Immer im Einsatz: Die vergangenen zwölf Monate waren eine immense Belastung für Dr. Stefan Günther und seine Kollegen vom Gesundheitsamt des Landkreises.
+
Immer im Einsatz: Die vergangenen zwölf Monate waren eine immense Belastung für Dr. Stefan Günther und seine Kollegen vom Gesundheitsamt des Landkreises.

Dauerstress im Gesundheitsamt

Ein Jahr Pandemie - Amtsarzt warnt: „Die gesellschaftlichen Spätfolgen werden uns noch lange beschäftigen“

  • Sebastian Tauchnitz
    vonSebastian Tauchnitz
    schließen

Am 5. März 2020 wurde die erste Corona-Infektion im Landkreis offiziell bestätigt. Seitdem hat sich nicht nur das öffentliche Leben vollkommen verändert, seitdem ist auch das Gesundheitsamt des Landkreises de facto im Dauereinsatz. Wir haben mit Gesundheitsamtschef Dr. Stefan Günther über die Belastungen der vergangenen zwölf Monate gesprochen.

Landkreis – Ist das wirklich erst ein Jahr her? Dieser nasskalte Tag Anfang März 2020, als klar war: Der Landkreis Weilheim-Schongau hat seinen ersten Corona-Patienten. „Die Zeit rast“, sagt Dr. Stefan Günther, der Leiter des Gesundheitsamtes des Landkreises Weilheim-Schongau, gestern, als er an diesen Tag zurückdenkt. Noch kurz zuvor, erinnert er sich, hatte man die zarte Hoffnung, dass diese ganze Corona-Sache doch noch enden würde, bevor sie richtig beginnt.

Bereits Ende Januar war der erste Corona-Fall in Deutschland aufgetreten – in Stockdorf im Nachbarlandkreis Starnberg. Da begann eine endlose Stressphase für das Gesundheitsamt des Landkreises, erinnert sich Günther. Denn einige Kontaktpersonen der Patientin 1 wohnten im Landkreis Weilheim-Schongau.

„Auf einmal waren wir mit der Nachverfolgung der Kontaktketten beschäftigt“, sagt er. Parallel dazu begannen die Vorbereitungen auf einen möglichen Ausbruch im Landkreis. „Da haben wir beieinander gesessen und überlegt, ob wir schon Corona-Stationen in den Krankenhäusern einrichten sollen oder nicht“, so Günther.

Dann kommt der 5. März und alles geht auf einmal ganz schnell. Die Infektionszahlen steigen, die Arbeitsbelastung im Gesundheitsamt wächst unaufhörlich. „Die erste Welle war im Rückblick zwar kleiner, hat aber viel mehr Arbeit gemacht“, sagt der Gesundheitsamtsleiter. Es fehlt damals an allem. An Personal, an Material – Schutzausrüstung, Masken, Desinfektionsmittel, heute selbstverständlich überall verfügbar, damals, wenn überhaupt, nur zu Mondpreisen bestellbar. Es fehlt aber vor allem an Wissen. Kenntnissen über die Krankheit selbst, Übertragungswege, Infektionsketten. Alles müssen sich die damals 24 Mitarbeiter des Gesundheitsamtes selbst erarbeiten. Dabei klingelt ununterbrochen die Bürgerhotline, gehen zahllose Mails ein. Fragen über Fragen – viele Antworten kennen die Verantwortlichen zu diesem Zeitpunkt selbst nicht. „Das alles hat uns wie eine Tsunami überrollt“, sagt Günther abgeklärt. Es sind Tage, die an die Substanz gehen. Tage, an denen das Gesundheitsamt immer schneller wächst. „Wir hatten großartige Hilfe von der Personalabteilung und der Landrätin“, sagt Günther. Sämtliche Auszubildenden werden ins Gesundheitsamt abkommandiert, alle Abteilungen entsenden, wen auch immer sie irgendwie freischaufeln können, ans Gesundheitsamt.

