HNO-Arzt Christian Lübbers impft Therese (80) und Manfred Neuert (78) 
+
Impfungen Praxis Lübbers_5278.jpg

Patienten telefonisch eingeladen

„Endlich kann ich was tun“: Weilheimer Praxis startet mit Corona-Impfung - wir waren dabei

  • Sebastian Horsch
    vonSebastian Horsch
    schließen

Ab heute wird in fast 1700 bayerischen Arztpraxen gegen Corona geimpft – zunächst mit Astrazeneca. In einer Weilheimer Arztpraxis wurde schon gestern der erste Stich gesetzt.

  • In Bayern steigen die Hausärzte ins Impfgeschehen ein
  • Eine Weilheimer Praxis legte am Dienstag schon los
  • Gleichzeitig trafen beunruhigende Neuigkeiten über den Astrazeneca-Impfstoff ein

Weilheim – Es ist kurz nach 14 Uhr, als es an der Sprechzimmer-Tür klopft. „Der Impfstoff ist da“, ruft eine Mitarbeiterin dem Weilheimer HNO-Arzt Christian Lübbers zu. Ihr Chef eilt in den Flur, wo ihn die Apothekerin Iris Hundertmark mit einer großen Kühlbox im Arm erwartet, aus der sie ein kleines Fläschchen packt. Fünf Milliliter Astrazeneca, gerade vom Großhandel geliefert und genug für zehn Dosen. Am Donnerstag erhält Lübbers noch einmal die gleiche Menge. „Ein total besonderer Tag“, sei dieser Dienstag heute. „Ich kann endlich aktiv etwas gegen die Pandemie tun.“ Auch wenn es erst mal nur 20 Dosen sind. Jetzt kann es endlich losgehen.

Die Weilheimer HNO-Praxis ist eine von knapp 1700 Haus- und Facharztpraxen in Bayern, die offiziell heute damit beginnen, Patienten gegen das Coronavirus zu impfen. Der Rest soll nach Ostern nachziehen. Eine Entscheidung, die für Lübbers überfällig ist. Nicht nur, weil chronisch Erkrankte in den Impfzentren oft durchs Raster gefallen seien. Ärzte würden ihre Patienten nun einmal am besten kennen. Lübbers erzählt von einer schwerhörigen Patientin – 84 Jahre alt, kein Internet. Beim Versuch, über die Hotline einen Termin zu buchen, sei sie gescheitert. „Als ich selbst angerufen habe, kam eine Bandansage, die mitteilte, man solle dranbleiben.“ Seine schwerhörige Patientin hatte genau an dieser Stelle immer aufgelegt.

„Ein Patient über 80 Jahre hat ein 600-fach erhöhtes Risiko, an Covid-19 zu sterben“

Der HNO-Arzt kennt viele dieser Geschichten. Eine weitere davon wird nun in seinem Wartezimmer erzählt. Schon eine Stunde nachdem der Impfstoff in der Praxis ankam, haben dort Therese (80) und Manfred Neuert (78) Platz genommen. Letzten Donnerstag hätten sie einen Anruf erhalten, dass Therese Neuert am folgenden Tag einen Termin in einem Impfzentrum haben könne. „Weil ich blind bin, habe ich gefragt, ob ich gleich mitgehen kann“, erzählt ihr Mann. „Aber uns wurde gesagt, das geht nicht.“ Seine Frau schlug den Termin aus. Heute werden sie nun beide in Lübbers‘ Praxis geimpft.

Haben sie sich vorher Gedanken gemacht? „Ich bin keine Impfnarrische“, sagt Therese Neuert, „aber vernünftig genug.“ Sie sei froh, dass diese Notwendigkeit nun erledigt werde. „Schau ma mal, wie’s uns danach geht“, sagt ihr Mann. Dieses Astrazeneca solle ja manchen Probleme bereiten.

Während sich das Gespräch im Wartezimmer auf brütende Amseln verlagert, verbreitet sich über die Medien die Nachricht, dass München die Impfungen mit Astrazeneca für Unter-60-Jährige ausgesetzt hat. Was hält Lübbers davon? „Ich habe bewusst Patienten ausgesucht, bei denen eindeutig der Nutzen der Impfung den möglichen Schaden überwiegt“, sagt er – sprich, ältere Menschen in der höchsten oder einer hohen Prioritätsstufe. „Ein Patient über 80 Jahre hat ein 600-fach erhöhtes Risiko, an Covid-19 zu versterben als ein 30-Jähriger.“ Gerade wenn es um solche Abwägungen geht, sei es besonders wichtig, dass die Menschen nicht nur Informationen erhalten, sondern auch jemanden haben, der sie einordnet. „Das ist seit jeher Aufgabe der niedergelassenen Ärzte.“ Gut, dass sie sie nun wahrnehmen könnten.

Gemeinsam mit einer Mitarbeiterin zieht Lübbers nun die Spritzen auf. Um möglichst keinen Impfstoff zu verschwenden, haben sie extra kleine Ein-Milliliter-Spritzen gekauft. Zudem muss er bei der Belüftung aufpassen. „Astrazeneca kann bei falscher Entnahmetechnik leicht aufschäumen.“

„Wir telefonieren, bis wir jemanden haben, den wir impfen können“

Das alles ist eigentlich tägliches Handwerk, sagt Lübbers. Aber heute soll eben auf keinen Fall etwas schiefgehen. Eine verschwendete Impfdosis sei immer ärgerlich. Bei einer Corona-Impfung sei es aber doppelt schlimm. Deshalb gelte auch: „Wir werden nichts wegwerfen.“ Und wenn ein Termin knapp vorher abgesagt wird? „Dann telefonieren wir so lange, bis wir jemanden haben, den wir impfen können.“

Kurz darauf ist es für Therese Neuert so weit. „Das war es schon?“, fragt die 80-Jährige, als es in ihrem Arm leicht piekst. Ja, das war es schon. 15 Minuten müssen sie und ihr Mann zur Beobachtung noch bleiben. Für den Arzt und sein Team steht nun die Dokumentation an. Ein Aufkleber in den Impfpass und drei Unterschriften von Lübbers, zwei der Patienten. Dann muss alles auch noch im bayerischen Onlinesystem registriert werden. „Das ging erstaunlich einfach“, sagt Lübbers.

Doch für ihn und sein Team waren die Impfungen auch mit einiger Vorarbeit verbunden. Sie gehören zu den nur fast 200 Facharztpraxen in Bayern, die für den vorgezogenen Impfstart ausgewählt wurden. Der Rest sind Hausarztpraxen. Als klar war, dass sie dabei ist, erstellte die Praxis zunächst eine Liste mit Patienten. „Alle, die in der Nähe wohnen, in den letzten Monaten bei uns waren und älter als 80 Jahre sind, haben wir angerufen“, sagt Lübbers. Nur so konnten sie überhaupt herausfinden, wer noch nicht geimpft ist. Auch von zwei Hausarztpraxen, die noch nicht impfen können, übernimmt Lübbers Patienten. Sie kommen am Donnerstag dran.

Weilheim-Penzberg-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser brandneuer Weilheim-Penzberg-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Weilheim und Penzberg – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare