Nur fürs Foto hat sich Gerrit Huy in ihr Büro im Obergeschoss gesetzt – wegen der Hitze unterm Dach nutzt sie es nämlich nur im Winter.
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Nur fürs Foto hat sich Gerrit Huy in ihr Büro im Obergeschoss gesetzt – wegen der Hitze unterm Dach nutzt sie es nämlich nur im Winter.

BUNDESTAGS-KANDIDATEN IM PORTRÄT: GERRIT HUY (AFD)

Mit 68 soll im Bundestag die zweite Karriere folgen

  • Boris Forstner
    VonBoris Forstner
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Zwölf Direktkandidaten treten am 26. September bei der Bundestagswahl im Wahlkreis Weilheim an, zu dem auch der Landkreis Garmisch-Partenkirchen gehört. Wir haben die Bewerber an ihrem Arbeitsplatz porträtiert. Heute: Gerrit Huy (AfD) aus Inning.

Inning – Das Haus ist ein Traum. Wobei, Haus ist untertrieben – Villa trifft es besser. In ihrem Arbeitszimmer im Dachgeschoss kann Gerrit Huy sogar auf den Ammersee schauen, „aber da bin ich eigentlich nur im Winter, sonst ist es zu heiß“, sagt die 68-Jährige, die deutlich jünger wirkt. Die Einrichtung in den hohen Räumen ist geschmackvoll, nicht protzig, viele Bücherregale stehen an den Wänden. Es ist förmlich zu spüren: Gerrit Huy ist jemand, der es im Leben zu etwas gebracht hat. Und jetzt, wenn sich andere im Ruhestand um Garten oder Enkel kümmern, will sie bei der AfD eine zweite Karriere als Politikerin starten.

Über ihre berufliche Vergangenheit will Huy – der Name kommt aus dem französischen – gar nicht so viel sprechen. Dabei sind die Etappen ihres Lebens äußerst spannend: Geboren in Braunschweig, aufgewachsen in Hamburg, Mathematik studiert, geheiratet, das erste Kind bekommen, in die USA gegangen, dort noch ein Kind bekommen, noch ein Studium, drittes Kind – „studieren war toll, da hatte ich viel Zeit für die Kindererziehung“, sagt Huy, die schnell redet und es gewohnt ist, dass man ihr zuhört.

Die Bundestagswahl 2021 steht vor der Tür. Hier ein Überblick über die 46 Wahlkreise in Bayern, die Direktkandidaten und wie Sie an die regionalen Ergebnisse kommen.

Bundestagswahl im Wahlkreis Weiheim: Im Beruf war für Politik keine Zeit

1986 fing sie „beim Daimler“ an, wie sie sagt, und dort arbeitete sie sich schnell nach oben. Irgendwann war sie in der höchsten Management-Ebene angekommen, arbeitete bei der Daimler-Tochter Debis, nach insgesamt elf Jahren dort folgten noch Jobs bei Kirch und Compaq – große Firmen, große Verantwortung. In beruflichen Erinnerungen schwelgt Huy aber nicht. Nur eine Collage mit Automobilteilen, die sie zum Daimler-Abschied bekommen hat, erinnert an ihre dortige berufliche Tätigkeit, und eine lustige Karikatur, die sie als ausscheidendes Verwaltungsrats-Mitglied bei der Schweizer IT-Firma Swisscom geschenkt bekommen hat.

Für Politik war da keine Zeit. „Dabei wollte ich nach dem Studium eigentlich aktiv werden“, sagt Huy. Wenigstens nebenbei Politik gestalten war ihr Ziel – doch das wurde ihr bei Daimler schnell ausgetrieben. „Die haben zu mir gesagt: Das wird nicht passieren, weil das nicht zusammenpasst“, erinnert sie sich.

Bundestagswahl im Wahlkreis Weiheim: So kam Gerrit Huy zur AfD

Vor rund zehn Jahren, als sie es beruflich bereits ruhiger angehen ließ, in München bei einer Firma Start-up-Unternehmer beriet und das Haus am Ammersee gebaut hatte, wollte sie den Einstieg in die Politik noch einmal angehen. „Aber ich fand einfach keine Partei, die zu mir gepasst hätte“, sagt Huy. Das änderte sich, als sie im Fernsehen sah, wie die damaligen AfD-Hochkaräter Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel als Nazis beschimpft wurden. „Ich kannte Henkel beruflich und habe mir gedacht: Das kann doch nicht sein, da muss ich etwas tun“, sagt Huy. Das war ihre Annäherung an die AfD, der sie schließlich 2017 beigetreten ist.

Ihre Familie war darüber mäßig begeistert. „Die Kinder waren gar nicht glücklich“, gibt Huy zu. Auch ihr Mann Hans-Dieter habe einige Zeit gebraucht, sei aber letztlich auch der Partei beigetreten. Im Hintergrund hat Huy schon länger eifrig mitgearbeitet, im Berliner Fachausschuss für Arbeit und Soziales sei sie für das Rentenkonzept zuständig gewesen. „Das ist mein Thema geworden. Unsere Rentner haben im Vergleich mit vielen anderen europäischen Ländern ein viel höheres Armutsrisiko, zudem ist die Durchschnittsrente bei uns viel niedriger“, regt sie sich auf.

Als Mitglied einer Partei, die in Teilen vom Verfassungsschutz beobachtet wird, darf natürlich die Frage nicht fehlen: Steht Huy dem Rechtsaußen Björn Höcke näher, oder eher dem gemäßigten Parteichef Jörg Meuthen? „Weder noch. Ich stehe in der Mitte“, sagt sie diplomatisch.

Bundestagswahl im Wahlkreis Weiheim: Gerrit Huy (AfD) schätzt ihre Chancen nicht schlecht ein

Dass die Partei in der Außendarstellung manchmal unglücklich agiert, vor allem in der zerstrittenen bayerischen Landtagsfraktion, gibt sie gerne zu. „Zumindest in letzter Zeit ist es immerhin ruhiger geworden.“ Huy ist sicher: Es fehlten in der Partei einfach Männer und Frauen mit Führungserfahrung, dem will sie mit ihrer langjährigen beruflichen Erfahrung abhelfen.

Die Chancen, dass sie in den Bundestag einzieht, sind tatsächlich nicht schlecht: Bei der Listenaufstellung hat sich Huy Platz zwölf erkämpft, „alle vor mir sind amtierende Bundestagsmitglieder“. Derzeit hat die AfD 14 bayerische Abgeordnete im Reichstag – bei einem ähnlich guten Abschneiden wie vor vier Jahren würde Huys späte zweite Karriere Realität. Etwas über zehn Prozent dürften reichen, hat sie ausgerechnet – und falls der nächste Bundestag statt 598 wegen vieler Ausgleichsmandate wie befürchtet bis zu 1000 Abgeordnete hat, reichen auch weniger. „Es gibt nicht viele Frauen mit Erfahrung in der AfD. Ich könnte mich da gut einbringen“, sagt Huy selbstbewusst.

Zwölf Kandidaten buhlen bei der Bundestagswahl am 26. September im Wahlkreis 226, der die Landkreise Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen umfasst, ums Direktmandat. Ein Überblick.

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