Am Holztisch arbeitet Arnold Reuss, wenn er im Homeoffice ist. Politisch hat er sein Zuhause bei den Freien Wählern gefunden.
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Am Holztisch arbeitet Arnold Reuss, wenn er im Homeoffice ist. Politisch hat er sein Zuhause bei den Freien Wählern gefunden.

BUNDESTAGS-KANDIDATEN IM PORTRÄT: ARNOLD REUSS (FREIE WÄHLER)

Der gelassene Politik-Neuling tritt zur Wahl an

  • Katrin Kleinschmidt
    VonKatrin Kleinschmidt
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Zwölf Direktkandidaten treten am 26. September bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Weilheim an, zu dem auch der Landkreis Garmisch-Partenkirchen gehört. Wir haben die Bewerber an ihrem Arbeitsplatz porträtiert. Heute: Arnold Reuss (Freie Wähler) aus Weilheim.

Weilheim – Ein Reihenhaus in Weilheim. Das Klingeln ist kaum verhallt, da öffnet Arnold Reuss die Tür, lächelt, winkt herein. Vorbei an der Garderobe geht’s direkt zum Holztisch. Der 38-Jährige ist heute im Homeoffice. Wobei der Begriff beim Weilheimer nicht ganz passt. Denn Zuhause ist er in diesem Gebäude nicht – aber es gehört der Familie, der Bruder ist derzeit nicht da. Da nutzt Reuss tagsüber den Essbereich, mit Blick in den Garten. „Hier ist es schön ruhig“, sagt der Direktkandidat der Freie Wähler. „Das ist praktisch.“

Laptop und Telefon sind seine „Werkzeuge“, mehr braucht er nicht. Beim Besuch der Heimatzeitung ist der Computer zugeklappt, Einblicke in seine Arbeit kann Reuss nur mit Worten verschaffen. Als Patentanwaltsfachangestellter betreut er Kunden, die ihre Entwicklungen und Ideen schützen wollen. Da ist Diskretion wichtig. Seine Kanzlei, der Sitz ist in München, kümmert sich unter anderem um Patente in den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik und Physik.

Englisch sprechen: Für Arnold Reuss „kein Zauberwerk“

Reuss’ Kunden sitzen vor allem in Amerika und Singapur. Der Weilheimer kommuniziert meistens auf Englisch. „Das ist kein Zauberwerk“, sagt er – obwohl er nie im Ausland arbeitete. Die Sprache begeisterte ihn schon als Bub. Als Bekannte der Familie Kinderbücher schenkten, pickte er sich die englischsprachigen heraus. „Die haben mich gepackt. Obwohl ich die Aussprache erst in der Schule lernte.“ Im Gymnasium Weilheim belegte er den Englisch-Leistungskurs.

Und fing dann ein Jura-Studium an. Doch Reuss fehlte etwas. „Ich wollte in den Berufsalltag einsteigen.“ Er brach ab, absolvierte 2014 ein Praktikum bei der Heimatzeitung, suchte außerdem im Internet mit Schlagworten wie „Studienabbruch Jura“ und „juristischer Hintergrund“ nach Job-Angeboten – und landete im Patentwesen. Quereinsteiger aus dem juristischen Bereich „sind dort gar nicht selten“, sagt Reuss, der die Ausbildung zum Patentanwaltsfachangestellten absolvierte. Bei seiner Kanzlei „hat die Chemie gepasst“. Dort sitze er „fest im Sattel“.

Frisch bei den „Freien Wählern“ - und schon Direktkandidat

Trotzdem bewirbt er sich für ein politisches Amt in Berlin. Wohlwissend, dass die CSU wieder auf Alexander Dobrindt setzt. „Ich weiß, welche Zahlen er bei den vergangenen Wahlen hatte. Und ich weiß, dass viele ihr Kreuz dort machen werden, wo sie es immer machen“, sagt Reuss. „Aber ich weiß auch, dass es nicht schadet, die Ideen der Freien Wähler immer wieder anzubringen.“

Jener Partei, der Reuss erst seit 2020 angehört. Damals beschloss er, sich vor Ort engagieren zu wollen. Bei den Freien Wähler mit ihrer Verankerung auf kommunaler Ebene „habe ich das Gefühl, gut aufgehoben zu sein“. Die Anfrage, ob er für den Bundestag kandidieren würde, kam überraschend. Bei der letzten Wahl standen die Freien Wähler im Wahlkreis 224 ohne eigenen Bewerber da. Reuss sagte zu, damit das nicht wieder geschieht.

Als völliger Neuling. „Ich bin kein gewiefter Politiker, der zu jeder Frage eine Antwort hinschmeißen kann. Ich weiß, dass ich viel zu lernen habe und hätte“, sagt er in ruhigem, angenehmen Tonfall. Reuss antwortet überlegt. Er lässt keinen Zweifel, dass er sich die Aufgabe zutraut – und dass er es ernst meint.

Einsatz für direktdemokratische Elemente

Er will mitwirken, dass die Politik der Freien Wähler auch bundesweit Gehör erlangt. Und sich dafür einsetzen, dass direktdemokratische Elemente wie Bürgerentscheide auf Bundesebene etabliert werden. „Man muss die Menschen mitnehmen“, sagt er. Der Frust auf die Politik sitze bei vielen tief. „Ich würde mir wünschen, Teil eines neuen Stils zu sein.“ Sachbezogen, konstruktiv. „Es gibt zu viel Empörung in der Politik, die inszeniert ist.“

Manch’ Weilheimer habe ihm schon seine Stimme zugesagt. Kein Wunder: Reuss ist von hier, lebt im Weilheimer Moos mit Großeltern und Eltern auf einem alten Bauernhof. Er engagierte sich in der evangelischen Kirche, spielte in der Big Band des Gymnasiums. Man kennt ihn – und er kennt Weilheim.

Ein echter Weilheimer, geboren in Rumänien

Zur Welt kam er hier nicht. Reuss ist ein Siebenbürger Sachse, geboren im rumänischen Reußmarkt gehörte er der dortigen deutschsprachigen Minderheit an. Als er zehn Monate alt war, zog die Familie nach Weilheim. Oma und Mutter sprechen noch die besondere Mundart. Reuss selbst hat das Interesse für seine Herkunft erst im Erwachsenenalter gepackt, er unternahm mit der Familie eine Reise nach Reußmarkt. Besuchte Gräber seiner Vorfahren, sah das Krankenhaus, in dem er geboren wurde. „Für mich ist wichtig, dass das zu meiner Identität dazugehört“, sagt er. „Obwohl Weilheim meine Heimat ist.“

Und in der kandidiert er nun. Angst vor dem Scheitern hat Reuss nicht. Wenn sich Menschen wegen seiner Kandidatur mit den Freien Wählern beschäftigt, „habe ich schon viel gewonnen“, sagt er. „Dafür springe ich ins kalte Wasser. Und das macht auch nichts. Neulinge tun gut. Sie sind es, die die Gesellschaft braucht.“

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