionsfenster im Jahr 2022. Andere, wie etwa der VW ID4, könnten aber noch heuer geliefert werden. „Da zahlt sich aus, dass wir mittlerweile ein breites Angebot an sehr attraktiven Modellen haben.“

Elektro-Auto-Boom: Hohe Förderung als entscheidender Faktor?

„Natürlich hat die derzeit extrem hohe Förderung einen gewichtigen Anteil daran“, sagt Brummer. Er erinnerte aber auch daran, dass der Zuschuss für Elektroautos prinzipiell bis Ende 2025 bezahlt werde, auch wenn nicht klar, ob dann auch noch in der Höhe wie heuer. „Ich kann mir mit Blick auf die bevorstehenden Bundestagswahlen aber nicht vorstellen, dass die Sätze reduziert werden“, so Brummer.

Dennoch wollen viele auf Nummer sicher gehen und die volle Fördersumme abgreifen, was teilweise schon zu ganz neuen Erfahrungen bei den Verkäufern führt. Das vielleicht populärste E-Modell, das die PIA GmbH vertreibt, ist der neue Skoda Enyaq. Ein großer, elektrisch betriebener SUV mit einer Reichweite von bis zu 570 Kilometern, der Dank der Förderung kaum teurer ist als ein vergleichbarer Verbrenner. „Das Modell ist am 24. April auf den Markt gekommen. Doch wir haben vorher schon rund 150 Vorbestellungen registriert“, so Brummer. 150 Menschen haben also ein Auto gekauft, das sie noch nie in der Realität gesehen, in dem sie nie gesessen und das sie noch nie Probe gefahren sind. „Das ist auch neu für uns“, sagt er.

Es sei aber nicht nur das Privatkundengeschäft mit Elektroautos, das deutlich anzieht. Auch die Firmenkunden setzen zunehmend auf E-Mobilität. „Wer bei Roche in Penzberg arbeitet, dienstwagenberechtigt ist und einen neuen Wagen braucht, darf sich mittlerweile nur noch ein E-Auto bestellen“, so Brummer. Selbst Plug-in-Hybride, die sonst bei Dienstwagenfahrern aufgrund des reduzierten Steuersatzes beliebt sind, seien bei Roche nicht vorgesehen. Dennoch warnt Brummer, dass derzeit noch nicht absehbar sei, ob der Verbrennermotor wirklich komplett verschwinden wird. „Wenn die Grünen gewählt werden, ist das sehr wahrscheinlich. Aber sonst kann niemand sagen, wie sich das Geschäfte in den kommenden Jahren entwickeln wird“, ist er sich sicher.

Elektro-Neuwagen kaufen: Meist lange Wartezeiten - MINI-Experte gibt Einblicke

Umstellen musste sich auch Thomas Ernst, Verkäufer bei MINI Wiedman & Winterholler in Weilheim. Und das gleich mehrfach. „Früher vergingen zwischen Bestellung und Lieferung eines Verbrenner-Mini maximal zwei Monate. Jetzt sind wir schon froh, wenn wir einen Elektro-Mini, der heute bestellt wird, noch bis Jahresende an den Kunden ausliefern können“, sagt er. Das Interesse sei groß, was durchaus nicht nur an der Förderung liegt. „Viele staunen, weil auch die Verbrenner-Minis schon sehr flott unterwegs waren – aber der Elektro-Mini ist aufgrund seiner ausgeglichenen Gewichtsverteilung und des Umstands, dass der Motor sofort für Vortrieb sorgt, vielleicht unser sportlichestes Modell“, sagt Ernst.

Die vielleicht sportlichste Art, einen Mini zu fahren, sei, zur Elektrovariante zu greifen, sagt Thomas Ernst, Verkäufer bei MINI Wiedman & Winterholler in Weilheim.

Mittlerweile sei ungefähr jeder dritte Wagen, den er an die Kunden übergibt, „elektrifiziert“, also entweder ein reines Elektroauto oder ein Plug-in-Hybrid. Dabei spiele natürlich der Zuschuss vom Staat eine Rolle. Aber auch der Fahrspaß.

Waren es am Anfang noch die „Early Adopter“, die neue Technik immer als erstes besitzen müssen, die sich ein E-Auto bei ihm bestellt haben, habe sich das mittlerweile vollkommen geändert, sagt Ernst. „Meine Kunden kommen aus allen Bevölkerungsschichten, den typischen E-Auto-Fahrer gibt es nicht mehr.“ Längst seien es auch nicht mehr nur die Eigenheimbesitzer, die sich ein solches Fahrzeug zulegen und zu Hause laden. „Wer eine öffentliche Ladesäule in fußläufiger Entfernung hat, der kann problemlos ein E-Auto kaufen“, so Ernst.

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