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Corona-Kampf auf der Intensivstation: Tag für Tag für Tag

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Von: Sebastian Tauchnitz

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Unmengen an Medikamenten sind Tag für Tag im Kampf um das Leben der Covid-Patienten notwendig.
Unmengen an Medikamenten sind Tag für Tag im Kampf um das Leben der Covid-Patienten notwendig. © Foto: Krankenhaus GmbH

Seit fast zwei Jahren kämpfen die Pflegekräfte auf den Intensivstationen Tag für Tag um das Leben der Patienten. Im Gespräch mit der Heimatzeitung berichten drei Mitarbeiter der Krankenhaus Weilheim-Schongau GmbH, wie es ihnen dabei geht.

Landkreis – Viel wird dieser Tage darüber gesprochen, wie schwer und wie wichtig die Arbeit der Pflegekräfte ist. Nicht nur, aber ganz besonders in Zeiten der Pandemie. Doch wie schwer die Arbeit wirklich ist, weiß keiner.

„Versuchen Sie, einen erwachsenen Menschen ohne jede Körperspannung umzudrehen. Sechs mal in einer Stunde. Mit voller Schutzausrüstung, also unter Saunabedingungen“, sagt Rick Breunig. Er leitet das Team der Intensivstation in Schongau.

Die psychischen und physischen Anforderungen an die Pflegekräfte auf der Intensivstation sind immer hoch. „Aber die Versorgung der Corona-Patienten ist noch einmal deutlich anstrengender“, sagt Georg Schropp, Intensivpfleger aus Weilheim. Das liege zum einen daran, dass die Pflegekräfte seit Ausbruch der Pandemie unter Vollschutz arbeiten müssen. „Schon allein das An- und Ausziehen der Schutzbekleidung nimmt wahnsinnig viel Zeit in Anspruch“, berichtet er.

Man schwitzt sehr schnell unter der Schutzkleidung. Zudem sei auch der Pflegeaufwand der Covid-Patienten immens: „Sie brauchen mehr von allem. Mehr Medikamente, um sie bei Bedarf im künstlichen Koma zu halten, mehr Antibiosen.“ Das alles kostet Zeit und Kraft. Und die Kraft geht so manchem nach fast zwei Jahren Pandemie langsam, aber sicher aus.

Im Gespräch: Ulrike Kiefel und ihr Kollege Georg Schropp von der ITS in Weilheim.
Im Gespräch: Ulrike Kiefel und ihr Kollege Georg Schropp von der ITS in Weilheim. © Foto: Krankenhaus GmbH

„Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir hier noch sehr gute Bedingungen vorfinden“, sagt Ulrike Kiefel, die auf der Intensivstation in Weilheim arbeitet. Es gebe genügend Pflegekräfte, um alle Intensivbetten belegen zu können, Überstunden fallen so gut wie nie und die (eigentlich verbotenen) Doppelschichten, die in anderen Krankenhäuser an der Tagesordnung sind, gebe es gar nicht. „Aber wir haben natürlich auch kein Personal auf Abruf stehen, falls mal einer krank wird. Und krank werden ab und an auch Pflegekräfte“, sagt sie. Dann müssen die anderen halt noch mehr ranklotzen, um die Patienten zu versorgen. Dennoch: „Die Bedingungen hier bei der Krankenhaus GmbH sind gut. Es hat seinen Grund, dass sowohl Georg als auch ich wieder zurückgekommen sind, nachdem wir zwischenzeitlich woanders gearbeitet haben.“

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Pflegedirektorin Anne Ertel berichtet, dass die Krankenhausleitung versuche, den Pflegekräften zu helfen, wo immer das auch nötig ist. „Wir bieten auch eine Supervision an, wenn Bedarf besteht.“ Doch die psychologische Betreuung wird nur selten in Anspruch genommen, sagt Rick Breunig. Und das, obwohl die „Supervision in der Kaffeeküche“ derzeit nicht stattfinden kann. Die Pflegekräfte können sich nicht so einfach am Kaffeeautomaten treffen, kurz kräftig fluchen und sich gegenseitig beistehen: „Wir sind angehalten, nur einzeln Pause zu machen, um eine mögliche Ansteckung zu verhindern“, sagt Breunig. Da bleibe oft nur das Telefonat nach Feierabend.

Egal ob geimpft oder ungeimpft: „Wir geben bei jedem Patienten unser Bestes“

Die Stimmung unter der Belegschaft ist gut, das versichern alle unsere Gesprächspartner. Die Gesellschaft, sie mag in der Debatte um Impfung oder nicht gespalten sein. Im Krankenhaus würde man zwar auch darüber diskutieren, sagt Rick Breunig. „aber wir sind hier offen im Umgang mit anderen Meinungen“. Sicher, der größte Teil der Mitarbeiter sei mittlerweile geimpft, „und es macht die Sache nicht einfacher, dass sich einige nicht impfen lassen möchten“, sagt Pflegedirektorin Ertel. Aber „wir verhindern eine Spaltung“.