Die Entwicklung der Infektionszahlen während der letzten zwölf Monate.

Immer mehr Mitarbeiter sind im Einsatz. Die Bundeswehr schickt 21 Mann, die Polizei zwölf Beamte, auf Abruf kommen Helfer aus dem Staatlichen Bauamt oder dem Finanzamt. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle, irgendwann im Oktober, November, Dezember – die Tage und Monate verschwimmen in der Erinnerung – arbeiten 120 Leute im Gesundheitsamt. Einige kommen nur für ein paar Wochen wie die FOS-Praktikanten. Sie müssen angelernt werden. Wenn sie fit sind, sind sie wieder weg. Sie alle brauchen einen Arbeitsplatz, einen Zugang zum System. Es sind Tage, an denen Günther feststellt, dass er nicht mehr jeden kennt, dessen Chef er gerade ist.

Sie haben es geschafft. Bis auf wenige Tage konnte die Nachverfolgung der Kontaktketten durchgehend gewährleistet werden. Das hatte seinen Preis: „Viele meiner Mitarbeiter haben sieben Tage die Woche gearbeitet, von morgens früh bis spät in die Nacht. Das zehrt an einem. Auch an mir ist das nicht spurlos vorbeigegangen, das beschäftigt einen, geht an die Gesundheit“, sagt der Gesundheitsamtsleiter. Über Weihnachten, da haben sie versucht, dass jeder mal zwei, drei Tage am Stück frei hat. „Einen klassischen Jahresurlaub hat bei uns im vergangenen Jahr keiner gemacht“, ist sich der Chef sicher. Wie auch: Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes haben auch ein Leben außerhalb der Verfolgung der Kontaktketten, haben Familien, haben Kinder, die wie alle anderen auch während der Schulschließungen zu Hause betreut und beschult werden mussten. Was an Urlaub möglich war, ging bei den meisten dafür drauf.

„Ich habe wahnsinnigen Respekt vor meinen Leuten“, sagt Günther. Da habe keiner auf die Uhr geschaut, die Abteilung sei in den vergangenen zwölf Monaten noch stärker zusammengewachsen.

Auch wenn die Inzidenzzahlen in den vergangenen Wochen gesunken sind – Entwarnung will der Gesundheitsamtsleiter noch nicht geben. „Die Inzidenzwerte sinken momentan nicht weiter, statt dessen ist in den letzten Tagen ein leichter Anstieg zu verzeichnen“, warnt er. Und die Lockerungen, die schon stattfanden, machen die Nachverfolgung nicht leichter. „Im Lockdown, als die Schulen geschlossen waren, hatten wir in der Regel ein bis zwei Kontaktpersonen pro Infiziertem – jetzt sind es leicht zehn bis 20.“

Unangenehme Wahrheiten, die zeigen, dass die Pandemie auch ein Jahr nach ihrem Ausbruch noch lange nicht überstanden ist. Zu den unangenehmen Wahrheiten gehört aber auch, dass das Gesundheitsamt so viel mit Corona zu tun hat, dass viele andere „normale“ Aufgaben derzeit kaum bewältigt werden können. „Wir machen nur das Allernotwendigste – für die Trinkwasserüberwachung haben wir immer einen Kollegen abgestellt“, sagt Stefan Günther.

Vieles andere liegt brach. Was ihn besonders belastet, ist, dass momentan keine Zeit für den gesamten sozialen Aspekt der Arbeit des Gesundheitsamtes bleibt. „Wenn man weiß, was gerade in vielen Haushalten passiert, wenn die Nerven blank liegen und der Alkoholkonsum steigt“, sagt Günther, „dann ahnt man, dass uns die gesellschaftlichen Spätfolgen der derzeitigen Krise weit länger beschäftigen werden als die eigentliche Pandemie.“ Der „einzige Silberstreif am Horizont“, den er gerade ausmacht, „sind die Impfungen. Nur mit deren Hilfe wird eine Rückkehr zum normalen Leben möglich sein.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare