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Beziehungskiller oder Chance? Eheberater setzt auf Kommunikation

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Von: Jennifer Battaglia

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Ehestreit, kaputter Teller
Damit die Beziehung nicht in die Brüche geht, rät der Eheberater den Paaren, zu reden und einander zuzuhören. © Sebastian Gollnow / dpa

Für viele Paarbeziehungen war die Corona-Pandemie eine Zerreißprobe – und ist es immer noch. Dass schwierige Zeiten nicht nur fordernd sind, sondern auch als Chance genutzt werden können, erklärt ein Ehe-, Familien- und Lebensberater.

Weilheim – In der Corona-Pandemie sind völlig neue Herausforderungen für Paare aufgetaucht. Hatte man sich vorher vielleicht nur abends und am Wochenende gesehen, sorgten Lockdowns für ständige Zweisamkeit. Man teilt sich im Homeoffice zeitweise gar ein Büro. Diese erzwungene Nähe gepaart mit den Sorgen und Ängsten rund um das Virus, sorgt für reichlich Konfliktpotenzial. Dann auch noch die Frage nach der Impfung. Soll ich, oder soll ich nicht und was macht mein Partner? Halte ich es aus, wenn er oder sie eine andere Entscheidung trifft als ich selbst? Besonders schwierig wird es, wenn auch Kinder im Spiel sind.

„Paare leiden immer noch unter dieser neuen Art der Belastung“, sagt Paulo Nicoly Menezes. „Sogar jetzt, da die Pandemie etwas in den Hintergrund tritt.“ Der Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen in Weilheim hat in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Gespräche mit strapazierten Liebespaaren geführt. Und nicht selten schien die Liebe durch die Belastungen abhanden gekommen zu sein.

Sein Tipp für alle Betroffenen mag sich simpel anhören – einfach umzusetzen ist er aber nicht: „Reden Sie miteinander und hören Sie einander zu. Versuchen Sie die Beweggründe des anderen zu verstehen, ohne sich Vorwürfe zu machen.“

Paolo Nicoly-Menezes Ehe, Familien- und Lebensberater in Weilheim Die Pandemie und der Krieg zeigen, dass wir nicht alles kontrollieren und planen können.
Paolo Nicoly-Menezes Ehe, Familien- und Lebensberater in Weilheim © ELF

Es gehe darum, offen kommunizieren zu können, ohne immer gleich zwangsläufig im Konflikt zu enden. Sich gegenseitig zu akzeptieren und anzunehmen, auch wenn man nicht gleicher Meinung ist. Die Beratungsstelle könne helfen, festgefahrene Gesprächsmuster aufzubrechen. „Schwierigkeiten sind Teil jeder Partnerschaft“, sagt Nicoly Menezes, der seit 2020 die Beratungsstelle des Bistums Augsburg führt. „Das ist völlig normal und kann unsere Beziehungen bereichern.“ Erst wenn kein Dialog mehr möglich scheint, wenn jedes Gespräch eskaliert oder gar nicht mehr kommuniziert wird, sollte man sich Hilfe von außen suchen. Denn in solchen Fällen besteht wohl ein ernsthaftes Problem.

Hinter Konflikten stecken oft unterdrückte Gefühle und Ängste

Oft würden hinter den Konflikten in Paarbeziehungen unterdrückte Gefühle und Ängste stecken. Da lohne es sich, genauer hinzuschauen und ernsthaft darüber nachzudenken, ob man vielleicht Begleitung von außen brauche. Viele Paare würden es als Schwäche ansehen, eine Beratung in Anspruch zu nehmen. „Dabei habe ich erlebt, dass je früher die Menschen Hilfe suchen, umso mehr sich die Art der Beziehung verbessert“, sagt der Ehe-, Familien- und Lebensberater.

Wer nach Lösungen suche, habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. „Dann existiert noch Liebe“, so Nicoly Menezes. „Erst wenn ich nichts mehr tue und das Interesse verloren habe, ist keine gemeinsame Basis mehr da.“ Er ermutigt alle Paare zu einem Beratungsgespräch, die nicht mit sich im Reinen sind.

Aber nicht jeder hat die zwei Jahre Pandemie ausschließlich negativ erlebt. Es gibt durchaus Menschen, die es als großen Vorteil wahrgenommen haben, mehr Zeit miteinander zu verbringen. „Man konnte sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, welche Prioritäten man als Paar hat“, sagt Nicoly Menezes. Jedoch habe der Wohnraum hier eine entscheidende Rolle gespielt. „Wer beengt wohnt und sich nicht zurückziehen kann, hat mehr unter der Pandemie gelitten als diejenigen, die zuhause mehr Platz haben“, sagt der Diplom-Philosoph, der auch Diplom-Theologe ist.

Im Hinblick auf den kommenden Herbst mit möglichen weiteren Einschränkungen rät der Berater: „Bleiben Sie im Moment. Es macht keinen Sinn, sich jetzt schon Gedanken um das Morgen zu machen.“ Die Pandemie und letztlich auch der Ukraine-Krieg haben deutlich gezeigt, dass man nicht alles planen und kontrollieren könne. „Wenn die Herausforderungen vor der Tür stehen, beschäftigt man sich damit“, sagt Nicoly Menezes. Vorher sollte man sich nicht verrückt machen.

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