+
Nach einem überstürzten Start ins Leben ist Amelia nun gut in ihrer Familie angekommen. 

Aufregung in Weilheimer Familie

Bürokratie-Ärger nach Sturzgeburt

Amelia Knorr ist am 13. August auf dem Wohnzimmersofa geboren worden. Das haben verschiedene Stellen auch bestätigt – aber nicht auf dem dafür vorgesehenen Formular. Der Familienvater musste erst durch den halben Landkreis zum Notarzt fahren und dessen Unterschrift persönlich abholen, dann konnte das Mädchen offiziell angemeldet werden.

Weilheim – Nicole Knorr-Strauch ist eine erfahrene Mutter. Am Morgen des 13. August hatte sie einen regulären Kontrolltermin beim Frauenarzt. Dieser gab Entwarnung. Es gab noch keine Anzeichen, dass sich der Nachwuchs demnächst auf den Weg machen würde.

Die 35-Jährige ging in Weilheim noch eine Kleinigkeit mit einer Freundin etwas essen und dann nach Hause. Um kurz vor 15.30 Uhr spürte sie die erste Wehe, um 16.17 Uhr war Tochter Amelia da. Zur Welt gekommen auf dem Sofa, das im Wohnzimmer der Weilheimer Familie steht. Als die werdende Mutter gemerkt hat, dass sie Wehen hat, rief ihr Ehemann Wolfgang Knorr im Klinikum Garmisch an, wo die Geburt bereits im Vorfeld angemeldet worden war. Nach heftigem Blutverlust und dem Austreten des Köpfchens versuchte Wolfgang Knorr, die Hebamme zu erreichen, die zugesagt hatte, die Nachsorge nach der Geburt zu übernehmen. Ohne Erfolg. Dann alarmierte der Ehemann den Notarzt – dazu hatte der Frauenarzt geraten, den er zuvor angerufen hatte. Inzwischen war klar, dass die Mutter kein Krankenhaus mehr erreichen würde können.

Kurz nach Ankunft des Rettungswagens mit einer Rettungsassistentin und einer Praktikantin kam Tochter Amelia auf die Welt. Bei der schnellen Geburt war neben dem Ehemann auch die fünfjährige Tochter Alicia dabei, die glücklicherweise bereits über das Geburtsgeschehen aufgeklärt war. Als der Notarzt eintraf, hielt die Mutter bereits ihr Mädchen im Arm. Der Vater durfte noch die Nabelschnur durchtrennen, die Tochter hielt die Infusionsflasche.

„Es war eine klassische Sturzgeburt“, sagt die Mutter. Selbst wenn das Weilheimer Krankenhaus noch eine Geburtsstation gehabt hätte, der Weg dorthin wäre zu weit gewesen, davon ist die dreifache Mutter überzeugt. Obwohl die Geburt bereits vorbei war, wurden Nicole Knorr-Strauch und Amelia zur Nachbetreuung ins Krankenhaus gebracht. „Der Notarzt hat uns netterweise nach Garmisch-Partenkirchen gefahren“, erzählt Knorr-Strauch. Mutter und Kind waren wohlauf und erholten sich schnell von dem Schrecken der überstürzten Geburt.

Dann folgte der Ärger: Wie jedes Neugeborene sollte auch Amelia in der ersten Lebenswoche am Standesamt angemeldet werden. Telefonisch erwirkte der Vater Aufschub bis Montag, da Mutter und Tochter erst Freitag aus der Klinik in Garmisch entlassen worden waren und das Kind in Weilheim angemeldet werden musste. Kein Problem, dachten die Eltern, schließlich hatten sie diverse Schreiben, die bestätigten, dass Amelia zur Welt gekommen ist: eine Kopie des Notarztberichtes, eine Bescheinigung des Klinikums Garmisch, den Mutterpass mit Stempel des Krankenhauses.

Doch dem Weilheimer Standesamt reichte das nicht aus. Die Geburt müsse auf dem dafür vorgesehenen Formular bestätigt werden, das am Standesamt erhältlich ist und, weil keine Hebamme dabei war, die diese Aufgabe normalerweise übernimmt, müsse der Notarzt selber das Formular ausfüllen. Der Notarzt weigerte sich im Gespräch mit der Standesbeamtin, diesen Vorgang per Fax oder Mail zu erledigen. So musste Wolfgang Knorr anschließend durch den halben Landkreis zum Notarzt fahren, damit dieser das Formular unterschreiben konnte. Anschließend fuhr er dann wieder zum Weilheimer Standesamt, wo er dann den Nachwuchs endlich anmelden konnte.

Nicole Knorr-Strauch hat für diese Vorgaben wenig Verständnis: „Ich habe mir die Geburt ohne Hebamme ja nicht ausgesucht.“ Sie fragt sich auch, wie Alleinerziehende oder Familien ohne Auto das alles innerhalb der ersten Woche, nachdem ein Kind zur Welt kam, schaffen sollen. An diesem Procedere lasse sich in so einem Fall nichts ändern, sagt eine Weilheimer Standesbeamtin, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Wir brauchen eine Bestätigung, dass es das Kind gibt.“ Normalerweise seien Hebammen bei den Hausgeburten dabei, die das entsprechende Formular ausfüllen. „Eine Sturzgeburt auf dem Sofa ist die absolute Ausnahme.“ Sie könne sich nicht erinnern, dass es einen solchen Fall schon einmal gegeben hätte.

Kathrin Hauser

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Hangrutsch durch Starkregen: Verkürzte Überholspur an Hohenpeißenberger Umfahrung
Auf der B 472  im Bereich östlich der Kohlgrabenbrücke ist die Böschung ins Rutschen gekommen. Deshalb wurde die Überholspur verkürzt. Die Stelle wird von Vermessern …
Hangrutsch durch Starkregen: Verkürzte Überholspur an Hohenpeißenberger Umfahrung
Arbeiter wird nachts eingeklemmt - Kollege findet ihn leblos in Halle
Tödlicher Betriebsunfall in Penzberg: Ein Arbeiter wird während der Nachtschicht von einer tonnenschweren Metallbandrolle eingeklemmt und stirbt.
Arbeiter wird nachts eingeklemmt - Kollege findet ihn leblos in Halle
Peter Maffay erzählt aus seinem Leben: „Musik ist der geilste Job“
Unter dem Titel „Europa eine Seele geben – Erzählungen aus einer europäischen Biographie“ sprach Peter Maffay über sein Leben, Europa und die Völkerverständigung.
Peter Maffay erzählt aus seinem Leben: „Musik ist der geilste Job“
30 Jahre „Arche Noah“ für die ganze Familie
Filzen, Holzwerkeln oder Zirkus-Workshop: ein vielfältiges Angebot für Kinder hatten die Mitarbeiter für das Gründungsfest des Familienzentrums „Arche Noah“ vorbereitet. 
30 Jahre „Arche Noah“ für die ganze Familie

Kommentare