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Im Umgang mit den Patienten spiele das Thema keine Rolle, sagt Breunig. Sicher, der überwiegende Teil der Intensivpatienten, die derzeit behandelt werden, sei ungeimpft. Sicher, man merke deutlich, dass diejenigen, die trotz Impfung im Krankenhaus landen, die deutlich leichteren Krankheitsverläufe haben, „aber wir geben bei jedem Patienten unser Bestes“.

Man könne auch „nicht alle Ungeimpften über einen Kamm scheren, das sind nicht alles Spinner“. Und doch: „Wenn jemand ungeimpft auf der Intensivstation liegt und dennoch darauf beharrt, alles richtig gemacht zu haben, da fehlt es einem manchmal schon ein bisschen an Mitleid.“ Denn Pflegekräfte sind auch nur Menschen mit Gefühlen. „Wenn Dir innerhalb von 30 Minuten drei Patienten sterben, dann macht das was mit Dir“, sagt Breunig.

Im Gespräch: Rick Breunig leitet das Pflegeteam der Intensivstation des Schongauer Krankenhauses.
Im Gespräch: Rick Breunig leitet das Pflegeteam der Intensivstation des Schongauer Krankenhauses. © Foto: Krankenhaus GmbH

Diese Gefühle nehme man anschließend mit nach Hause, sagt Ulrike Kiefel. „Da kommt man vollkommen kaputt an – und dann wartet da noch das ganz normale Leben.“ Sie hat Glück, ihre Tochter ist schon erwachsen und studiert. Aber es gibt auch alleinerziehende Mütter, die auf der ITS arbeiten. Mit Kindern im Homeschooling und all dem privaten Pandemie-Irrsinn. „Wir haben versucht, diese Kolleginnen so gut es geht zu entlasten“, berichtet Breunig. Unter der Woche am Vormittag seien die Kollegen eingesprungen, die keine kleinen Kinder haben. Schichten wurden so organisiert, dass es irgendwie geht.

„Es kann aber nicht sein, dass es immer nur irgendwie geht“, sagt Ulrike Kiefel. Bei so einem zehrenden Beruf sei es auch wichtig, „mal ab und an etwas für sich zu machen“. Sie geht Laufen oder Radfahren. Atmen, bewegen, den Kopf freibekommen.

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Nach wie vor ein Problem ist auch die fehlende Anerkennung, sagen alle drei Pflegekräfte übereinstimmend. Die Politik rede immer nur über Geld, über Prämien. Klar freue man sich darüber, aber das sei nicht alles.

„Vergangenes Jahr, da wurde mal geklatscht, da verging kaum ein Tag, ohne dass irgendjemand etwas für die Pflegekräfte vorbeigebracht hat“, sagt Breunig. Es sind kurzlebige Zeiten, die Ausnahmesituation, sie ist zur Normalität geworden. Heute taucht so gut wie keiner mehr auf und sagt einfach mal „Danke“. „Und wenn dann wieder einer zu mir sagt: ,Deinen Job könnte ich nicht machen’, dann reagiere ich gereizt. Weil das keine Anerkennung ist, sondern das genaue Gegenteil.“

„Fataler Weg, Krankenhäuser nur als Kostenfaktoren und Wirtschaftsunternehmen zu sehen“

Auf die Frage, was sie sich wirklich von der Politik wünschen würden, sagt übrigens keiner der drei Pflegenden „mehr Geld“. „Ich würde mir wünschen, dass die Politik den vor vielen Jahren eingeschlagenen, fatalen Weg überdenkt, Krankenhäuser als reine Kostenfaktoren und Wirtschaftsunternehmen zu betrachten“, meint Ulrike Kiefel stattdessen. Bei Polizei und Feuerwehr verlange auch niemand, „dass sich das rechnet“.

Unseren Gesprächspartnern gefällt auch die öffentliche Konzentration auf die Intensivpflegekräfte nicht. Nicht nur sie müssten Tag für Tag alle Kräfte mobilisieren, um durchzuhalten, die Krankheitsversorgung sicherzustellen. „Daher ein dickes Dankeschön an alle Kollegen, die Tag für Tag ihr Bestes geben“, sagt Breunig. Von der Pflegekraft über die Ärzte und die Büromitarbeiter bis hin zu den Reinigungskräften, denen ebenfalls viel mehr abverlangt werde als vor der Pandemie. Seit vielen Monaten, wieder und wieder.

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